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2 Männer 2 Beine

GP Challenge 2020

Die GP Challenge 2020 endete frühzeitig. Das Wetter streikte und wegen Corona wurde ihnen die quarantänefreie Weiterfahrt nach Italien verweigert. Eigentlich wollten Lars Kyprian und Rüdiger Böhm von Ende August bis Anfang Oktober mit ihrem Katamaran über's Mittelmeer von Gibraltar entlang der europäischen Küste nach Palermo segeln. Das Besondere daran: Rüdiger Böhm hat keine Beine. Fiore Capone, Geschäftsführer von Active Communication, war Teil des Teams und unterstützte Rüdiger während der Challenge tatkräftig an Land.

Video: Rüdiger Böhm & Team / Viviane Speranda
Bilder: Rüdiger Böhm & Team / Fiore Capone
Text: Rüdiger Böhm / Renate Huber

Filmreifes Ende

Die Crew freute sich, endlich ihn Italien zu sein und einen leckeren Espresso zu trinken. Und dann das! 

Als Lars und Rüdi im Hafen von San Remo ankamen, wurden sie von der Land-Crew gerade noch rechtzeitig davon abgehalten, vom Boot zu steigen. Wenn sie den italienischen Boden vom Wasser aus betreten hätten, hätten sie einen Corona-Test machen und etliche Tage im Hafen warten müssen. Ohne Test hätte es gar eine Verhaftung gegeben.

Deshalb wurden Lars und Rüdi trotz Unwetter mit ihrem Katamaran schnellstmöglich vom Begleitboot zurück nach Frankreich geschleppt. In einem Ausweich-Hafen, der noch nicht fertig gebaut war, warteten sie das heftige Gewitter ab. Als sie endlich beim entsprechenden Hafen ankamen, wurden sie schlussendlich mit einem wundervollen Regenbogen belohnt. Die Land-Crew reiste ebenfalls zurück nach Frankreich. In Italien gilt, wer auf der Durchreise ist, muss innerhalb von 24 Stunden das Land wieder verlassen.

Interview mit Rüdi

Wie hast du die herausfordernde Challenge erlebt?
Es ging sofort los. Wir haben direkt mit dem Aufbauen begonnen und jeder wusste sofort, was seine Aufgabe war. Wir hatten eine tolle Zeit und viel zusammen gelacht.

Hattest du Schmerzen?
Schmerzen gehören zu einer Challenge dazu. Diesmal waren sie nicht so schlimm. Ich habe aber noch immer ein Kribbeln in den Fingern, es lässt aber langsam nach.

Wie ging das mit der Verpflegung auf diesem schwankenden Katamaran?
Ein Katamaran ist ein Sportgerät. Wenn du ein Sandwich essen würdest, würde dir die Gurke um die Ohren fliegen. Deshalb hatten wir eine Tasche mit Riegel und Getränken an einem Mast befestigt. Doch es war nicht immer einfach in die Mitte zu robben und nach dieser Tasche zu greifen.

War die Challenge trotz frühzeitigem Ende ein Erfolg für dich?
Ja, klar. Viele Menschen haben unser Tun verfolgt von denen wir vielleicht einige dazu motivieren konnten, einmal etwas grösser zu denken als bisher. Ausserdem hatten wir sehr schöne Momente und genossen die Eindrücke der prachtvollen Landschaft. Wir haben den Menschen gezeigt, dass es egal ist ob du Beine oder Arme hast. Vielmehr zählt, was du dir zutraust und dass das manchmal auch mehr sein kann, als man zuerst gedacht hat.

«Du merkst immer wieder wie klein und unwichtig du bist. »

Was hast du als erstes getan, als du wieder zu Hause warst?
Nach dem ganzen Trouble habe ich erstmals die Ruhe genossen und natürlich auch meine Partnerin, die ich einige Wochen nicht gesehen hatte.

Noch ganz allgemein: Welche Tipps gibst du uns auf den Weg mit, mit einer Neiderlage umzugehen?
Ich schaue immer in den Spiegel und frage mich: «habe ich alles für meine Ziele gegeben?». Wichtig dabei ist, dass man das Ziel nicht mit den Erwartungen gleichstellt.

«Die Behinderung war oftmals kein Thema. Es geht um das grosse Ganze!»

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Challenge-Tagebuch von Fiore Capone

  • Wir werden unser anvisiertes Ziel nicht erreichen. Entweder haben wir viel zu starken-, gar keinen oder Gegenwind. Es hat starke Gewitter und so einen heftigen Regen habe ich noch nie erlebt. Die Einsicht, nicht bis nach Palermo zu kommen, frustriert uns alle. Also entscheiden wir, unser zweites Ziel zu erreichen: Total 30 Tage zu segeln.

