René Hübner

«Ich bin eine Kämpfernatur – aufgeben gibt es nicht.»

Er wollte ein Kind retten und ist dabei selber verunglückt. Die Lebensgeschichte von René Hübner prägen diverse Rückschläge. Doch der Thurgauer hat jedes Mal einen Ausweg gefunden. Mit Wille und Muskelkraft.

Mit Muskelkraft zu neuen Zielen

Unglaublich. Diese Hand ist wie aus Beton. Wer René Hübners Arm auf den Tisch drücken will, muss trainieren, bei einem Nichtsportler wankt er keinen Millimeter. Ganz anders im Wettkampf der starken Männer. Da zittern die Hände beim Krafteinsatz. Da wird Energie rausgebrüllt. Die Kontrahenten verhaken sich im Tisch, ringen um kleinste Winkel im Handgelenk, reagieren blitzschnell. «Armwrestling ist Adrenalin pur», sagt René Hübner. «Da gibt man 120 Prozent!» In einen Kampf legt er alles hinein, was sein Körper hergibt.

Der Lohn für seine Kraftakte steht in Form von Pokalen im Wohnzimmer des 42-jährigen Thurgauers. Daneben gibt Hübners Fotoalbum erste Einblicke in eine Sportart, die so gar nichts mit der schummrigen Welt der Hafenkneipen gemein hat, mit der Laien das Armwrestling oft verbinden. Das Album zeigt vielmehr hochkonzentrierte Athleten am Kampftisch, Nationenteams bei Wettkämpfen und Schnappschüsse einer buntgemischten Szene, in der man sichtlich Spass zusammen hat.

«Wir sind wie eine Familie», erzählt der letztjährige Schweizermeister. «Man hilft sich gegenseitig. Und zu internationalen Anlässen begleiten mich jeweils einige Clubmitglieder und feuern mich an.» Dreissig Mitglieder zählt die L.A.C. Löwen Arm Crew, der grösste Armwrestler-Club der Ostschweiz, darunter sechs Frauen. Die
jüngste im Team ist siebzehn Jahre alt, der älteste 54. Athleten mit Sehbehinderung zählen ebenso zur Crew wie solche mit Teillähmungen, René Hübner ist der erste Rollstuhlfahrer. Integration ist in dieser Szene kein Fremdwort.

 

«Nach jedem Rückschlag suche ich einen Weg, auf dem ich wieder nach vorne schauen kann.»

Der Bub im Wasser

Sport war schon immer ein prägender Faktor im Leben des ehemaligen Metzgers, der auch als Forstwart und in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Zwölf Jahre lang spielte er American Football, mit den St. Gallen Raiders hat er nationale und internationale Titel gewonnen. Ein Badeunfall im Mai 2005 beendete seine Karriere abrupt. René Hübner wollte auf Fuerteventura einem neunjährigen Buben helfen, der im Pool in Schwierigkeiten geraten war und zu ertrinken drohte. Er eilte zu Hilfe und rutschte in seinen Slippers aus. Beim Sturz in den Pool brach sein siebter Halswirbel. Zum Glück reagierten die anderen Badegäste sofort. Der Junge aus dem Pool lebt heute in Hamburg. Manchmal besucht ihn René Hübner. Sie seien wie zwei alte Kollegen, die eine gemeinsame Geschichte verbindet.

René Hübner
René Hübner

51 Operationen

Die erste Operation zur Stützung der Wirbelsäule wird auf den Kanarischen Inseln vorgenommen, in Las Palmas. Dabei geraten auch Kehlkopf und Stimmbänder in Mitleidenschaft. «Ich war gelähmt und konnte zudem nicht mehr sprechen », schildert Hübner seine schwierige Lage nach dem Unfall. Zur Rehabilitation wird er ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil überführt, wo weitere Eingriffe nötig werden. Bis heute musste der Tetraplegiker insgesamt 51 Operationen über sich ergehen lassen. Doch der begeisterte Sportler lässt sich nicht entmutigen. «Ich bin eine Kämpfernatur», sagt er, «aufgeben gibt es nicht.» Nach jedem Rückschlag suche er einen Weg, auf dem er wieder nach vorne schauen könne. Im Rollstuhlclub St. Gallen findet er eine neue sportliche Herausforderung: das Basketball. Mit Unterstützung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung erwirbt er einen Spezialrollstuhl und engagiert sich im Team. Der regelmässige Sport fördert seine körperliche Fitness und hilft ihm bei der Bewältigung des Alltags. Er erleichtert aber auch die soziale Integration. Bis der nächste Rückschlag folgt: Weitere Operationen an beiden Schultern zwingen den Thurgauer zur Aufgabe seines neuen Sports.

