Pferdepfleger auf dem Pferd

«Das ist schon ein spezieller Job mit diesen Rossen da»

Hans Imfeld ist Pferdepfleger und begleitet querschnittgelähmte Patienten am SPZ während ihrer Hippotherapie.

Hans Imfeld ist Pferdepfleger auf dem Bauernbetrieb Eyhof der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Dort wird für die  querschnittgelähmten Patienten am SPZ Hippotherapie angeboten. Seine Arbeit mit den sieben Islandpferden verlangt Organisationstalent, Sensibilität und ein hohes Verantwortungsbewusstsein, denn er bildet die Pferde für die Hippotherapie selber aus. So sieht ein Arbeitstag aus.

Text: Rita Rüedi
Fotos: Walter Eggenberger / Rita Rüedi

Der Start in den Tag

Pünktlich um 07.15 Uhr nimmt Hans Imfeld im Eyhof seine Arbeit auf. Mit einem Zungenschlag oder einem leisen «Hallo, Buebe» begrüsst er die Pferde. Die älteren haben die Nacht in der Box verbracht, die jüngeren können sich im Offenstall frei bewegen. Jetzt freuen sie sich: Ihr Arbeitstag beginnt mit Fressen. Die Pferde drängen an den Futtertrog, und nicht selten findet ein kleiner Machtkampf statt. «Bei Herdentieren befiehlt eben der Chef», lacht Hans, «wenn wir ein Machtwort sprechen, hören sie auf zu streiten. Friedensrichter sind wir!» Der Pferdepfleger und Pferdeführer verfügt über 19-jährige Erfahrung mit Islandpferden. Er und sein Team führen die Tiere straff, aber mit Respekt, der nötigen Zuneigung und viel Verständnis. «Ich nenne die Pferde meine Mitarbeiter», rückt der 61-Jährige sein Verhältnis zu den Pferden ins richtige Licht.

«Ich nenne die Pferde meine Mitarbeiter.»

Routinearbeiten und gewissenhafte Vorbereitung der Pferde, Ausreiten, Striegeln, Hufkontrolle sowie das Satteln sind nebst der Therapie wichtige Aufgaben. Heute ist Hans der Pferdeführer: «Bei 11 Patienten laufe ich 17 Kilometer am Tag.» Während dieser Zeit bewegt Arbeitskollege Erich Ackermann die Pferde. Sie brauchen als Gegensatz zur relativ eintönigen Arbeit während der Therapien entsprechenden Ausgleich: «Wir reiten, longieren sie, gymnastizieren im Dressurviereck oder gehen mit ihnen in den Wald. Bei Ausritten werden die Tiere bis an ihre Grenzen gefordert.» Das Training ist wichtig, denn auch hier gilt: Wer rastet, rostet. «Stolpernde Pferde könnten wir nicht gebrauchen», meint Hans ernsthaft.

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Hans sattelt seine «Mitarbeiter» und bereitet sie für ihren Therapieeinsatz vor.

Ein Wort vom Chef genügt

Um 8.30 Uhr ist Znünipause im Aufenthaltsraum, der gleichzeitig Büro ist. Doch der quirlige Mann denkt nicht ans Ausspannen. Kaum am Tisch, fällt ihm stets etwas ein, was er über die Arbeit mit den Pferden, deren Eigenschaften und auch Eigenheiten erzählen will. Bei allem, was er sagt, spürt man seine Liebe zu den Tieren. Jeden Tag sind zwei Pferdepfleger im Einsatz. Die Kaffeepause dient dazu, sich über das Tagesprogramm auszutauschen. Zusammen mit Erich Ackermann bespricht er Änderungen beim Einsatz der Pferde oder Informationen über Patienten. Meistens ist auch der Physiotherapeut anwesend. Alle Aktivitäten werden minutiös aufgeschrieben. «Nichts gegen Computer, aber diese Notizen werden fortlaufend von Hand aufgeschrieben. Jeder kann jederzeit Auskunft geben.» Als plötzlich draussen heftiges Hufeschlagen ertönt, genügt ein kurzer, deutlicher Befehl vom «Chef», und schon ist wieder Ruhe eingekehrt. Als wolle Hans einem Missverständnis vorbeugen, erklärt er, dass ein kleiner Streit zum Sozialverhalten einer Herde gehöre. «Der heutige Wind hat zudem einfach das gewisse Etwas, das ihnen zusätzliche Kraft verpasst, sie ‹trämpeln› und den Kopf höher tragen lässt.»

Hans und die Pferde

Mit besonderer Aufmerksamkeit muss Hans von Arbeitsbeginn an die Tiere beobachten: «Wie läuft das Pferd aus, wie geht es in den Stall? Dann weiss ich alles.» Nur wenn er sich ein differenziertes Bild von der Verfassung jedes einzelnen Pferdes macht, kann er beurteilen, wie gut die Ausgangslage für die bevorstehenden Therapiesequenzen ist. Obwohl jedem Patienten im Voraus ein Pferd zugeteilt wird, muss der Pferdeführer je nach Situation rasch umdisponieren.

Wir haben das Ausbildungsprogramm aufgrund von Wissen und Erfahrungen von Pferdeführern, Pferdepflegern und Spezialisten aufgebaut.»

