An ultrasound image showing the internal organs of a patient.
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Wenn es darauf ankommt

Mut klingt oft nach Ausnahmesituationen: nach einem grossen Schritt oder einer spektakulären Entscheidung. Im Berufsalltag zeigt er sich hingegen meist leiser. In Momenten, in denen man kurz innehält, abwägt und entscheidet, wie es weitergeht. Wenn Unsicherheit da ist. Und wenn der Weg nicht bereits vorgezeichnet ist.

Mitarbeitende der Schweizer Paraplegiker-Gruppe (SPG) begegnen solchen Situationen auf unterschiedliche Weise. Sie treffen Entscheidungen mit Tragweite, stellen sich belastenden Momenten, verlassen vertraute Wege und arbeiten in Kontexten, in denen nicht alles planbar ist – im Operationssaal, bei einem Rettungseinsatz, bei der Verwirklichung eines Traums oder im Einsatz in einem politisch instabilen Land. Vier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Mut im Arbeitsalltag aussehen kann.

Text: Andrea Zimmermann & Peter Birrer
Fotos: Sabrina Kohler & Walter Eggenberger

Crescenzo Capone (41), Oberarzt Wirbelsäulenchirurgie

Zweifel können helfen

Während seines Studiums hat Crescenzo Capone seinen Rucksack nicht nur mit einem breiten medizinischen Wissen gefüllt. Er hat auch gelernt, dass eine Voraussetzung in seinem Alltag unverzichtbar sein wird: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Als Neurochirurg muss er einen klaren Kopf bewahren und Entscheidungen treffen, die von grosser Tragweite sein können.

Will immer die optimale Lösung finden: Crescenzo Capone (41)

«Wer in einer Klinik arbeitet, lernt ständig von Neuem, mutig zu sein», betont der Süditaliener aus Neapel. Ihn stört das nicht – im Gegenteil. «Könnte ich damit nicht umgehen, müsste ich eine andere Beschäftigung suchen.» Zu seinen Aufgaben gehört es auch, Betroffenen und Angehörigen Diagnosen mitzuteilen, die erhebliche Auswirkungen für alle haben können. Kommunikation ist für ihn aber nicht eine Frage von Mut: «Entscheidend ist es, ehrlich und transparent zu sein.»

Der 41-Jährige mit dem wunderbar klangvollen Namen ist dreifacher Vater und lebt mit seiner Familie in Luzern. Nach beruflichen Stationen in Düsseldorf, Salzburg und Zürich startete er vor vier Jahren als Oberarzt in der Wirbelsäulenchirurgie im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Die Organisation war ihm schon lange ein Begriff, und als sich die Möglichkeit ergab, am Sempachersee eine Stelle anzutreten, zögerte er nicht. «Nottwil – wow, was für ein Ort!», sagt er.

Nach Perfektion streben

Crescenzo lebt seine Leidenschaft und ist getrieben vom Ehrgeiz, die optimale Lösung zu finden. Optimal heisst in diesem Zusammenhang: massgeschneidert. «Jede Patientin und jeder Patient hat eine eigene Geschichte. Entsprechend individuell sind die Bedürfnisse und Ziele. Wenn wir es schaffen, eine Verbesserung der jeweiligen Lebenssituation zu erreichen, gibt mir das ein sehr gutes Gefühl. Ich betrachte es als eine zusätzliche Belohnung.»

A medical professional in scrubs examines an ultrasound image on a computer screen.

