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Neue Höhenflüge als Jurist

Matthias Lötscher

Matthias Lötscher aus Marbach (LU) war bekannt für seine Höhenflüge als Sportler. Bis er beim Skispringen abstürzte. Der Willensmensch rappelte sich wieder auf. Als Jurist lernt er derzeit für sein Anwaltspatent. Und Kasperli ist für seine Moral zuständig. 

Ein Alpha-Tier mit guten Manieren

Wenn Matthias Lötscher durch die hohen Gänge der Universität Luzern fährt, erstaunt, wie fix der junge Mann unterwegs ist. Er übernimmt die Führung, grüsst freundlich ein paar Mitstudenten und kurvt elegant zwischen den Bücherregalen der Bibliothek. Der 28-Jährige ist ein «AlphaTier», eine Leaderfigur. Vorab eine mit guten Manieren, die stets fragt, ob es recht sei, wenn er vorausrolle. Solche Sitten hat er sich als Teamplayer in seiner Zeit als Spitzensportler angewöhnt. Der einst sehr talentierte Skispringer war immer bereit, an seine Grenzen zu gehen. Bis er dann entgegen seines unguten Bauchgefühls beim Ausloten der Limiten förmlich übers Ziel hinausflog. Der Hoffnungsträger der Schweizer Nordisch-Kombinierer stürzte am 17. Juni 2005 beim Skisprung-Sommertraining auf der Schanze von Kandersteg (BE) ab – just zwei Jahre vor seiner Matura. «Ich erinnere mich in allen Details, als wäre es erst gestern passiert: Es wurde plötzlich dunkel. Ich fühlte mich wie ein Flugobjekt, das wehrlos durch die Luft geschleudert wird und dann in tausend Stücke zerschellt. Ich war hilflos, wollte allein sein und einfach nur noch weinen.»

Höhenflüge im Job

Diese Emotionen sind längst vorbei. Heute kann Matthias Lötscher ohne Verbitterung oder Angst wieder vor der Sprungschanze in seinem Geburtsort Marbach (LU) für die Fotografin posieren. Ohne Wehmut sagt er: «Fliegen, einfach zu fliegen – das ist es, was ich von meinem alten Leben am meisten vermisse.» Sein neues, mittlerweile zehn Jahre dauerndes Leben als Mann mit Querschnittlähmung ist keines mehr mit weiten Skisprüngen. Auf Höhenflügen fühlt sich Matthias Lötscher seit längerem im Job. «Ich liebe die Juristerei.» Mit grossem Fleiss hat er sein Studium an den Universitäten in Bern und Luzern abgeschlossen. Matthias Lötscher ist der Schweizer Paraplegiker-Stiftung für die finanzielle Unterstützung sehr dankbar: Sie half dem jungen Mann beim Wohnungsumbau und beim Studium. «Ohne die grosszügige Hilfe wäre ich nicht, wo ich heute stehe.» Derzeit lernt er für sein Anwaltspatent. Dabei erlebt er sein Umfeld als sehr hilfsbereit: «Familie, Freunde und Professoren geben mir nicht das Gefühl, dass ich handicapiert bin. Sie glauben an mich und an meine Fähigkeiten.» Er zitiert gerne den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi: «Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft – sondern aus unbeugsamem Willen.» Wille und Zielstrebigkeit halfen Matthias Lötscher, er hatte dabei Durchhaltevermögen bewiesen, Enttäuschungen hinter sich gelassen und stets einen Neuanfang gewagt. So auch während der Rehabilitationszeit im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil. Tagelang lag der inkomplette Tetraplegiker, dessen Rückenmark nicht ganz durchtrennt ist und ihm noch reduzierteBewegungen mit den Armen erlaubt, im Bett. Er wurde durch die weiträumige Spezialklinik zu Therapien gefahren, ihm war regelrecht bange, weil er sich verloren und auf Hilfe angewiesen fühlte. Das legte sich bald: «Ich erfuhr tolle Betreuung und durfte vom unglaublich breiten und professionellen Angebot profitieren. Das erste Mal im Rollstuhl zu sitzen war wie Schweben.» Es war ein Moment des Aufbruchs.

Darüberstehen

Maturaarbeit als Buch erschienen

Der vife junge Mann las sich in die medizinischen Aspekte der Querschnittlähmung ein und reflektierte viel in Nottwil. Er liess sein Leben Revue passieren. Heute weiss er: «Ich stemmte mich vorerst dagegen an, für immer im Rollstuhl zu sitzen. Im SPZ hatte ich das härteste Training meines Lebens – es war ein sehr erfolgreiches.» Er fasste Mut und beschrieb den Übergang vom Fussgänger zum Rollstuhlfahrer in seiner Maturaarbeit «(In)komplett»; sie kam als Buch heraus und gewann den Luzerner Religionspreis. Mut zu Neuem fasste Matthias Lötscher auch im Sport. Schon in Nottwil begann er Rollstuhl-Rugby zu trainieren: eine in Kanada entwickelte Mannschaftssportart für Athleten, die an mindestens drei Gliedmassen beeinträchtigt sind. Mit Handschuhen und in geschützten Rollstühlen kämpft man um den Ball. Matthias Lötscher erklärt mit einem Lächeln: «Das knallt ganz schön!» Er setzte sich auch in diesem Sport durch, der ihm neue Türen eröffnete: Mit dem früheren Nationalteam durfte er mehrfach in die USA zu Wettkämpfen reisen. 

