Psychologie und Bewältigung

Wie geht ein Mensch mit einer schwerwiegenden körperlichen Verletzung um, die eine lebenslange Behinderung zur Folge haben kann? Gibt es bestimmte psychologische Eigenschaften der Person, welche die Bewältigung und den Umgang mit einer körperlichen Behinderung erschweren? Gibt es auch Eigenschaften, welche die Person schützen, unterstützen und den Umgang mit der Behinderung erleichtern? Gehen Menschen manchmal auch gestärkt aus dieser neuen Lebenssituation hervor?

Dies alles sind Fragen, welche die Psychologie beleuchtet. Psychologische Eigenschaften spielen im Umgang mit einer körperlichen Behinderungen eine zentrale Rolle und werden in unserer Forschungsgruppe untersucht. Wir verfolgen dabei einen ressourcenorientierten Ansatz, die sogenannte positive Psychologie. Das bedeutet, wir versuchen nicht nur die Frage zu beantworten, welche Rolle die «Schwächen» einer Person spielen; vielmehr untersuchen wir den Einfluss der Stärken und Ressourcen von betroffenen Personen – wie Selbstwirksamkeit, Optimismus, Lebenssinn und Freundschaften – auf den Bewältigungsprozess, die Lebensqualität und die Gesundheit über das gesamte Leben. Die Antworten auf diese Fragen dienen unserer Forschungsgruppe als Grundlage für das Testen von neuen Behandlungsmöglichkeiten, um betroffene Personen in ihrem Leben mit einer Behinderung zu unterstützen.

Gruppe Psychologie Schweizer Paraplegiker-Forschung

Kontakt

Forschungsprojekte

  • Eine Rückenmarksverletzung hat schwerwiegende Folgen für das Leben der betroffenen Menschen. Die damit einhergehenden Herausforderungen und Schwierigkeiten können aber auch eine Grundlage für posttraumatisches Wachstum sein, d. h. für persönliche Veränderungen, die vom Betroffenen als positiv wahrgenommen werden. Beispiele hierfür sind, dass Menschen einen Zuwachs an persönlicher Stärke, tiefere Beziehungen zu Mitmenschen oder eine höhere Wertschätzung des Lebens wahrnehmen.

    Das Ziel des Projektes ist es, ein besseres Verständnis von der Entstehung und von der Bedeutung solcher positiver Veränderungen im Bewältigungsprozess bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung zu schaffen. Wir untersuchen, ob bestimmte Bewältigungsstrategien – z. B. Verdrängen oder aktives Angehen von Problemen – die Entstehung positiver Veränderungen begünstigen oder verhindern. Um die klinische Bedeutung positiv bewerteter Veränderungen besser einschätzen zu können, erforschen wir weiter, inwiefern diese Veränderungen mit dem körperlichen und psychischen Wohlbefinden zusammenhängen. Ausserdem geht das Projekt der Frage nach, inwieweit die wahrgenommenen positiven Veränderungen realen Veränderungen entsprechen, die über die Zeit eingetreten sind. Auf den Ergebnissen aufbauend lassen sich Rückschlüsse ziehen, inwiefern sich positive Veränderungen als Ansatzpunkte für Therapien eignen, die bei der Bewältigung einer Rückenmarksverletzung helfen sollen.

  • Manchmal wird unser Leben durch negative Lebensereignisse von einem auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Beispiele sind der Verlust eines geliebten Menschen, eine Trennung oder auch der Eintritt einer chronischen Krankheit. Wie man mit einer neuen Lebenslage umgeht, ist ein individueller Prozess. Studien aus den letzten Jahren zeigten jedoch, dass ein grosser Anteil der Bevölkerung den widrigen Lebenslagen mit psychischer Widerstandsfähigkeit (sog. Resilienz) trotzt, also der Fähigkeit, Krisen rasch zu bewältigen. Zeigt sich psychische Widerstandsfähigkeit auch im Kontext einer chronischen Krankheit? Und welches sind die Faktoren, die diesen Prozess begünstigen?