Bei allem Fachwissen und inzwischen jahrelanger Erfahrung kennt Crescenzo aber auch Zweifel. Wobei das für ihn nichts Negatives ist oder etwas, das ihn in seinem Handeln hemmt. «Zweifel können sogar helfen, weil sie dazu anregen, einen Prozess oder einen Entscheid noch einmal zu überdenken», sagt Crescenzo. «Niemand will sich im Nachhinein den Vorwurf machen müssen: Hätte ich doch …»

Ihn fasziniert dieses Streben nach Perfektion. Crescenzo vertraut seinen medizinischen Kompetenzen, auch seinem Gespür für den Menschen, und er scheut sich nicht davor, andere Meinungen einzuholen. In besonders komplexen Fällen kann er jederzeit auf die Unterstützung seiner Kolleginnen und Kollegen zählen. Wenn er zur Entscheidung gelangt, welche Richtung eingeschlagen werden soll, tut er das mit aller Entschlossenheit.

A medical professional's hand holding a surgical instrument over an open surgical wound.
Three people in protective gear prepare food in a commercial kitchen.

Lea Studer (29), Assistenzärztin Ambulatorium

«Man kann jederzeit neue Wege einschlagen»

Lea Studer hat ursprünglich eine kaufmännische Lehre abgeschlossen – heute ist sie Ärztin. Die 29-Jährige weiss, dass es Mut braucht, den eigenen Träumen zu folgen, und dass Ermutigung zur richtigen Zeit den Unterschied machen kann.

Lea, wann ist dir klar geworden, dass du Ärztin werden willst?

Während meiner KV-Lehre im Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Ich konnte vom HR bis zur Orthotec in verschiedene Abteilungen hineinschauen und hatte immer wieder Kontakt mit Patientinnen und Ärzten. Schon damals war mir klar, dass das KV nicht meine letzte Ausbildung sein würde. Der Beruf der Ärztin lag für mich zu dieser Zeit jedoch ausserhalb meines Horizonts.

«Ohne meine Lehre im SPZ wäre ich wohl nicht Ärztin geworden.»

– Lea Studer

Was hat den Ausschlag gegeben?

Ich hatte das Glück, sowohl ein unterstützendes Umfeld als auch eine sehr engagierte Ausbildnerin im HR zu haben. Gegen Ende meiner Lehrzeit haben wir gemeinsam über meine Zukunft gesprochen. Dabei habe ich meinen Wunsch zum ersten Mal laut ausgesprochen und wurde sofort bestärkt. Wir haben gemeinsam Möglichkeiten zum Schnuppern organisiert und alles sorgfältig geplant – und plötzlich war für mich klar: Ich möchte es versuchen.

Und wie bist du das angegangen?

Schritt für Schritt. Da ich die Berufsmatura bereits hatte, absolvierte ich zunächst ein Jahr lang die Passerelle. Plötzlich tat sich ein neuer Horizont auf, und mit jedem erreichten Ziel – sei es eine Zwischenprüfung oder ein anderer kleiner Meilenstein – wurde ich in meinem Gefühl bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Was würdest du Menschen raten, die grosse Träume haben?

Man sollte sich Raum geben, Träume anzugehen – und gleichzeitig andere Menschen darin bestärken. Der Leitspruch «Einfach mutig vorwärtsmachen» begleitet mich noch heute. Und man sollte nicht zu viel nachdenken, sonst sieht man nur die Hindernisse statt der Möglichkeiten.

Und dein Weg zeigt, dass Umwege kein Nachteil sind.

Absolut. Man kann jederzeit neue Wege einschlagen. Meine KV-Lehre hat mir unglaublich viel gebracht. Ohne die Erfahrungen im SPZ hätte ich den Weg zum Arztberuf wohl nicht gefunden, und dafür bin ich sehr dankbar. Somit war es weniger ein Umweg, sondern vielmehr eine wertvolle Vorbereitung.

Janick Schenk (33), Ausbildner (SIRMED)

Ungewissheit aushalten

Janick Schenk hat in seinem beruflichen Alltag zwei Rollen mit einem Fokus: Es dreht sich alles um die Notfall- und Rettungsmedizin. Der bald 34-jährige Berner arbeitet als Ausbildner beim Schweizer Institut für Rettungsmedizin (SIRMED) und als Rettungssanitäter im Kanton Solothurn. «Wissens- und Kompetenzvermittlung funktioniert nur, wenn das, was ich erzähle, auch Hand und Fuss hat», sagt der gelernte Fachmann: «Ich muss stets auf dem neuesten Stand sein.»

