

Sportliche Aktivitäten sind in Nottwil fest in die Rehabilitation eingebunden – als Therapie mit Spassfaktor. Sie verbindet Motorik mit Koordination und unterstützt den Weg zurück ins Alltagsleben.
Text: Stefan Kaiser
Bilder: Sabrina Kohler, Adrian Baer
Sie sitzt heute zum ersten Mal im Kajak, doch Alexia Guidi meistert die Aufgabe mühelos. Von ihrer Sporttherapeutin lernt sie auf dem Sempachersee die richtige Technik. Mit strahlenden Augen gleitet sie über das Wasser und geniesst die Landschaft vor dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil. «Es ist toll, draussen in der Natur zu sein und sich gleichzeitig bewegen zu können», sagt die 29-jährige Psychologin aus Neuenburg. «In Nottwil entdecke ich immer wieder Sachen, von denen ich dachte, sie seien nicht mehr möglich. Aber mit etwas Unterstützung geht es doch.» Zwei Personen müssen ihr noch beim Transfer vom Rollstuhl in den Kajak helfen. Zu Hause möchte sie es allein schaffen.

Vorbereitung für den ersten Kajakausflug: Sporttherapeutin Amélie Fetzer mit Patientin Alexia Guidi.
Seit ihrem siebten Lebensjahr war Alexia Guidi leidenschaftliche Geräteturnerin. Zuletzt trainierte sie viermal pro Woche, nahm an Wettkämpfen teil und leitete im Verein das Training der Kinder – bis bei einer unglücklichen Landung von den Ringen ihr Rückenmark verletzt wird. Mit der Diagnose Querschnittlähmung wird sie am Berner Inselspital operiert und nach vier Tagen ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil überwiesen.
Sport ist für sie zunächst kein Thema – wegen ihrer Schmerzen und dem sogenannten «Schema», das nach der Operation nur eingeschränkte Bewegungen erlaubt. Stattdessen nutzt Alexia Guidi das medizinische Aufbautraining (MTT) im Kraftraum, auch in der therapiefreien Zeit und am Wochenende. «Das MTT war für mich von Anfang an wichtig, weil es mir ermöglichte, mich körperlich zu betätigen und etwas Mobilität und Kraft zurückzuerlangen», sagt die sportbegeisterte Frau.
«Ich freue mich jedes Mal»
Nach zwei Monaten Rehabilitation kann ihr Schema gelockert werden und die Patientin testet in der Sporttherapie eine Auswahl an Rollstuhl-Sportarten. Am besten gefällt ihr Basketball. «Ich übe die Dribbling- und Wurftechnik oder Bewegungen im Rollstuhl», sagt Alexia Guidi, «und am Ende habe ich ein befriedigendes Gefühl, so wie früher beim Geräteturnen.» Die Turnhalle des SPZ wird zu einem Raum, in dem sie die medizinischen Themen vergisst und Wege zurück in ein Leben ausserhalb der Klinik erkundet. Auch der soziale Aspekt macht das Basketballtraining nach dem täglichen Therapieprogramm besonders. Man knüpft Kontakte und tauscht Tipps für den Alltag aus.
Die Sporttherapien finden meistens in der Gruppe statt, das ermöglicht eine hohe Motivation und fördert die Kommunikation. «Ich freue mich auf jede Sporttherapie», sagt Alexia Guidi. «Und wenn ich sehe, dass die anderen eine Bewegung schaffen, die ich noch nicht kann, versuche ich sie auch.» In der Sporttherapie überwindet sie körperliche Grenzen – und erweitert auf spielerische Art ihren Radius der Selbstständigkeit. Besonders gefällt Alexia Guidi, dass die Sporttherapeutinnen und -therapeuten sie immer wieder motivieren, noch ein bisschen mehr zu geben: «Das spornt mich unglaublich an.»
«Für mich ist der Rollstuhlsport neu. Aber genauso toll wie früher das Geräteturnen.»
Körperfunktionen verbessern
Eine Basketballstunde wirkt nicht wie eine Therapieeinheit. Doch der Sport hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die Betroffenen ihre Rehabilitationsziele erreichen. «Unsere Patientinnen und Patienten konzentrieren sich ganz auf die sportlichen Aufgaben. Aber gleichzeitig trainieren sie spezifische Funktionen für den Alltag», erklärt Sporttherapeutin Amélie Fetzer. Mit gezielten Kräftigungsübungen versucht ihr Team, zusätzliche Körperfunktionen zu erschliessen: «Im interprofessionellen Austausch besprechen wir die individuellen Ziele der Patientinnen und Patienten und schlagen geeignete sporttherapeutische Massnahmen vor. Spezifische Geräte und Manschetten ermöglichen einer Vielzahl der Betroffenen sowohl die Teilnahme am Krafttraining als auch an Angeboten wie Tischtennis, Bogenschiessen oder Kajakfahren.»
Für Menschen mit Querschnittlähmung ist Sport nicht einfach eine nette Abwechslung zum Klinikalltag, sondern vielmehr ein zentraler Gesundheitsfaktor. Sport beugt Folgeerkrankungen vor, beeinflusst das Herz-Kreislauf-System und verbessert Körperfunktionen wie Kraft, Koordination, Stabilität, Ausdauer, Wärmetransport und Atmung. Da in der Frühphase nach einem Unfall das Gehirn noch zu erstaunlichen Lernschritten angeregt werden kann, werden in Nottwil die Patientinnen und Patienten von Anfang an motiviert, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten sportlich zu bewegen.