Die Arbeit als Therapiepferd ist anstrengend. Deshalb braucht es Abwechslung in Form von reiten, longieren  oder gymnastizieren im Dressurviereck.

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Isländer sind Gangpferde und gelten als robust, zuverlässig und geduldig. Die Tiere unterscheiden sich in Länge, Stockmass und Schub, was bei derselben Gangart unterschiedliche Bewegungsausmasse zur Folge hat. Mit dem Tölt kennen sie eine zusätzliche Gangart. Zudem kommt mit der Frequenz von 120 Schritten pro Minute ihr Gang demjenigen des Menschen sehr nahe. Für Para- und Tetraplegiker eine sanfte Methode, um ihre Sitzbalance zu verbessern, Spastik zu lindern sowie ein neues Körpergefühl zu erlernen. Die Therapiepferde benötigen eine zweijährige Ausbildung, mit der erst im Alter von zehn Jahren begonnen werden kann. Für ihre Ausbildung ist Hans ebenfalls zuständig. Die Verantwortung dafür macht ihm Freude. «Wir haben das Ausbildungsprogramm aufgrund von Wissen und Erfahrungen von Pferdeführern, Pferdepflegern und Spezialisten aufgebaut», so der Pferde-Experte.

Hans während der Therapien

Es ist 9.45 Uhr. Die erste Patientin steht für den Transfer vom Rollstuhl auf das Pferd an der Rampe in der Reithalle bereit. Dank grossem Mut seitens der Patientin und der Hilfe von starken Händen gelingt es ihr, auf das Pferd zu sitzen. Nun kann es losgehen. Draussen in der Kälte werden mehrere Runden gedreht. Therapeutin, Pferdebegleiter, Pferd und Patientin sind ein gut eingespieltes Team. Ruhe und Harmonie sowie gegenseitiges Vertrauen sind sichtbar. Vertrauen, das mit starkem Einfühlvermögen aufgebaut wird. Fast wortlos verständigen sich Hans und Therapeutin Sibille Bühlmann. «Unser Kontakt muss eng sein», bestätigt sie. Heute offenbar ganz besonders, denn sie sitzt zusammen mit der Patientin auf dem Pferd. «Das tun wir nur, wenn die Situation dies wirklich erfordert.» Sibille nimmt Einfluss auf die Patientin, während sich Hans mit dem Pferd dem Geschehen anpasst.

«Stolpernde Pferde könnten wir nicht gebrauchen»

Der nächste Patient sitzt alleine auf dem Pferderücken, und Hans führt ihn rund um das SPZ-Areal bis hinunter zum See. Was passiert, wenn ein Patient das Gleichgewicht zu verlieren droht und fast vom Pferd fällt? «Die Pferde sind in der Lage, weitgehend auszugleichen. Sollte dennoch eine gefährliche Situation entstehen, steht immer das Wohl des Patienten an erster Stelle.» Was heisst das? «Einer von uns – Pferdeführer oder Therapeut – nimmt eine Position ein, die verhindern soll, dass sich der Patient verletzt.»

Vom Maurer zum Pferdepfleger

Schon als Hans für eine Baufirma als Maurer auf der SPZ-Baustelle arbeitete, war für ihn klar, dass er im SPZ arbeiten möchte. Er ist noch heute stolz darauf, dass er damals beim Technischen Dienst eine Anstellung fand. «Ich lernte den Betrieb rasch kennen: zwei Jahre Pikettdienst, danach in der Gärtnerei.» 1995 war er seiner heutigen Position schon näher: Der Eyhof wurde eröffnet, und aus dem Elsass kamen die Pferde angereist, die bereits der SPS gehörten und schon auf Hippotherapie «eingefuchst» waren. Nun brauchte es einen Angestellten mit fundierten Pferdekenntnissen. Perfekt für den Pferdekenner und Concours-Reiter Hans. «Das ist schon ein spezieller Job mit diesen Rossen da», schwärmt der Pferdeliebhaber. Das Schönste für ihn: die Dankbarkeit der Patienten.

 

Hans Imfeld ist in der Zwischenzeit pensioniert. In der Hippo- und Reittherapie Eyhof sind zurzeit eine Pferdefachfrau und zwei Pferdefachmänner und eine Aushilfe tätig. Insgesamt sind acht Pferde im Therapieeinsatz und ein Pferd in Ausbildung (Vedis, Kolbi, Solon, Trùr, Funi, Gletti, Draumi, Magnus, Safir) für Patienten und Klienten da.

Pferdegestützte Therapien am SPZ

 Hippotherapie ist erwiesenermassen nutzbringend für Querschnittgelähmte. Die Therapie lockert verkrampfte Muskulatur, fördert das Gleichgewicht, lindert Schmerzen, baut Muskeln auf und ist eine psychisch positive Erfahrung für die Patienten. Auch weil sie im Umgang mit den Pferden eine Abwechslung zum Therapiealltag am SPZ erleben.

Am Eyhof wird mit den neun ausgebildeten Therapiepferden auch therapeutisches und heilpädagogisches Reiten für Menschen mit Ängsten, Verkrampfungen, Personen mit Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen, Menschen mit geistiger Behinderung oder Sprachbehinderung  usw. angeboten.

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