«Ich muss zu hundert Prozent leistungsfähig sein.»

– Janick Schenk, Ausbildner (SIRMED)

Wertvoll bei der Wissens- und Kompetenzvermittlung sind seine Praxiserfahrungen, die er in mittlerweile zehn Jahren gesammelt hat. Janick ist ein Routinier – und doch ist kein Einsatz für ihn reine Routine. Er handelt zwar stets nach einem Algorithmus, aber manchmal kommt eine Komponente hinzu, die seine Aufgabe erschwert. Zum Beispiel dann, wenn an seinem Stützpunkt ein Notruf eingeht und nur oberflächliche Informationen vorliegen. Die Ausgangslage: Eine Person liegt regungslos in einer Wohnung – viel mehr ist nicht bekannt, genauere Informationen folgen erst noch.

Situationen, die Überwindung kosten

Janick rückt aus. Er weiss: Das Handwerk beherrscht er. Unklar aber ist der Rahmen. Darum schiessen ihm Fragen durch den Kopf: Was erwartet uns vor Ort? Handelt es sich um ein Gewaltverbrechen? Treffen wir auf einen Hund? «Das alles kann ein mulmiges Gefühl verursachen», sagt er. Dann erfordert es Mut, das Gebäude zu betreten. Schätzt er das Risiko als zu hoch ein, fordert er polizeiliche Unterstützung an.

Ein anderes Beispiel. Janick kümmert sich um eine Person, die das Bewusstsein verloren hat, sich in einer lebensbedrohlichen Lage befindet und dringend eine Infusion benötigt. Wenn wegen nicht sichtbarer Venen ein intravenöser Zugang nicht möglich ist, bleibt die Option, in den Knochen zu bohren: «Das sind Situationen, die Überwindung kosten.»

A construction worker in a yellow safety vest inspecting a wall.
Ambulance parked on residential street, medical personnel loading patient into rear.

In seltenen Fällen muss Janick auch den Mut aufbringen, sich bei der Zentrale für den weiteren Dienst abzumelden. Das ist dann der Fall, wenn er einen anspruchsvollen, emotional aufwühlenden Einsatz hinter sich hat – «denn ich muss zu hundert Prozent leistungsfähig sein».

Janick muss handlungsschnell sein und klare Entscheidungen treffen. Er darf Schicksale nicht zu nahe an sich heranlassen, und doch gibt es Momente, die ihn stark belasten. «Wenn jemandem durch Fremdverschulden etwas Gravierendes zustösst, berührt mich das», sagt er.

Das ändert jedoch nichts an der Faszination für seinen Beruf und seinem Wunsch, Menschen in einer Notsituation zu helfen – und andere zu befähigen, als Ersthelferinnen oder Ersthelfer die richtigen Werkzeuge anzuwenden.

Sibille Bühlmann (48), Physiotherapeutin

«Mit der Zeit wurde es einfacher»

Aus einem Monat Haiti wurde fast ein Jahrzehnt: Sibille Bühlmann (48), Physiotherapeutin im SPZ, über das Arbeiten im Ausnahmezustand, die Rolle des Bauchgefühls bei Entscheidungen – und darüber, wann Mut wirklich gefragt ist.

Sibille, dein erster Einsatz im Haiti-Projekt war 2010. Was hat dich dorthin geführt?

Ich wurde damals von meiner Vorgesetzten angefragt. Kurz nach dem schweren Erdbeben reiste ein interdisziplinäres Team des SPZ für einen Monat nach Haiti. Vor Ort entstand die Idee, ein Reha-Center aufzubauen. Dass ich schliesslich neun Jahre dort leben würde, hätte ich nie gedacht. Es hat sich ergeben – ich bin da quasi hineingewachsen.