Backen für die Löwen

In seiner Küche in Kradolf-Schönenberg nimmt René Hübner einen Ordner mit sorgfältig abgelegten Rezepten zur Hand, blättert kurz, findet das Gesuchte: «Heute mache ich einen Schlorzifladen. Das geht einfach und schnell.» Hübner backt den süssen Ostschweizer Birnenkuchen für seine Kollegen im Club. Drei Mal wöchentlich fährt er zum Trainieren zur L.A.C. Löwen Arm Crew – zusätzlich zu seiner Arbeit im Kraftraum und seinen Besuchen beim Physiotherapeuten. «Heute besprechen wir nach dem Training die Fahrgemeinschaft für den nächsten Wettkampf in der Slowakei, da bringt jeder etwas zum Naschen mit.» Das Kochen und Backen ist für ihn Entspannung. Er tüftelt gerne an Rezepten herum, probiert Neues aus.

Der inkomplett Querschnittgelähmte ist jetzt aus seinem Rollstuhl aufgestanden und steht für einige Minuten auf eigenen Beinen. Geschickt nutzt er die Arbeitsfläche seiner Küche und die Griffe von Herd und Kühlschrank, um sich abzustützen und seinen Radius zu erweitern. «Das Gespür in meinen Beinen kam vor drei Jahren zurück», erzählt er. Wie ein Wunder sei das gewesen, zehn Jahre nach dem Unfall. Auch sein Selbstwertgefühl hätte einen Schub bekommen. Bei Auftritten mit der Guuggemusig kann er seinen Rollstuhl hinten an der Bühne lassen und sich mit Stöcken aufstellen. 

 

«Ich spürte sofort: Diese Sportart ist wie gemacht für mich.»

Prestige für den Staat

Das Armwrestling entdeckt der kräftige Thurgauer 2016 durch ein Event in der Nähe seines Wohnorts. Mit Ermunterung seines Physiotherapeuten probiert er es aus –  und rasch stellen sich erste Erfolge ein. «Ich spürte sofort: Diese Sportart ist wie gemacht für mich. Ich kann an meine Grenzen gehen und mich unter Beweis stellen.» Mit seinem überraschenden Schweizermeistertitel 2017 kamen die Einladungen an die grossen Turniere. Und damit das Feilen an Kraft und Technik im Club. Die Technik hat nur Hälfte Anteil am Erfolg, die Bewegungen am Kampftisch sind weit komplizierter, als es von aussen erscheint. Drei Schiedsrichter pro Tisch sind nötig, damit alles korrekt über die Bühne geht. Während in der Schweiz Armdrücken als Sport eher unbekannt ist, geniesst es in Ländern des ehemaligen Ostblocks hohe Aufmerksamkeit. Diese Nationen investieren bewusst in Medaillen und finanzieren ihren Rollstuhlsportlern eine Karriere als Vollprofi. «Für einen Sieg bekommen sie vom Staat gut 7500 Euro überwiesen», erläutert Hübner. Er und seine Kollegen betreiben den Sport aus eigener Tasche und sind auf Sponsoren angewiesen. Preisgelder gibt es selbst an internationalen Turnieren keine.

Träume

Auch wenn der aktive Sport und das Besuchen von Eishockeyspielen des HC Davos mit dem Fanclub ein wichtiger Teil seines Lebens sind – Sport ist nicht alles. Fragt man René Hübner nach seinen Zielen und Wünschen, steht für ihn der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt oben auf der Liste. Seine 51 Operationen haben ihn immer wieder zurückgeworfen, machten zusätzliche Abklärungen nötig. Er sucht jetzt eine berufliche Aufgabe, die er für längere Zeit ausüben kann. Chancen sieht er bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in der Landwirtschaft. Tiere und Natur bedeuten Hübner viel.

Der Armwrestler hätte allerdings keine Hand aus Beton, wenn er sich nicht auch sportliche Ziele stecken würde. Ein Titel an den Europameisterschaften erscheint ihm in Reichweite. Für einen WM-Titel muss er noch mehr technische Kniffe von seinen Club-Kollegen Ivan Sciaroni und Doan Simsek lernen, die diesen Sport seit 25 Jahren betreiben und bereits die grössten Trophäen gesammelt haben. Erlebt René Hübner keinen weiteren Rückschlag, will er im Oktober an den Weltmeisterschaften im türkischen Antalya teilnehmen. Rund vierhundert Athleten werden erwartet. Unter ihnen hundert Menschen mit körperlichen Einschränkungen.

Video-Beitrag über Réne Hübner

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