Porträtbild von Gion Stiffler und seiner Frau.
Porträtbild von Gion Stiffler und seiner Frau.

Den Humor lässt er sich nicht nehmen

Eine Durchblutungsstörung des Rückenmarks macht Gion Stiffler zu einem hochgelähmten Tetraplegiker. Der 43-Jährige aus dem bündnerischen Trimmis meistert seine Situation mit Pragmatismus – und oft mit Witz.

Text: Peter Birrer
Bilder: Sabrina Kohler

Die Kreditkarte steckt im Lesegerät an einer Tankstelle in Bad Ragaz SG, als etwas Unheimliches geschieht. In seinem Rücken breitet sich ein seltsamer Schmerz aus, und für einen Moment fühlt sich alles wie in einem stockfinsteren Raum an. Gion Stiffler realisiert, dass etwas nicht stimmt. Er versucht, das Ganze zu verdrängen. Schliesslich ruft die Arbeit. An diesem 28. August 2014 jedoch wird der Lokomotivführer seinen Dienst nicht antreten, sondern um sein Leben kämpfen.

Er eilt zurück in sein Auto, der rechte Arm wird bleischwer, und jetzt spürt er auch in den Beinen ein Taubheitsgefühl. «Und ja», sagt der 43-Jährige am Stubentisch seiner Wohnung in Trimmis GR, «dann war halt fertig …» Einfach so. Ohne Ansage.

Der Bündner schätzt als gelernter Automechaniker Motoren und Geschwindigkeit. Er arbeitet als Lastwagenchauffeur und Mechaniker für das Formel-1-Team von Sauber, reist oft nach Spanien und ist vom Rennsport fasziniert. 2009 lässt er sich zum Lokomotivführer ausbilden, erhält eine Stelle bei der Rhätischen Bahn und liebt besonders die Strecke zwischen Chur und Disentis.

Die Hand von Gions Frau liegt auf seiner.

Die abgesagten Flitterwochen

So sehr er schätzt, was er tut: Bis zur Pension möchte er noch anderes sehen und erleben. Er sucht eine neue Herausforderung, von der er sich mehr Abwechslung verspricht – und bewirbt sich für die Polizeischule. Gion Stiffler besteht den Eignungstest, 2015 soll es mit der Karriere losgehen. Zur Vorfreude auf die beruflichen Pläne kommt das private Glück. Am 26. Juli 2014 heiratet er in Scuol seine Freundin Manuela. Die beiden haben Wünsche und Ziele, sie denken an Kinder, an einen unbeschwerten Alltag mit ihrer Familie – und zum Start in die Zukunft als Ehepaar wollen sie Ferien auf Mauritius geniessen.

Das Reisesparschwein ist dank Zustupfen der Hochzeitsgäste prall gefüllt. 33 Tage später platzen die Träume an der Tankstelle in Bad Ragaz. Detailliert schildert er, was in diesen Minuten und Stunden passiert ist. Das Trauma hat sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt. «Diesen Sch…tag vergesse ich nicht», sagt er.

Die Dashcam zeichnet alles auf

Sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Gion Stiffler muss es irgendwie zu seinem Hausarzt in Malans schaffen und wählt instinktiv den Weg über die Landstrasse, die Autobahn erachtet er als zu gefährlich. Eine Dashcam zeichnet seine Emotionen auf. Er ist verängstigt und verzweifelt, er brüllt, als ein Lenker vor ihm zu gemächlich unterwegs ist. Das Video schaut er später einmal an. Bis heute hat er es sich kein zweites Mal angetan.

«Ihr müsst jemand anders auf meinen Zug schicken.»

Gion Stiffler

Die wenigen Minuten von Bad Ragaz bis Malans ziehen sich endlos hin. Als er ankommt, trifft ihn fast der Schlag. Die Praxis ist geschlossen, der Arzt in den Ferien. Gion Stiffler kann sich inzwischen hinter dem Steuer kaum mehr bewegen. Er wählt die Notfallnummer 144 und schildert seine dramatische Situation, die Lähmung in allen Extremitäten. Nach diesem Telefonat muss ein Anruf noch sein: «Ihr müsst jemand anders auf meinen Zug schicken», meldet er seinem Arbeitgeber.

Dann verlassen ihn die letzten Kräfte. Das Mobiltelefon fällt aus der Hand. Er hört die Sirene des Rettungswagens, ringt zunehmend um Luft und hat Angst, zu ersticken. In Panik geraten schreit er um Hilfe.