Ein weiteres wichtiges Angebot der Sporttherapie ist das Rollstuhl-Handling. Für ein selbstständiges Alltagsleben ist das Beherrschen des Rollstuhls die Voraussetzung. Die Patientinnen und Patienten lernen die richtige Technik und die notwendigen Tricks, um im manuellen oder elektrischen Rollstuhl die Barrieren zu überwinden, die ihren Bewegungsradius einschränken. Wichtig ist auch eine optimale Antriebstechnik, um die Schultern zu schonen, die bei der Fortbewegung die Hauptlast tragen. Da sie von Natur aus nicht für solche Belastungen vorgesehen sind, drohen sonst Folgeschäden.
«Die Betroffenen konzentrieren sich auf sportliche Aufgaben – und trainieren Funktionen für den Alltag.»
«Der Sport half mir, unabhängig zu werden»
Gabriela Bühler kennt diese Themen seit ihrem Bergunfall im Jahr 2007. Sie war damals Sportlehrerin, fuhr Mountainbike- Rennen, spielte Beachvolley und Tennis, kletterte in den Bergen. «Sport war ein wichtiger Lebensinhalt für mich», sagt die 47-Jährige aus Ennetbürgen NW. «Nach dem Unfall dachte ich: Jetzt ist es vorbei damit.» Doch während der Rehabilitation in Nottwil kommt sie schon früh in Kontakt mit verschiedenen Sportmöglichkeiten. Per Zufall erfährt sie von einer Tennis-Einführung mit Karin Suter-Erath, darf im Sportrollstuhl der Spitzenspielerin Bälle schlagen – und diese sagt: «Du wärst durchaus talentiert.» Da war es um sie geschehen.
Sie beginnt intensiv mit Rollstuhl-Tennis. Die erste Motivation ist es, wieder mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf den Court zu gehen. Schon bald kommt der Wettkampfgedanke auf. 2011 nimmt Gabriela Bühler an ihren ersten Weltmeisterschaften teil, zehn Jahre lang spielt sie auf internationalem Niveau. Gleichzeitig unterrichtet sie als Gymnasiallehrerin in ihrem zweiten Fachgebiet, der Geografie.