    Gerade in so Situationen zeigt sich, wie wichtig ein gut funktionierendes und harmonisches Team ist. Obwohl fast alle von uns Alphatiere sind, funktioniert es. Es ist eine Frage der Prioritäten und noch mehr, eine Frage des gemeinsamen Ziels – genauso wie in einem Unternehmen.

    Obwohl man alles gibt und vorankommen möchte, so gibt es Momente, da genügen 80%. Es müssen nicht immer 100% sein...

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    Entweder sind es starke Gewitter, heftiger Wind oder die Sonnenallergie von Lars, die uns davon abhalten, unser Ziel zu erreichen.

  • Aufgrund des starken Gegenwindes kommen wir nicht so schnell voran wie geplant und sind nicht ganz auf Kurs. Heute war jedoch ein guter Tag und morgen wird es hoffentlich so weitergehen. Wir bleiben positiv und schauen vorwärts.

    Die anfängliche Euphorie ist schon fast zu einer Routine geworden - selbstverständlich immer noch sehr abenteuerlich. Wenn ich nicht mit auf dem Boot mitfahre, sieht mein Tagesablauf folgendermassen aus:

    • Morgens alles zusammenräumen, abbauen und einladen für die Weiterfahrt.
    • Tagsüber beobachten wie weit Rüdiger und Lars mit Segeln vorankommen. Dies ist entscheidend um den entsprechenden Campingplatz für die Nacht zu buchen.
    • Auskundschaften und buchen des entsprechenden Campingplatzes.
    • Nach Ankunft alles aus dem Auto laden, aufbauen, einkaufen und etwas Leckeres zum Abendessen kochen.
    • Es fehlt noch das Abwaschen, Wäsche waschen und um ca. 23 Uhr fallen wir alle müde in unsere Körbchen respektive unsere Zelte.

    Fazit nach den ersten knapp 10 Tagen

    Es ist ein unglaublich tolles Abenteuer mit dem Charakter eines Nomaden-Lebens. Einmal mehr zeigt sich, dass nicht der Mensch, sondern die Natur über das «was, wieviel und überhaupt» entscheidet. Bei uns zeigt sich dies mit dem Gegenwind den wir erleben.  

    Unser 7-köpfiges Team hat sich vor der Challenge nicht gekannt. Nach der anfänglichen Start-Euphorie war es deshalb ganz normal, dass wir uns zuerst aneinander gewöhnen mussten. Doch nun sind wir die glorreichen Sieben... 

    Wenn diese Challenge morgen enden würde, wäre es jetzt schon eine tolle Geschichte und es hätte sich absolut gelohnt. Natürlich ist unsere Ambition, nach Palermo zu segeln und wir geben deshalb weiterhin alles...

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    Unsere Fahrt der Küste entlang im letzten Teil von Andalusien.

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    Ein kurzer Halt erlaubt uns, tolle Fotos zu machen, die Natur zu geniessen und nach Lars und Rüdi Ausschau zu halten.

  • Da mit der Anreise alles reibungslos geklappt hat und die Wetterbedingungen ideal waren, ist die GP Challenge 2020 bereits einen Tag früher als geplant gestartet. Nun geht es also los, das Abenteuer beginnt!

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    Der Sport-Katamaran wird in Gibraltar ins Wasser gelassen.

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    Ebenfalls mit dabei: Das Begleit-Rettungsboot

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    Auch ich bin bereit für die kommende Herausforderung  und den starken Wellengang auf See.

Geschichte von Rüdiger Böhm  der Mann ohne Beine

«Es kommt im Leben nicht darauf an, was du alles nicht mehr tun kannst.»

Rüdiger Böhm ist Coach, Motivator und hält Vorträge. Damit er sich selbst immer wieder herausfordern kann, macht er verrückte Challenges. Seinen Team-Kollegen Fiore Capone konnte er schon früh für die GP Challenge begeistern und so verbringt dieser seinen Sabbatical mit dem passionierten Segler. Wir haben die beiden Männer kurz vor der Abfahrt nach Gibraltar getroffen.

«Der LKW-Fahrer merkte nur anhand der Irritationen im Lenkrad, dass er mich überfahren hatte.»