Die letzten Worte vor dem Filmriss

Unterwegs ins Kantonsspital in Chur ist er noch bei Bewusstsein. Schwach erinnert er sich an eine Frage des Notarztes, die ihm vorkommt wie ein schlechter Witz: «Haben Sie Drogen konsumiert?» Kopfschütteln. Und er hat eine Stimme im Ohr, die ihn im Schockraum bittet, kurz die Luft während einer Computertomografie anzuhalten. Die Luft anhalten, in seiner Verfassung? Er kann gerade noch einen Satz herauspressen: «Sehe ich so aus, als wäre ich dazu noch in der Lage?» Es sind seine letzten Worte vor dem Filmriss: «Es wurde dunkel. Was auf der Intensivpflegestation geschah, weiss ich nur aus den Erzählungen, die das Pflegepersonal in einem Tagebuch festgehalten hat.» Die Untersuchungen bestätigen die schlimmsten Befürchtungen: Arteriaspinalis-anterior-Syndrom.

Es handelt sich um eine Durchblutungsstörung des Rückenmarks, die ihn zum inkompletten Tetraplegiker macht. Die Diagnose erschüttert Gion Stiffler zunächst nicht: «Ich ging davon aus, dass sich bestimmt etwas verbessern würde.» Erst nach der Verlegung ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil realisiert er langsam die Tragweite. Er muss beatmet werden und ist vom Hals an abwärts gelähmt. Wenn er sich mitteilen will, muss er den Kopf und die Augen einsetzen. Die Sensibilität in seinem Körper ist zwar erhalten geblieben, aber er kann nichts mehr bewegen. Er fühlt sich ohnmächtig, ausgeliefert, komplett hilflos: «Plötzlich ist es vorbei mit der Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Nicht einmal mehr die Finger bewegen zu können, das regte mich extrem auf.»

Porträt Gion Stiffler

«Gleiche Persönlichkeit wie vorher»

Sein Schicksal wühlt auf. Als Adrian Derungs, der Trauzeuge von Gion und Manuela Stiffler, zum ersten Mal in Nottwil zu Besuch ist, verschlägt es ihm die Sprache. Der Anblick seines Freundes, den er seit der Primarschule kennt, schockiert ihn und lässt ihn lange nicht mehr los. In ihrer Jugend hatten die beiden einmal darüber diskutiert, was sie tun würden, wenn sie nach einem Unfall querschnittgelähmt im Rollstuhl sässen. «Den Stecker ziehen», hätten sie gesagt. Es würde alles keinen Sinn mehr machen.

Aber Adrian Derungs lässt sich nicht anmerken, dass ihm die Situation zusetzt. Und er unterlässt alles, was sein Freund als Mitleid auffassen könnte. Lieber bemüht er sich um Gespräche, die Normalität suggerieren. Manchmal lockert auch schwarzer Humor die Stimmung auf.

Gion Stiffler verbringt neun Monate in der Erstrehabilitation und sagt, er habe sich relativ schnell mit seiner Querschnittlähmung abgefunden. Dass er zu neuem Lebensmut findet, hängt auch mit Kollegen zusammen, die er in Nottwil kennenlernt. Mit Momenten, die ein Stück Normalität zurückbringen, wenn sie gemeinsam Pizza essen und einen Eishockeymatch oder Film im Fernsehen schauen. Und es hat sehr viel mit seiner Frau Manuela zu tun, die nie von seiner Seite weicht und keinen Gedanken daran verschwendete, sich von ihm abzuwenden. «Gion ist mein Mann. Ich habe ihn geheiratet, weil ich ihn liebe», sagt sie. «Daran hat sich nichts geändert. Er ist die gleiche Persönlichkeit wie vorher.»

Sie kümmert sich liebevoll um ihren Mann, gibt das Essen ein, führt einen Trinkhalm zum Mund, damit er einen Espresso trinken kann, und schaut ihn lächelnd an: «Wir können nicht mehr einfach spontan etwas unternehmen, aber wir freuen uns über alles, was noch funktioniert.»

Als ihm fast das Herz brach

Gion Stiffler nennt Manuela einen «Diamanten» und wird sentimental, als sich das Gespräch um das Thema Familie dreht. Der Kinderwunsch bleibt unerfüllt, weil er glaubt, den Anforderungen seiner Rolle nicht gerecht zu werden: «Was für ein Vater wäre ich mit diesen Einschränkungen?» Gleichzeitig plagt ihn bis heute ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Frau: «Es brach mir fast das Herz, ihr sagen zu müssen, dass es für mich keinen Sinn mehr machte, Kinder zu haben.»

«Gefüttert zu werden wie ein Baby – wer mag das als Erwachsener schon?»

Gion Stiffler

Die Abhängigkeit ist das, was ihn am stärksten belastet. «Gefüttert zu werden wie ein Baby, trinken mit einem Röhrli, wer mag das als Erwachsener schon?» So viel wie möglich will er selbstständig erledigen. Und das klappt tatsächlich: Er steuert sein Leben mit dem Kinn. So lenkt er seinen Rollstuhl, und dank Hilfsmitteln von Active Communication, einer Organisation der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, kann er über sein Handy die elektronische Umgebung kontrollieren: den Fernseher einschalten, Türen öffnen, den Lift holen oder sogar das Geschirr für die zwei Büsi Arlo und Gin mit Trockenfutter füllen.