«Der Sport hat mir viel Kraft gegeben», erzählt Gabriela Bühler. «Er half mir, unabhängig zu werden und am Leben teilzunehmen.» Durch den Sport muss sie ihre Komfortzone verlassen, Kontakte knüpfen und viel organisieren, zum Beispiel komplexe Reiseabläufe mit dem Rollstuhl an Turniere auf der ganzen Welt. Der Sport gibt ihr eine Lebensperspektive und unterstützt die soziale Integration. Das tut auch der Psyche gut. Und durch die Zunahme der Muskelmasse kann sie ihren Alltag besser bewältigen. «Wenn ich mich mehr bewege, habe ich weniger Spastiken», sagt sie. «Diese sind für mich eine ständige Herausforderung.»
Vorbilder zeigen den Weg
Schon kurz nach dem Unfall werden Pioniere des Rollstuhlsports wie Heinz Frei und Edith Hunkeler zu ihren Vorbildern: «Sie zeigten mir, dass es sowohl sportlich als auch im Alltag weitergeht und dass auch ein Leben im Rollstuhl wertvoll sein kann.» Ihre Vorbilder helfen Gabriela Bühler in einer schwierigen Lebensphase. Heute ist sie selbst ein Vorbild.
2015 verlässt sie das Gymnasium und übernimmt in Nottwil eine Stelle als Peer-Beraterin. Sie betreut Patientinnen in der Erstrehabilitation zu allen Fragen rund um das Leben mit einer Querschnittlähmung – und gibt Tipps für den Rollstuhlsport. Während der Coronapandemie entdeckt Gabriela Bühler für sich die Disziplinen Mountainbike und Langlauf.
Sie ist ein sehr neugieriger Mensch. Wenn die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) einen neuen Sport ins Programm aufnimmt, probiert sie ihn aus. Und weil immer mehr Betroffene Freude am Mountainbiken bekommen – nicht zuletzt dank einem innovativen Modell der Gruppenfirma Orthotec –, testet sie ehrenamtlich, welche Bike-Strecken in der Schweiz rollstuhlgängig ausgeschrieben werden können. «Das Mountainbike erweitert unseren Bewegungsradius und verschiebt unsere Grenzen», sagt Gabriela Bühler. «Allen Menschen, die sich gerne in der Natur bewegen, gibt es sehr viel zurück.»
«Der Sport half mir, wieder am Leben teilzunehmen.»
Sport fördert die Integration
Nach der Entlassung aus der Erstrehabilitation ist die SPV die wichtigste Anlaufstelle für alle nichtmedizinischen Themen. Mit einem grossen Angebot im Breitensport sollen möglichst viele Betroffene dazu motiviert werden, sich zu bewegen und ihre Fitness zu erhalten. Dabei steht das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund. Sei es im Training, an Wettkämpfen oder bei speziellen Events. 26 Rollstuhlclubs aus der ganzen Schweiz sind bei der SPV organisiert, und Sport ist ein wichtiger Faktor des Vereinslebens.

Alexia Guidi bei Wurfübungen mit Basketball-Nationaltrainer Nicolas Hausammann.
Das Breitensportteam der SPV stellt regelmässig neue Angebote zusammen und organisiert Sportkurse. Ein besonderer Anlass ist das Sport- und Freizeitcamp «move on», das einmal im Jahr die Möglichkeit bietet, während mehreren Tagen in die Welt des Rollstuhlsports einzutauchen, neue Aktivitäten kennenzulernen und unter Anleitung auszuprobieren. Das Interesse in allen Landesteilen ist jeweils riesig.
In der Schweiz sind Menschen mit Querschnittlähmung so gut integriert, weil Pioniere wie SPZ-Gründer Guido A. Zäch und Sportgrössen wie Heinz Frei und Edith Hunkeler mit herausragenden Leistungen den Boden dafür bereitet haben, sagt Gabriela Bühler: «In anderen Ländern wird man im Rollstuhl wie eine Aussätzige angeschaut, hier sind wir dank der Pioniere akzeptiert.» Die Westschweizer Patientin Alexia Guidi lernt die vielen Sportmöglichkeiten erst seit Kurzem kennen. Ihr Fazit: «Es ist schön, dass man selbst im Rollstuhl weiterhin Sport treiben kann. Für mich ist alles neu, aber genauso toll.»
Jeden zweiten Tag wird ein Mensch in der Schweiz querschnittgelähmt.
Eine Querschnittlähmung führt zu hohen Folgekosten, z.B. für den Umbau der Wohnung oder des Autos. Werden Sie deshalb Mitglied der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, um im Ernstfall 250 000 Franken zu erhalten.
Ihre Mitgliedschaft – Ihre Vorteile – unser Tun
Anmeldung Newsletter
Ich möchte exklusive Einblicke hinter die Kulissen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung erhalten.
Weitere Beiträge
Weitere Beiträge
Werden Sie jetzt Mitglied und erhalten Sie im Ernstfall 250 000 Franken.
Spenden Sie jetzt und unterstützen Sie unsere Projekte zugunsten von Querschnittgelähmten.