    Wir möchten genauer beleuchten, welche Umstände die psychische Widerstandsfähigkeit nach Eintritt einer chronischen Krankheit fördern oder hemmen. Dazu führen wir zwei Projekte durch: Im ersten fokussieren wir uns auf Menschen, die an chronischen Krankheiten wie Rheuma, Krebs oder Diabetes leiden. Im zweiten Projekt untersuchen wir die psychische Widerstandsfähigkeit nach Eintritt einer Rückenmarksverletzung. Ziel beider Projekte ist es, einen Einblick in den Umgang der Menschen mit der neuen Lebenssituation zu erhalten. Unsere Ergebnisse sollen dazu dienen, zentrale Einflussfaktoren der psychischen Widerstandsfähigkeit zu identifizieren. Dies bildet die Grundlage für eine gezielte Unterstützung der betroffenen Menschen.

  • Schmerzen sind eine sehr häufige Folge einer Rückenmarksverletzung. Sie können aufgrund der Verletzung entstehen und im Verlauf der Rehabilitation wieder abklingen. Schmerzen können aber auch über eine längere Zeit konstant bleiben, erst zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich auftreten oder sogar immer stärker werden. Wenn der Schmerz über die Zeit der erwarteten Heilung bestehen bleibt (ca. 3-6 Monate), wird er als chronischer Schmerz bezeichnet.

    Fast 75 % der in der Schweiz lebenden Personen mit einer Rückenmarksverletzung berichten von mittleren bis starken chronischen Schmerzen, die den Alltag bedeutend beeinflussen können. Die Ursachen der Schmerzen sind vielseitig und werden durch die Wechselwirkung zwischen körperlichen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst. Bis heute ist nicht klar, weshalb bei gewissen Personen Schmerzen entstehen, bei anderen mit der gleichen Rückenmarksverletzung jedoch nicht.

    Das Projekt «Schmerzen nach Rückenmarksverletzung» hat zum Ziel, eine mögliche Schmerzentstehung anhand von körperlichen, psychologischen und sozialen Faktoren vorhersagen zu können. Das gewonnene Wissen wird dazu beitragen, wirksame und frühzeitige Schmerzbehandlungen zu finden und so zu verhindern, dass der Schmerz chronisch wird.

  • Die Behandlung chronischer Schmerzen erfolgt in erster Linie medikamentös. Allerdings wirken Medikamente nur bei einem Drittel der Betroffenen – und auch bei diesen können sie die Schmerzen nur zur Hälfte lindern, aber nicht beseitigen. Zudem berichten Betroffene von vielen unerwünschten Nebeneffekten wie Übelkeit, Müdigkeit oder Schwindel. Deshalb ist es sehr wichtig, nach erfolgreichen Therapiemöglichkeiten zu suchen und wirksame Strategien für den Umgang mit Schmerzen zu vermitteln.

    Wir untersuchen die Wirkung von positiv-psychologischen Übungen als neue Behandlungsmöglichkeit. Die Grundidee der Übungen ist einfach: Schmerzen sind von Natur aus mit negativen Gefühlen wie Angst, Wut oder Sorgen verbunden. Diese Gefühle sind beim unmittelbaren Auftreten von ersten Schmerzen wichtig, da sie die betroffene Person stark motivieren, sich zu schützen und etwas gegen die Schmerzen zu unternehmen. Bei langanhaltenden Schmerzen kommt es jedoch zu einem Teufelskreis: Die negativen Gefühle werden häufiger, die schlechte Stimmung nimmt zu und trägt wiederum zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung bei. Der Schmerz wird chronisch.

    Positiv-psychologische Übungen versuchen, den Teufelskreis zu unterbrechen, indem sie das Erleben von positiven Gefühlen fördern. Es sind einfache Übungen, wie zum Beispiel «drei schöne oder lustige Erlebnisse des Tages aufschreiben», «eine gute Tat vollbringen» oder «Freunde treffen». Die Übungen helfen, positive Gefühle wie Begeisterung, Liebe und Heiterkeit zu steigern. Dies schützt vor schlechter Stimmung und kann so die Schmerzen reduzieren.

Werden Sie jetzt Mitglied und erhalten Sie im Ernstfall CHF 250'000 Gönnerunterstützung.

Spenden Sie jetzt und unterstützen Sie unsere Projekte zugunsten Querschnittgelähmter.