Nachdiplomstudium in den USA

Was Matthias Lötscher vor allem beeindruckte: «Wie selbstverständlich und vorbildlich in Nordamerika fast alle Gebäude rollstuhlgängig sind.» Deshalb lernte er vier Monate in Portland im US-Staat Oregon Englisch. Er kommt ins Schwärmen über seine damalige Wahlheimat: Der öffentliche Verkehr war bestens organisiert und rollstuhlgängig; zu jeder Institution, sei es Museum, Kino, Restaurant oder Bar, hatte er ohne Unterstützung Zugang. Gerne möchte er in Zukunft noch ein Nachdiplomstudium anfügen, am liebsten wieder in den USA: Privatrecht oder Wirtschaftsrecht, und dazu sein Englisch erneut verbessern. Wer Matthias Lötscher zuhört, fühlt sich an Roger Federer erinnert; er spricht freundlich und positiv, wie der Basler Gentleman. Bei der Diskussion über den Tennisstar geht ein Leuchten über das Gesicht des Luzerners. «Federer ist mir ein grosses Vorbild, denn er ist nicht nur ein herausragender Sportler, sondern auch einer, der teilt und sich für Benachteiligte im Süden Afrikas einsetzt. Zudem ist er ein guter Botschafter für die Schweiz.»

Botschafter im Rollstuhl

Botschafter für Menschen im Rollstuhl möchte Matthias Lötscher sein. Er will Verständnis schaffen und hält Vorträge vor Schulklassen oder in Nottwil an Weiterbildungen. Denn auch er hatte als Fussgänger gegenüber Menschen im Rollstuhl grossen Respekt und viele Berührungsängste gehabt. «Als Anwalt möchte ich mich für Menschen in schwierigen Situationen einsetzen und speziell dafür kämpfen, dass Menschen mit Behinderung eine möglichst unkomplizierte Integration erlangen – das war nach dem Unfall mein Wunsch.» Als Mensch im Rollstuhl trifft er immer wieder auf verunsicherte Leute, die sich von Behinderten distanzieren. Matthias Lötscher ist bescheiden geblieben: «Der Unfall hat mir neue Perspektiven gezeigt, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte. Es ging mir vorher gut – und es geht mir heute gut. Und so möchte ich auch in Zukunft sein dürfen.» Vieles, was er liest, relativiert sein Befinden. Etwa der Roman «Koala», eine persönliche Schicksalsgeschichte des Schweizer Autors Lukas Bärfuss, oder täglich die Neue Zürcher Zeitung. Matthias Lötscher erklärt: «Wenn ich die Zeitungen aufschlage, dann lese ich von wirklichen Problemen, wie Ebola oder das Elend in kriegführenden Staaten. Dagegen sind meine und viele Schweizer Probleme doch wirklich fast belanglos.» Deshalb hat er sich vorgenommen, das Beste aus seiner Situation zu machen: Sein Glück zu finden und Vorbild für andere zu sein. «Ich möchte kein Mitleid erregen. Mein Dasein ist auch im Rollstuhl lebenswert. Denn nur wer aufgibt, der hat verloren.»

Wohlfühlen

Positive Einstellung und Ehrgeiz

Matthias Lötscher pflegt vielseitige soziale Kontakte. Seine ehemaligen Schulfreunde Nick Schwery, Fabian Christener und Stefan Breit sind ab und an bei ihm zu Gast, um gemeinsam zu kochen. Auch die Familie in Marbach besucht er regelmässig. Vater Fritz, selber einst ein leidenschaftlicher Langläufer, arbeitet heute als Gemeindepräsident von Escholzmatt-Marbach sowie für die Unesco Biosphäre Entlebuch. Er ist stolz auf seinen Sohn: «Matthias hat eine positive Einstellung – und er haderte nicht lange mit seinem Schicksal.» Auch seine Brüder, Arzt Fabian und Gärtner Ivan, trifft Matthias Lötscher oft. Ivan sagt: «Ich bewundere am meisten Matthias’ Ehrgeiz. Ich weiss nicht, ob ich so gut mit seinem Leben zurechtkäme.»

Wichtig: Lausbub bleiben

Regeneration ist Matthias Lötscher sehr wichtig, deshalb schläft er mindestens acht Stunden pro Nacht, um konzentriert sein Tagwerk anzugehen. Er hat ein Ritual aus Kindertagen in seine Erwachsenenwelt mitgenommen: einschlafen zu Kasperli-Kassetten. «Da wird mir verspielt erzählt, wie ich tugendhaft sein kann. Und wie man es zu etwas bringt, wenn man hartnäckig dranbleibt. In den 22 verschiedenen Kasperli-Abenteuern erfahre ich immer wieder aufs Neue, dass es auch wichtig ist, ein frecher und gewitzter Lausbub zu sein. Mit dieser Gewissheit finde ich jeweils wunderbar erholsamen Schlaf.»

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