Lokomat für Querschnittgelähmte Schweizer Paraplegiker-Zentrum

«Gehen ist nicht zuoberst auf der Wunschliste»

Drei Querschnittgelähmte können dank einem neuen ETH-Verfahren wieder gehen. Michael Baumberger, Chefarzt am Paraplegiker Zentrum in Nottwil, erklärt, was dieser Durchbruch für die Patienten bedeutet.

Text: Theres Lüthi, NZZ am Sonntag
Erstpublikation: NZZ am Sonntag, 14. November 2018
 

Bei der Behandlung der Querschnittlähmung ist ETH-Forschern ein Durchbruch gelungen. Drei Personen, die jahrelang gelähmt waren, können wieder gehen. Michael Baumberger, Chefarzt im Schweizer Paraplegiker-Zentrum, erklärt, was das für Patienten bedeutet.

 

Drei jahrelang gelähmte Patienten können dank einem an der ETH Lausanne entwickelten Verfahren mit Elektrostimulation des Rückenmarks wieder Schritte machen. Wie schätzen Sie das Verfahren ein?

Es ist ein sehr interessanter Ansatz, und die Methode hat grosses Potenzial. Ich denke aber nicht, dass diese Therapie momentan breit angewendet werden kann. Sie ist für ausgewählte Patienten in ausgewählten Situationen von Nutzen. Die beschriebenen Patienten gehen alle mit Hilfsmitteln wie einem Rollator, und die Gehgeschwindigkeit ist auch noch nicht so hoch. Es wird spannend sein zu schauen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird.

 

Das Verfahren funktioniert nur, wenn das Rückenmark nicht völlig durchtrennt ist. Bei wie vielen Patienten ist dies der Fall?

Das ist die grosse Mehrheit. Eine komplette Durchtrennung des Rückenmarks, bei der es oberhalb und unterhalb der Läsion gar keinen Kontakt mehr gibt, ist recht selten.

 

Die Lausanner Patienten waren bereits seit mehreren Jahren gelähmt. Könnte man noch bessere Resultate erzielen, wenn man die ­Verunfallten sofort behandeln würde?

Das müsste man erst noch beweisen, denn in der Akutphase hat man eine ganz andere neurologische Situation als in der chronischen Phase. In der Akutphase ist das Rückenmark entzündet, es gibt Ödeme und Narbenbildung. Man muss sich das vorstellen wie nach einem Sturz. Zuerst blutet es, dann schwillt es an. Diese Akutphase kann Stunden oder Wochen dauern, je nach Patient und Unfallmuster. Erst danach kann man mit der Elektrostimulation beginnen.

 

Michael Baumberger - Schweizer Paraplegiker-Zentrum
Michael Baumberger - Chefarzt im Schweizer Paraplegiker-Zentrum

In letzter Zeit ist immer wieder von Elektrostimulation die Rede. Früher standen biochemische Ansätze im Vordergrund: Medikamente sollten die Nervenfasern zum Wachstum anregen. Was ist daraus geworden?

Ein solches Medikament, das die Nervenfasern lokal zum Wachsen bringt, wird derzeit in einer klinischen Studie getestet. Dann gibt es auch eine Studie von Australiern, in welcher die Entzündung in der Akutphase beeinflusst werden soll. Es scheint, dass die Entzündung bei der Regeneration tatsächlich eine relevante Rolle spielt. Ich denke, dass es zur Behandlung einer Querschnittlähmung verschiedene Ansätze braucht: Elektrostimulation des Rückenmarks, pharmakologische Ansätze und Exoskelette. Hierbei handelt es sich um Roboter, die am Körper getragen werden und die Bewegung unterstützen.

 

Wird es jemals eine Heilung geben?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir jemals eine vollständige Heilung erreichen werden, denn die Querschnittlähmung ist eine extrem komplexe Situation. Das Ziel ist es, gehen zu können mit einer bestimmten Geschwindigkeit, wenn möglich ohne Hilfsmittel. In der Studie aus Lausanne wird ein Rollator ein­gesetzt. An einem leeren Seeufer, wie das in einem Video gezeigt worden ist, funktioniert das, aber kurz vor Weihnachten an der Bahnhofstrasse wäre dies ein Problem. Die neuen Resultate sind noch kein Durchbruch für den Alltag. Die Methode funktioniert in speziellen Situationen oder in einem therapeu­tischen Setting.

 

Als ich vor 20 Jahren begann, hiess es, nach einem Jahr Lähmung sei nichts mehr zu erwarten. Das stimmt absolut nicht. Patienten können sich über Jahre erholen.

Einer der Patienten berichtete, dass Ärzte eines Paraplegikerzentrums ihm gesagt hätten, weitere Verbesserungen der neurologischen Funktion seien unwahrscheinlich. Hätten Sie das auch so gesagt?

Als ich vor zwanzig Jahren begann, hiess es, nach einem Jahr Lähmung sei alles vorbei, dann sei nichts mehr zu erwarten. Das stimmt absolut nicht. Patienten können sich über Jahre erholen. Es gibt aber auch jene, die sich zunächst verbessern und dann wieder verschlechtern, etwa weil Verklebungen oder Höhlen im Rückenmark entstehen. Es ist ein dynamischer Prozess, der nicht heute anfängt und morgen fertig ist. Aber ich muss ehrlich sagen, in all den Jahren habe ich sehr viele Patientinnen und Patienten gesehen, die mit Stöcken gehen können, aber nur ganz wenige, die wieder ein «normales» Gangmuster haben. Die meisten sind ausserdem nicht nur motorisch gelähmt, sondern haben auch eine Lähmung des autonomen Nervensystems mit Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen.

 

Sie sind Realist.

Nach einer Querschnittlähmung braucht es einen individuellen Ansatz, denn jeder Mensch ist auch anders. Was ist das Ziel? Ist es die Teilhabe an der Gesellschaft? Es gibt Menschen, die jeden Tag im Fitnesszentrum sind, und es gibt andere, die sagen, ich gehe gerne mit einem Hilfsmittel unter die Leute.

 

Nicht jeder will gehen können?

Könnte man die Querschnittlähmung heilen, dann würde sich natürlich jeder Patient wünschen, wieder gehen zu können. Aber wenn man Patienten fragt, welches Teilproblem der Querschnittlähmung prioritär behandelt werden soll, dann stehen an erster Stelle Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen, und bei den Tetraplegikern die Handfunktion. Gehen ist nicht zuoberst, es kommt viel später auf der Wunschliste.

 

Michael Baumberger, 61, ist Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Seit 2005 ist er Chefarzt Paraplegiologie und Rehabilitationsmedizin am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil.

  • Dr. med. Michael Baumberger

    Schweizer Paraplegiker-Zentrum

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