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«Ich stehe mit beiden Beinen im Leben»

Die 21-jährige Alexandra Helbling ist seit fünfzehn Jahren Paraplegikerin. Sie strebt die Teilnahme an den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro an. Bis dahin muss die Frohnatur noch andere wichtige Ziele erreichen. Sie trainiert jetzt für die Elite-WM in Katar und bereitet sich auf das Handelsdiplom vor.

Ordnung muss sein

»Ich muss extrem organisiert sein. Tagwache ist um 6Uhr 15, eine Stunde später verlasse ich das Haus. Mein Zimmer ist meistens aufgeräumt. Ich mag Ordnung. Nur heute herrschte ein kurzfristiges Chaos, weil ich unschlüssig über mein Outfit war. Offenbar lief es so früh am Morgen noch nicht ganz rund, wie oft am Montagmorgen. Manchmal fällt mir der Wiedereinstieg in die Alltagsroutine nach dem Entspannen am Wochenende nicht so einfach. Heute halte ich im Deutschunterricht meinen Vortrag über das Buch ‹Hannibal Rising› von Thomas Harris. Ich sehe dieser Prüfung gelassen entgegen. Genauso wie bei einem Wettkampf als Rollstuhlsportlerin – ausser dass ich dort zur Entspannung vor dem Start kräftig gähne. Angespannter werde ich vermutlich bei den Handelsdiplom-Prüfungen sein, sie werden sich im Juni über die Dauer von zwei Wochen hinziehen. Angst würde ich es nicht nennen, aber Respekt. Sport wird dann wenig Platz haben, und ich werde den körperlichen Ausgleich sehr vermissen.

Der Zweifrauenhaushalt

Für ein bisschen Plaudern mit meinem Mami reicht es am Morgen immer. Eigentlich sind wir, und natürlich auch die Golden-Retriever-Dame Kisha, nur Wochenaufenthalter in der Zentralschweiz. Das Programm an der Talents School Luzern ermöglicht es überhaupt, Spitzensport und Schule zu kombinieren. Viel Dank gebührt meiner Mutter. Da ist nicht nur ihre unermüdliche Unterstützung im Alltag und an den Wettkämpfen: es ist diese harmonische Zweisamkeit, die wir miteinander erleben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Übrigens bin ich richtig stolz, dass sie kürzlich ihre Prüfungen als Masseurin bestanden hat. Die Wochenenden verbringen wir zuhause bei meinem Vater in der Ostschweiz. Meine Schwester Michaela lebt als ausgebildete Musicaldarstellerin in Frankfurt. Wie sehr ich sie vermisse! Auch sie wurde von unseren Eltern adoptiert. Wir stammen beide aus Sri Lanka. Ich kam zu ihnen, als ich nur drei Wochen alt war. Selbstverständlich erinnert mich meine Hautfarbe an meine Wurzeln, aber ich fühle mich absolut als Schweizerin.

Ausgang ist Nebensache

Meine Tage sind ausgefüllt und streng. Tägliches Training ist unerlässlich, es ist Höhepunkt und Freude jeden Tages. Zweimal in der Woche kann ich sogar zwei Trainingseinheiten im Schweizer Paraplegiker-Zentrum absolvieren. Dazu kommen noch Krafttraining und Physiotherapie. Ja, natürlich sind da auch eine Menge Schulaufgaben; wenn immer möglich erledige ich diese zwischen Schule und Training. Komme ich heim, wartet Kisha beim Lift auf mich. Meistens rolle ich direkt zum Sofa und mache es mir bequem. Nach dem langen ‹Hocken› braucht mein Rücken Entlastung. Genauso wie gemütliche Abende zuhause beim Plaudern, Fernsehen oder Musik hören, liebe ich die Spaziergänge mit Kisha am Sempachersee. Dass zum Ausgehen wenig Zeit bleibt, stört mich nicht.

Prägende Lebensschule

Das Leben im Rollstuhl ist wohl eine ganz besondere Lebensschule. Ich habe gelernt, vieles zu akzeptieren oder darüber hinweg zu sehen. War es nicht der Rollstuhl, so wurde ich früher wegen meiner Hautfarbe geplagt. In Erinnerung ist mir ein markantes Beispiel, als in der Schule das Thema Sklaverei besprochen wurde. Was mir noch heute weh tut, ist der Gebrauch des Begriffs ‹behindert›. Vermutlich ohne zu überlegen, wird dieses Wort nicht selten wie ein Schimpfwort eingesetzt: ‹Bisch behinderet?› heisst es rasch – zum Beispiel unter Schülern, wenn jemand seine Mathematikaufgabe nicht auf Anhieb lösen kann. Stört sich daran keiner? Solches kann ich nicht verstehen. Ich jedenfalls fühle mich nicht behindert, ich kann nur nicht laufen. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Normales Leben mit Spitzensport Sport ist seit Jahren meine Leidenschaft. Ich freue mich auf jedes Rennen, und noch mehr darüber, wenn ich gewinne. Ich bin auch stolz auf das Erreichte und ich werde meine ganze Kraft für die bevorstehenden Wettkämpfe einsetzen. Eigentlich stelle ich mir eine Zukunft vor, die es erlaubt, Spitzensport mit einem «normalen» Leben zu kombinieren: Sport, Beruf und Familie. Das wünsche ich mir.»

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