Woman in blue sweater walking along tree-lined path
Woman in blue sweater walking along tree-lined path

Diagnose: inkomplett

Menschen mit einer Querschnittlähmung, die wieder zu Fuss gehen können, haben es doppelt schwer: Sie leiden an den gleichen versteckten Beschwerden wie Rollstuhlfahrende, aber weil man ihnen auf den ersten Blick nichts ansieht, kommt es im Alltag zu vielen Missverständnissen. Die Sensibilisierung der Gesellschaft für ihre Probleme ist überfällig.

Text: Stefan Kaiser
Fotos: Walter Eggenberger
Video: Astrid Zimmermann-Boog

Eine Haltestelle in Sydney. Der vollbesetzte Bus öffnet die Türen. Doch die junge Schweizerin steigt nicht ein. Sie hat lange gewartet und wird jetzt zu spät in ihre Sprachschule kommen. Aber einen Fremden um Verständnis zu bitten, dass sie seinen Sitzplatz braucht, traut sie sich nicht. Also bleibt sie draussen. Wieder einmal.

Nadja Landolt-Schweizer (38) aus Rapperswil (SG) schildert verschiedene solcher Anekdoten aus ihrem Leben als Querschnittgelähmte. Man spürt, wie selbst banale Alltagssituationen demütigen können. Sässe Landolt-Schweizer im Rollstuhl, wäre der Fall für alle Beteiligten klar. Aber wer weiss schon, dass es Personen mit einer Querschnittlähmung gibt, die gehen können? Die zwar Fussgängerinnen und Fussgänger sind, aber dennoch mit massiven Handicaps zu kämpfen haben? Dazu die abschätzigen Blicke in der Öffentlichkeit. Am Billettautomaten. An der Supermarktkasse. Auf dem Zebrastreifen.

Nadja_Schweizer

Ein Sturz bei einem spektakulären «big air»-Sprung im Snowpark hatte aus der begeisterten Snowboarderin eine «inkomplette Tetraplegikerin» gemacht. Das heisst: Nadja Landolt-Schweizer war zwar vom Hals an abwärts gelähmt, aber einige Nervenbahnen im Rückenmark wurden nicht vollständig durchtrennt und ermöglichten Restfunktionen im gelähmten Bereich. Nach einem Monat konnte sie abends im Bett den Fuss wieder etwas bewegen. Auf diesen Hoffnungsschimmer fokussierte sie ihre ganze Energie in der Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Nach fünf Monaten wurde sie ohne Rollstuhl nach Hause entlassen.

Hoher Erklärungsbedarf

Unser Alltagsverständnis setzt Querschnittlähmung mit Rollstuhl gleich. Steht eine Rollstuhlfahrende Person im Museum, Supermarkt oder am Arbeitsplatz plötzlich auf und geht ein paar Schritte, gilt sie schnell als simulierend. Doch inkomplett gelähmte Menschen leiden unter den gleichen Einschränkungen, wie man sie von Querschnittgelähmten im Rollstuhl kennt. Von der Verletzung sind nicht nur die Bewegungsfähigkeit und die Sensibilität betroffen, sondern alle Körperfunktionen, die über Nervenreize im Rückenmark gesteuert werden. Darunter Blasen- und Darmfunktion, Herz- und Atemfrequenz, Tiefensensibilität, Sexualfunktion, Blutdruck, Schmerzempfinden und die Feinmotorik. Von all diesen Beschwerden sieht man den Betroffenen nichts an.

«Ich muss mich immer rechtfertigen, sonst werde ich als verwöhnte Prinzessin abgestempelt.»