Die Wohnung in Trimmis verlässt er nur ungern. In den eigenen vier Wänden fühlt er sich geborgen und sicher, dank moderner Technik benötigt er tagsüber keine Unterstützung. Ausflüge sind mit gezielter Vorbereitung und viel Energieaufwand verbunden. Aber ganz ohne geht es auch nicht: Konzerte oder gelegentlich ein Abendessen in Chur – das liegt drin.

Gion Stiffler sitzt an seinem Schreibtisch und steuert seinen Computer mit dem Mund.
Gion Stiffler schaut Eishockey

«Ich bin das perfekte Handmodel»

Gion Stiffler strahlt Gemütlichkeit und Zufriedenheit aus. «Mir geht es gut», sagt er. Es gibt Momente, in denen er hadert, sich Fragen stellt und mit der Welt schimpft. Lange hält der Unmut indes selten an, weil er weiss, dass Fluchen nichts nützt. Schon eher hilft ihm sein Pragmatismus, schwierige Phasen zu überwinden: «Es ist nun mal so, wie es ist.» Oder er verblüfft sein Gegenüber mit Humor. «Ich bin das perfekte Handmodel», sagt er auf einmal. Manuela schaut ihn fragend an. «Sieh dir meine sauberen Hände an – seit mehr als zehn Jahren sind sie nicht mehr durch eine Arbeit dreckig geworden.» Sie lacht: «Mein Mann hat ein gesundes Selbstvertrauen.»

«Ich habe Gion geheiratet, weil ich ihn liebe. Er ist die gleiche Persönlichkeit wie vorher.»

Manuela Stiffler

Gion Stifflers Radius und seine Möglichkeiten sind stark eingeschränkt. Doch er weiss, mit seiner Zeit etwas anzufangen. Viele Stunden verbringt er vor dem Computer, liest im Internet und hat ein Hobby entdeckt, das zu einer Leidenschaft geworden ist: Mit einer Mundmaus entwirft und druckt er verschiedene 3D-Teile. Sein Freund Adrian Derungs denkt, dass sich sein Mindset verändert hat. Früher habe Gion seinen Standpunkt pointiert geäussert und sich auch nicht gescheut, damit anzuecken. «Heute lässt er andere Meinungen zu, ist vielseitiger interessiert, geduldiger und lockerer geworden», sagt er und ergänzt: «Ich weiss nicht, wie es ihm gelingt, diese Situation zu meistern. Ich bin zutiefst beeindruckt.»

Wings for Life – ein Herzensprojekt

Bald zwölf Jahre sind seit der Durchblutungsstörung in seinem Rückenmark vergangen. Seine Zuversicht, einmal in einen manuellen Rollstuhl wechseln zu können, ist ungebrochen. Darum engagiert er sich mit Hingabe für Projekte, die sich mit der Rückenmarkforschung auseinandersetzen. Der Wings for Life World Run ist für das Ehepaar eine solche Herzensangelegenheit – ein Solidaritätslauf, bei dem alle Teilnehmenden auf der ganzen Welt zur gleichen Zeit starten und gemeinsam gegen einen «Catcher Car» laufen. Hundert Prozent der Startgelder und Spenden fliessen unmittelbar in die Rückenmarkforschung. Die Schweizer Paraplegiker-Gruppe ist nationale Partnerin des Events, der 2026 am 10. Mai stattfinden wird.

Vor elf Jahren nahmen Gion und Manuela Stiffler zum ersten Mal daran teil, inzwischen sind sie Stammgäste. «Für Wings for Life machen wir alles. Das ist unser Ding», sagt er.

Seine Frau ergänzt: «Ohne Forschung sind Fortschritte auf dem Gebiet der Querschnittlähmung nicht denkbar.» 2024 leisteten die zwei einen ausserordentlichen finanziellen Beitrag. Am Dorfmarkt in Trimmis verkauften sie selbst gemachte Produkte wie Gewürzmischungen, gebrannte Mandeln oder Guetzli und sammelten so 576.50 Franken.

Die Sensibilisierung für das Thema Querschnittlähmung ist ihm ein grosses Anliegen. Die Hoffnung, dass er eines Tages in den manuellen Rollstuhl wechseln kann, begleitet ihn von Anfang an. Gion Stiffler hat Träume, die er erfüllen möchte. Zum Beispiel: die Flitterwochen nachholen. Die 5000 Franken für Mauritius liegen immer noch unangerührt auf dem Bankkonto.

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