Stefan Staubli, Leiter Soziale und Berufliche Integration am Schweizer Paraplegiker-Zentrum

«Unser Ziel ist die erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung.»

Ein Gespräch mit Stefan Staubli, Leiter Soziale und Berufliche Integration am Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Die Abteilung ParaWork des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) unterstützt rund 150 Klienten bei der beruflichen Wiedereingliederung. Massgeschneiderte Massnahmen sorgen dafür, dass die komplexe Aufgabe in Nottwil ausgesprochen erfolgreich gelöst wird.

Stefan Staubli, was wäre Ihre Reaktion bei einem Stellenverlust? 
Ein solches Ereignis verunsichert jeden Menschen. Wenn die Stabilität des vertrauten Lebens bedroht ist, löst das existenzielle Sorgen aus. Ich habe diese Situation selbst erlebt, als ich nach einer Erkrankung meine angestammte Tätigkeit aufgeben musste. Damals hat mir das frühe Gespräch mit einem Berufsberater geholfen, das Thema Arbeit neu anzugehen und die Veränderung als Chance zu sehen.

 

Bei Menschen mit Querschnittlähmung machen körperliche Einschränkungen die berufliche Neuausrichtung komplexer. 
Hinzu kommt, dass sie in der Erstrehabilitation auch noch einen lebensverändernden Schicksalsschlag verarbeiten müssen. Jeder Betroffene erlebt diese Herausforderung anders. Einige Patienten des SPZ gehen die berufliche Wiedereingliederung sehr früh und strukturiert an und bitten uns gezielt um Unterstützung. Andere sind zunächst psychisch gar nicht in der Lage, sich mit ihrer Zukunft zu befassen.

 

Welchen Stellenwert hat die Arbeit, wenn man die Diagnose Querschnittlähmung bekommt? 
In unserer Gesellschaft hat Arbeit eine Bedeutung, die weit über die Existenzsicherung hinausgeht. Es geht ums Dazugehören, man möchte einen Beitrag zum Ganzen leisten. Menschen mit einer Rückenmarksverletzung unterscheiden sich diesbezüglich nicht von anderen. Auch wer eine IV-Rente bekommt, setzt sich mit aller Kraft dafür ein, wieder einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. Studien zeigen, dass Menschen, die arbeiten, generell zufriedener sind und weniger gesundheitliche Komplikationen haben als Arbeitslose – vorausgesetzt, dass das Anforderungsprofil im Job zur Person passt. Eine ständige Überforderung kann genauso krank machen wie Unterforderung oder Arbeitslosigkeit.

 

ParaWork begleitet seine Klienten auf dem langen Weg zurück in den Arbeitsmarkt. 
Ja – wenn sie diesen Weg wirklich gehen möchten und von uns eine Unterstützung wünschen. Unser Auftraggeber ist nicht primär die Versicherung, sondern es sind die Menschen mit einer Mobilitätsbeeinträchtigung selbst.
 

Stefan Staubli, Leiter Soziale und Berufliche Integration am SPZ

Wie hoch ist der Aufwand? 
Er ist überdurchschnittlich hoch. Wir benötigen manchmal sehr kreative Ansätze, um gute Lösungen zu finden. Zudem bieten wir den Patientinnen und Patienten in Nottwil ein Experimentierfeld, das ihre Eigenmotivation stärkt – zum Beispiel, indem sie ein Schmuckstück herstellen, ein Hilfsmittel auf dem 3D-Drucker produzieren oder einen Sprachkurs besuchen. Solche Angebote helfen den Betroffenen, den Integrationsprozess anzustossen, und vermitteln ihnen die Zuversicht, dass wir gemeinsam einen Weg finden werden. Neue Lebensperspektiven entstehen, die sie zusätzlich motivieren, die aufwändige Therapiearbeit am SPZ auf sich zu nehmen.

 

Dieser Prozess setzt in Nottwil viel früher ein als anderswo. Weshalb macht das eine Reha-Klinik? 
Bereits in den Pionierzeiten war SPZ-Gründer Guido A. Zäch davon überzeugt, dass die berufliche und soziale Wiedereingliederung ein zentraler Bestandteil der Rehabilitation sein muss. Heute hat sich dieser Ansatz international durchgesetzt und ist Teil der ICF-Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, an der wir uns orientieren. Ein weiterer Grund für den frühen Beginn ist, dass in dieser Phase das Umfeld emotional noch betroffen ist und die Arbeitgeber gerne Hand für eine Lösung bieten. Mit einem breiten Massnahmenpaket unterstützen wir alle Beteiligten, damit der Arbeitsplatz gesichert bleibt und allfällige Steine aus dem Weg geräumt werden – sei es durch Trainings und Umschulungen, Beratungen zum Stellenprofil und Anpassungen am Arbeitsplatz, durch die Kooperation mit Versicherungen und Behörden oder durch Coachings.