Dass man Nadja Landolt-Schweizers Verletzung von aussen nicht bemerkt, ist eine ständige Quelle für Missverständnisse. Während ihre Freundinnen nach dem Ausgang auf den Zug rennen, bleibt Landolt-Schweizer in ihrem Gehtempo zurück. Die Bahnangestellten sehen eine hübsche blonde Frau, die es offenbar nicht nötig findet, sich ein bisschen anzustrengen. «Ich muss mich immer rechtfertigen», erklärt sie, «sonst werde ich als verwöhnte Prinzessin abgestempelt.» Anfangs war das schlimm. Mittlerweile gehe sie selbstbewusster damit um, dass viele ihren medizinischen Zustand nicht einordnen können. «Aber es darf auch Tabuthemen geben», sagt sie.

Nadja Landolt-Schweizer, welche besonderen Probleme bringt eine inkomplette Querschnittlähmung mit sich?
Vieles hängt damit zusammen, dass die Gesellschaft kaum etwas darüber weiss. Eine ältere Hausärztin, die bei einem E-Bike-Unfall zur inkompletten Tetraplegikerin wurde, sagte mir, dass sie zuvor nie gehört hatte, dass man mit einer Querschnittlähmung wieder gehen kann. In ihrer Ausbildung waren Rückenmarkverletzungen kaum ein Thema – geschweige denn, dass es verschiedene Formen davon gibt.

Und das Nichtwissen führt zu Missverständnissen?
Das Problem ist: Weil man diese Querschnittlähmung von aussen nicht sieht, können die Leute die Einschränkungen nicht einordnen. Betroffene werden oft schräg angeschaut, etwa wenn sie einen Fussgängerstreifen nur langsam überqueren, im Bus für ältere Personen nicht aufstehen, mit Walking-Stöcken ins Kino gehen oder ein Rollstuhl-WC benutzen. Letzthin wollte mir eine Yoga-Lehrerin mitten in der Stunde die Finger strecken, weil ich aufgrund meines Krankheitsbilds die Hände nicht flach auf den Boden legen kann.

Aber das Gehen erleichtert Ihren Alltag?
Natürlich bin ich froh, dass ich gewisse Strecken zu Fuss bewältigen kann und selbstständiger bin als im Rollstuhl. Aber alle anderen querschnittbezogenen Probleme sind genau gleich da. Mein Alltag ist der eines Menschen mit Querschnittlähmung. Hinzu kommt, dass sich die Betroffenen ständig erklären müssen.

Worüber?
Zum Beispiel, weshalb man nach der Arbeit keine Energie mehr für soziale Anlässe hat. Bei ParaHelp sehen wir immer wieder, dass Hausärztinnen und -ärzte bei querschnittgelähmten Personen ungeeignete Therapien verordnen, aus Unkenntnis über die Zusammenhänge. Bei der Geburt meiner Kinder musste ich das Spital zuerst über die Besonderheiten meiner Rückenmarkverletzung aufklären und die fachlichen Leitlinien abgeben.

Weil man Sie als Fussgängerin behandeln wollte?
Genau. Wer mit einer Querschnittlähmung wieder gehen kann, ist eigentlich ständig am Kämpfen. Das betrifft gleichermassen die Sozialversicherungen. Die Betroffenen belasten sich bis an ihre Grenzen und werden dann von den Versicherungen bestraft, weil sie ihnen zustehende Leistungen nicht erhalten. Oder sie werden in zu hohe Arbeitspensen eingestuft. Aber die meisten können nicht mehr hundert Prozent arbeiten und benötigen Erholungsphasen.

In Nottwil wird man doch auf solche Herausforderungen vorbereitet?
Beim einer inkompletten Querschnittlähmung sind Prognosen zum individuellen Verlauf noch schwieriger und bieten Raum für Hoffnungen. Häufig hoffen die Betroffenen dann auf Ergebnisse, die für sie nicht erreichbar sind. Erst nach dem Austritt aus der Klinik wird ihnen bewusst, mit welchen Einschränkungen sie im Alltag wirklich leben müssen.

Wie haben Sie persönlich diesen Prozess erlebt?
Mit den Jahren habe ich gelernt, meine Energie besser einzuteilen und auf meinen Körper zu achten – das schulde ich der Verantwortung für meine Kinder, die jetzt zwei und fünf Jahre alt sind. Bei ParaHelp arbeite ich in einem Pensum von vierzig Prozent, verteilt auf drei Tage. So ist es für mich perfekt.