Kurz vor seinem 27. Geburtstag verliert Rüdiger Böhm bei einem Verkehrsunfall beide Beine. An einer Kreuzung hat der Sportstudent ein «Rendezvous mit einem LKW». Der Fahrer des Trucks übersieht den Rennvelofahrer, stösst ihn um und fährt über seine Beine. Bei einer zehnstündigen Operation wird ihm das rechte Bein amputiert, drei Wochen später auch das linke. «Die Situation war extrem schwierig für mich», schildert Rüdiger Böhm. «Anfangs dachte ich, dass mir das Elementarste für meinen Sport genommen wurde.» Der heutige Coach und Motivator gibt nicht auf und kämpft. Er merkt, dass er auch ohne seine Beine seiner Passion nachgehen kann. Es sind die Kraft und der Wille aus dem Sport, die ihm dabei helfen, auf Prothesen zu laufen und so wieder ein lebenswertes Leben zu leben.

Lange ist er nur auf Prothesen unterwegs. «Ich war der schlechteste Rollstuhlfahrer der Welt», erklärt Rüdiger Böhm. Der Fokus nach dem Unfall ist klar auf das wieder laufen lernen gerichtet. Doch auf Prothesen zu laufen sei ungefähr so, wie wenn man den ganzen Tag mit Skischuhen oder auf 20 cm High Heels unterwegs ist. «Irgendwann ist man froh, wenn man sie ausziehen kann», erklärt Rüdiger Böhm. Zu Hause, beim Leistungssport oder beim Shoppen mit seiner Partnerin benutzt er einen Rollstuhl. «Mit dem Rollstuhl bin ich teilweise viel schneller unterwegs».

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«Auf Prothesen zu laufen ist ungefähr so, wie wenn man den ganzen Tag auf 20 cm High Heels läuft.»

«Wenn meine Team-Kollegen sich abends erholen können, heisst es für mich, weiterhin meine Arme einzusetzen um eine behindertengerechte Dusche aufzusuchen.»

Für die GP Challenge wurden Spezial-Prothesen entwickelt. Mit diesen ist er maximal 1.30 m gross und kann sich so gut auf dem 2.5 x 2.5 m Trapez vom Katamaran bewegen. Die einstig verrückte Idee, in den 30 Tagen von Gibraltar nach Palermo zu segeln, ist nun Wirklichkeit geworden. 135Km pro Tag wollen Lars und Rüdiger zurücklegen. Egal bei welchem Wind – jeweils morgens werden sie mit dem Boot los segeln um die Strecke von Total 3750 Km zurückzulegen.

Auf die Frage, warum er sich immer wieder solchen Herausforderungen stellt, erklärt der Motivator: «Sich selbst immer wieder über die Grenzen zu bringen führt dazu, sich weiter zu entwickeln.» Rüdiger Böhm ist extrem motiviert für seine Challenge. Obwohl ihm bewusst ist, dass es irgendwann weh tun wird. Dies sei er sich aus seinen anderen Challenges gewohnt. «Wenn jeder dazu bereit ist, alles aus seinen Möglichkeiten zu tun, wird aus 1+1 plötzlich mehr als 2.» Und so sind Rüdiger und Lars bei ihrer GP Challence nicht alleine sondern werden begleitet von einem Begleit-Rettungsboot, einem Dokumentarfilmer, einem Fotografen sowie Fiore Capone, der zur Land-Crew dazugehört.

«Jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, soll die Chance haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.»

Fiore Capone, Geschäftsführer von Active Communication, setzt sich seit Jahren für Menschen mit einer Beeinträchtigung ein. Vor ca. 6 Jahren lernt er Rüdiger Böhm an der Swiss Handicap Messe kennen. Als er von der Idee der GP Challenge hört, ist für ihn klar, dass er bei diesem tollen Projekt dabei sein und so seinen Sabbatical verbringen möchte. «Herausforderungen motivieren mich und dies ist bei dieser Challenge definitiv der Fall.» Für ihn steht die Challenge auch im Zeichen der Inklusion. Dies bedeutet, dass man Menschen mit einer Beeinträchtigung die Chance auf mehr Selbstbestimmung und Partizipation am gesellschaftlichen Leben gibt. Als «Mädchen für alles» ist er für die Rahmenbedingungen zuständig: Logistik, Verpflegung, Übernachtungsmöglichkeiten, Hafen informieren etc.

Seine persönliche Herausforderung bei der Challenge wird sein, dass er als planungsorientierter Mensch plötzlich sehr spontan sein muss. Zudem war er noch nie so lange so weit von seinen beiden Jungs und seiner Partnerin entfernt. 

«Wir benötigen beide zwei gute Espressi pro Tag. Das wird wohl die grösste Herausforderung der Challenge sein.»

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Alles zur GP Challenge 2020

 

Jeden zweiten Tag wird ein Mensch in der Schweiz querschnittgelähmt. 

 

Eine Querschnittlähmung führt zu hohen Folgekosten, z.B. für den Umbau des Autos oder der Wohnung. Werden Sie deshalb Mitglied bei der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, um im Ernstfall 250'000 Franken zu erhalten.

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