 

Wovon hängt ab, ob ein Betroffener einen neuen Job findet? 
Die Persönlichkeit hat sicher einen bedeutenden Anteil, dazu gehören Aspekte wie Leistungsmotivation, Wertehaltung und Selbstvertrauen. Aber auch das Alter spielt eine Rolle und natürlich der Grad der körperlichen Beeinträchtigung und die Nebendiagnosen. Der allerwichtigste Punkt für eine erfolgreiche Integration ist aber, dass wir Arbeitgeber finden, die Mitarbeitende im Rollstuhl beschäftigen wollen.

 

Menschen, die eine Chance bekommen, sind meistens hochmotiviert. 
Genau! Arbeitgeber schildern auch, dass Angestellte im Rollstuhl einen positiven Einfluss auf die Firmenkultur hätten. Es profitieren immer beide Seiten von den Lösungen, die wir zusammen entwickeln. Den Fachkräftemangel sehen wir übrigens als Chance und bereiten unsere Klienten mit gezielten Weiterbildungen auf die Veränderungen in der Arbeitswelt vor.

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Die Betreuungsarbeit von ParaWork ist oft zeitaufwändig: Mehrere Jahre sind heute keine Seltenheit.

Unser Ziel ist die erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung. Der Aufwand, den wir dafür betreiben, ist keine Überbetreuung, sondern eine Investition, die sich unter dem Strich auch volkswirtschaftlich lohnt. Mit Erfolgsquoten von gegen sechzig Prozent stehen wir im internationalen Vergleich sehr gut da.

 

ParaWork benötigt die Zeit also, um wirklich nachhaltige Lösungen zu ermöglichen? 
Wir begleiten die Menschen sorgfältig und solange es uns braucht. Nicht länger. Es wäre falsch, wenn durch die intensive Unterstützung ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen würde. Genügend Zeit zu investieren ist aber für die Integration ebenso entscheidend wie für die Rehabilitation. Man kann das Gras nicht schneller wachsen lassen, indem man an den Pflänzchen zieht. Oft müssen wir die Patienten davor schützen, dass sie nicht zu viel wollen und sich selbst überfordern. Denn wer zusätzlich zur Querschnittlähmung auch noch ein Scheitern im Job oder ein Burn-out erleidet, hat es unheimlich schwer. Hier die richtige Balance zwischen Fördern, Fordern und Schützen zu finden, ist heikel. Unser Schlagwort heisst «Empowerment»: Wir nehmen unseren Klienten nicht alles ab, aber so viel, dass sie es selber schaffen.

 

Wer zahlt das alles? 
Wir pflegen eine intensive und gute Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung. Dadurch wurde es möglich, das Leistungsangebot von ParaWork in den letzten Jahren weiter auszubauen. Immer wieder werden wir von der IV gebeten, bei schwierigen Fällen dranzubleiben und weitere Schritte und Abklärungen vorzunehmen, damit eine Person bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Trotz allem bleibt in unserem Budget ein Fehlbetrag. Nur dank der finanziellen Unterstützung durch Gönner und Spender ist es ParaWork möglich, wichtige Zusatzleistungen zu erbringen.

 

In welche Richtung gehen die nächsten Schritte bei ParaWork?
Mit der Schweizer Paraplegiker-Forschung haben wir in den letzten fünf Jahren ein Instrument für das «Job Matching» entwickelt, dessen Einsatz bald anläuft. Das Tool hat sich bereits in der Testphase als wertvoll erwiesen, deshalb möchten wir es auch anderen Institutionen zur Verfügung stellen. Ein anderes Ziel ist die noch bessere Vernetzung und Koordination mit unseren Partnern in einem Gesamtsystem. Und wir wünschen uns, dass mehr Case Manager von Versicherungen nach Nottwil kommen, um sich ein eigenes Bild von ParaWork zu machen. Durch den persönlichen Kontakt zu unseren Klienten haben schon manche «harte Brocken» ihre Ansichten geändert.
 

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