Du bist immer wieder nach Haiti zurückgekehrt. Hat das Mut gebraucht?

Am Anfang nicht. Ich war mit einem vertrauten Team unterwegs, vieles war organisiert. Als ich mich später entschied, zunächst für ein Jahr zu gehen, war das etwas anderes. Da ging es darum, sich auf ein Leben einzulassen, das man nicht vollständig planen kann. Mit der Zeit wurde es aber einfacher. Je besser ich Land und Leute kannte, desto mehr wurde Haiti zu einem zweiten Zuhause.

Two people sitting on red benches, discussing something on a tablet.

Haiti gilt als unsicher. Wie hast du das erlebt?

Die Lage war sehr unterschiedlich, je nach Region und Zeitpunkt. Ich habe lange im Norden gelebt, dort war es ruhiger, teilweise fast idyllisch. In der Hauptstadt hingegen war die Situation deutlich angespannter, besonders in den letzten Jahren mit zunehmender Gewalt. Ich habe früh gelernt, auf die Einschätzungen der Einheimischen zu hören und mich entsprechend zu verhalten. Ich war vorsichtig unterwegs, aber ich hatte auch Glück und bin nie in eine akute Gefahrensituation geraten.

«Man arbeitet mit viel weniger Ressourcen, muss improvisieren und kreativ werden.»

– Sibille Bühlmann

Gab es Momente, die dich besonders gefordert haben?

Ja, mehrere. Sehr präsent ist mir das Erdbeben von 2021. Es war ein Samstagmorgen, als plötzlich alles zu beben begann. Wir sind sofort ins Freie gerannt und haben die Schreie aus der Nachbarschaft gehört. In solchen Momenten wird einem sehr bewusst, wie verletzlich man ist und wie wenig man letztlich unter Kontrolle hat.
Auch während der Covid-Zeit musste ich eine schwierige Entscheidung treffen: In einem Land mit begrenzter medizinischer Versorgung bleiben oder in die Schweiz zurückkehren? Ich habe mich fürs Bleiben entschieden, auch wenn ich dabei ein mulmiges Gefühl hatte. Ähnlich war es bei angekündigten Wirbelstürmen, als wir die Klinik sichern, Notfallpläne erstellen und uns auf längere Stromausfälle vorbereiten mussten. Diese Unsicherheit begleitet einen ständig. Und es klingt komisch, aber man gewöhnt sich auch etwas daran.

Was bedeutet Mut für dich heute?

Die Bereitschaft, sich auf Situationen einzulassen, die Überwindung kosten, und dabei dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Gerade im Alltag hat mir das geholfen – zu spüren, wann etwas geht und wann nicht.

Hat dich die Arbeit in Haiti fachlich verändert?

Sehr. Man arbeitet mit viel weniger Ressourcen, muss improvisieren und kreativ werden. Ich habe beispielsweise eigene Lagerungshilfen entwickelt. Gleichzeitig übernimmt man oft mehr Aufgaben als in der Schweiz. Diese Breite hat meinen Blick auf den Beruf stark erweitert.

Und persönlich?

Ich habe gelernt, was ich wirklich brauche – und was nicht. Nach neun Jahren habe ich mich an einen anderen Lebensstandard gewöhnt. Die Rückkehr in die Schweiz war deshalb überraschend herausfordernd. Es hat fast mehr Mut gebraucht, hier wieder neu anzufangen.

Was würdest du Menschen raten, die ein ähnliches Engagement in Erwägung ziehen?

Sich gut vorbereiten und mit Menschen sprechen, die die Situation vor Ort kennen. Sprachkenntnisse sind ein grosser Vorteil – sie schaffen Vertrauen und Orientierung. Und ganz wichtig: auf die Einheimischen hören. Es geht nicht darum, Abenteuer zu suchen, sondern gemeinsam etwas aufzubauen. Wer mit dieser Haltung geht, kann sehr viel gewinnen.

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