Jeder Tag gibt uns die Chance auf einen Neuanfang. Wie gelingt der Start in eine neue Lebenssituation?

Die Geschichte von Linda Flury

«Ich bin mit der Diagnose Spina Bifida zur Welt gekommen. Diese Erkrankung ist quasi eine angeborene Querschnittlähmung und, wie diese, nicht heilbar. Seit meiner Geburt hatte ich mindestens drei grosse Operationen. Nun steht nur noch die eine oder andere kleinere Operation an.

Ich merkte immer schon, dass ich ein bisschen anders bin als meine Geschwister oder Schulkolleginnen. Das war lange kein Problem. In der vierten Klasse wurde es aber offensichtlich: Die Interessen und Möglichkeiten meiner Kolleginnen zu Fuss und mir im Rollstuhl wurden immer unterschiedlicher.

Als ich auf eine Schule für Kinder mit körperlichen Einschränkungen wechselte, merkte ich, dass es viele andere Kinder gibt wie mich. Heute weiss ich, dass ich auch mit Rollstuhl viele Sachen machen kann. Von meiner Familie habe ich gelernt zu sehen, was trotzdem alles möglich ist. Ich mache Rollstuhlsport und bin stark darin. Bald werde ich mich um Lehrstellen bewerben.»

«Es macht mir Mut zu sehen, dass ich nicht die einzige bin.»
Linda Flury, Spina Bifida

Alle Geschichten der Betroffenen von Orte der Hoffnung

Neu leben

Bereits die Intensivstation ist Teil der Rehabilitation. Hier beginnt der Neuanfang. Gelenke beweglich halten, Schluck- und Sprechschwierigkeiten aufgrund der Beatmung überwinden, kognitiven Problemen entgegnen, emotionale Belastungen verarbeiten und sehr vieles mehr bedeuten einen Start in die Selbstständigkeit. Tom Hansen und Annemiek de Jager vom Schweizer Paraplegiker-Zentrum haben beide grosse Erfahrung in der Betreuung und Behandlung von Intensivpatienten. Sie erzählen uns, was Patienten und Angehörige bewegt – aber auch sie selber.

Neuerfindung seiner selbst

Der Amazonas-Schmetterling der Familie Urodidae webt einen der seltsamsten und schönsten Kokons der Insektenwelt, leuchtend orange und in einzigartiger Form. Normalerweise schliessen Kokons die Puppe vollständig mit Seide ein, um den Metamorphoseprozess abzuschliessen. Urodidae-Kokons hingegen haben ein grobes, offenes Netzdesign mit einem Ausgang am Boden. Sie hängen wie ein Pendel an einem langen Seidenfaden von der Unterseite eines Blatts, sodass die Puppen vor dem Eindringen der Ameisen geschützt werden. Die netzartige Struktur des Kokons lässt Regenwasser durch den Kokon spülen und schützt damit vor dem Ertrinken.

Der Lichthof im Schweizer Paraplegiker-Zentrum symbolisiert den Übergang von der Intensivstation zur Rehabilitation. Betroffene befinden sich in einer Art Metamorphose, einer Verwandlung und Neuerfindung ihrer selbst. Hier sind sämtliche physischen, geistigen und seelischen Kräfte gefordert.

Amazonas Schmertterling Motte
neuanfang_de1

Über die Metallplastik: Das Objekt ist einerseits von filigraner Einzigartigkeit und andererseits gibt es sein Geheimnis erst bei genauerem Betrachten preis. Folgende Gedanken haben Metallkünstler Joe Meyer zum Werk bewogen:

«Geh mutig hinein ins Unbekannte, das vor dir liegt. Ohne Kenntnisse dessen, was kommt. Sei dir bewusst, dass dich jederzeit ein Mantel der Sicherheit umgibt, dass du während deiner Entwicklung getragen wirst. Lass dich inspirieren von der seltenen Raupe, welche in aller Kunst ihren eigenen Schutz baut und es schafft, nach erfolgter Umwandlung als strahlender Schmetterling ihren Kokon zu verlassen.»

Wir begleiten Querschnittgelähmte. Ein Leben lang.

  • Die wenigsten wissen, eine Querschnittlähmung bedeutet viel mehr, als im Rollstuhl zu sein. Sie hat weit gravierendere Einschnitte für die Betroffenen zur Folge. Der Verlust der Mobilität, nicht mehr gehen, allenfalls die Arme nur noch eingeschränkt nutzen zu können, ist das eine. Der Verlust von Blasen- und Darmfunktionen, Sexualfunktionen, Sensorik und so weiter das andere.

  • Die Rückkehr nach Hause, aus der geschützten Zone der Rehabilitationsklinik, kommt einem Neuanfang gleich. Die pflegerische Beratung durch ParaHelp vor Ort erleichtert die Heimkehr, ebenso wie die Koordination und Vernetzung von Ansprechpartnern, wie Kliniken, Spitex, Wohninstitutionen, therapeutischen Diensten, Hilfsmittelversorgern, Kostenträgern, Hausärzten und dem direkten Umfeld.

  • Eines Tages erschien eine kleine Öffnung in einem Kokon; ein Mann beobachtete den zukünftigen Schmetterling für mehrere Stunden. Das Insekt kämpfte, um seinen Körper durch das winzige Loch zu zwängen. Plötzlich schien der Schmetterling nicht mehr weiter zu kommen. Es sah so aus, als ob er aus eigener Kraft nicht mehr weitermachen konnte.

    So beschloss der Mann, ihm zu helfen: Er nahm eine Schere und öffnete den Kokon. Der Schmetterling kam dadurch sehr leicht heraus. Aber er war winzig und hatte verschrumpelte Flügel.

    Der Mann beobachtete das Geschehen weiter, weil er erwartete, dass die Flügel sich jeden Moment öffnen und sich ausdehnen würden, um den Körper des Schmetterlings zu stützen und ihm Spannkraft zu verleihen. Aber nichts davon geschah! Stattdessen verbrachte der Schmetterling den Rest seines Lebens krabbelnd mit verschrumpelten Flügeln am Boden. Niemals war er fähig zu fliegen.

    Der Mann verstand in seiner Güte und seinem Wohlwollen nicht, dass der begrenzende Kokon und das Ringen erforderlich sind. Wenn sich der Schmetterling durch die kleine Öffnung kämpft, wird Flüssigkeit vom Körper des Schmetterlings in seine Flügel gefördert. Dadurch wird er auf den Flug vorbereitet, sobald er seine Freiheit aus dem Kokon erreicht.

    Manchmal ist das Kämpfen genau das, was wir in unserem Leben benötigen. Ein Leben ohne Hindernisse würde uns niemals so stark machen, wie wir sein können. Wir wären niemals fähig zu fliegen.

    (Quelle: Urheber/Autor unbekannt)

Mitglied werden
Mitglied werden

Werden Sie jetzt Mitglied und erhalten Sie im Ernstfall CHF 250'000 Gönnerunterstützung.

Mitglied werden
Spenden
Spenden

Spenden Sie jetzt und unterstützen Sie unsere Projekte zugunsten von Querschnittgelähmten.

Spenden