«Sei doch froh!»

In einer Zeit, die voll aufs Tempo drückt, ist das Leben von inkomplett Querschnittgelähmten anders getaktet als das von gesunden Fussgängerinnen und Fussgänger. Oft bekommt Landolt-Schweizer zu hören: «Hast du aber Glück gehabt!» Was soll sie darauf antworten? Dass die Beschwerden trotzdem da sind? Dass neunzig Prozent aller Inkompletten unter ständigen Schmerzen leiden, die sie im Lauf der Jahre zermürben? Dass sie pro Woche viele Stunden auf der Toilette verbringen muss? Oder soll sie vom australischen Outback erzählen, wo die Reisegruppe sie eine verwöhnte «Swiss Miss» nannte, wenn sie gewisse Tätigkeiten nicht ausführen konnte – obwohl sie schon längst bis an ihr körperliches Limit gegangen war?

Mit bewundernswerter Disziplin und grossem Organisationsaufwand schlägt sich die junge Frau durch ein Leben mit den gleichen Handicaps, Beschwerden und Sekundärkomplikationen, wie sie andere Personen mit einer Querschnittlähmung haben, die im Rollstuhl sitzen. Dass sie wieder laufen kann, heisst nicht, dass sie wieder gesund ist, sondern dass sie bei einigen Themen mehr Verständnis braucht. Dafür will sie Arbeitgebende und die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Jeden zweiten Tag wird ein Mensch in der Schweiz querschnittgelähmt.

Eine Querschnittlähmung führt zu hohen Folgekosten, z.B. für den Umbau der Wohnung oder des Autos. Werden Sie deshalb Mitglied der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, um im Ernstfall 250 000 Franken zu erhalten.

250 000 Franken im Ernstfall

Jetzt Mitglied werden und vorsorgen

Bereits 2 Millionen Mitglieder vertrauen auf die Schweizer Paraplegiker-Stiftung.

Choose membership

  • Einzelmitglied

    pro Jahr

    CHF45
  • Paare und Familien

    pro Jahr

    CHF90
  • Dauermitglied

    once

    CHF1000

Ihre Transaktion ist sicher

Ihre Mitgliedschaft – Ihre Vorteile – unser Tun

  • Sie erhalten 250 000 Franken, wenn Sie nach einem Unfall querschnittgelähmt und dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen sind.
  • Die Auszahlung erfolgt schnell und unbürokratisch.
  • Die Ausszahlung ist unabhängig von Versicherungsleistungen, Unfall- oder Behandlungsort.
  • Eine Mitgliedschaft ist möglich für Personen mit Wohnsitz in der Schweiz wie auch im Ausland.
  • Bereits 2 Millionen Mitglieder vertrauen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.
  • Sie zeigen Solidarität gegenüber querschnittgelähmten Menschen – denn es kann jeden treffen.

Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung ist ein gemeinnütziges Solidarwerk, welches sich für die gesamtheitliche Rehabilitation von Querschnittgelähmten einsetzt. Zusammen mit ihren Tochter- und Partnergesellschaften steht sie dafür ein, Querschnittgelähmte ein Leben lang zu begleiten. Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung unterstützt das Schweizer Paraplegiker-Zentrum finanziell. Nebst Querschnittlähmung werden im Schweizer Paraplegiker-Zentrum auch Rückenverletzungen anderer Art behandelt. Bereits 2 Mio. Menschen in der Schweiz sind Mitglied bei der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.

Anmeldung Newsletter

Ich möchte exklusive Einblicke hinter die Kulissen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung erhalten.

Werden Sie jetzt Mitglied und erhalten Sie im Ernstfall 250 000 Franken.

Mitglied werden

Spenden Sie jetzt und unterstützen Sie unsere Projekte zugunsten von Querschnittgelähmten.

Donate
War diese Seite hilfreich?