Claudia Argentieri mit AC-Beraterin Denise
Claudia Argentieri mit AC-Beraterin Denise

Der Schlüssel zur Gesellschaft

Claudia Argentieri erlitt 2018 eine Hirnblutung, die ihr Sprachvermögen stark beeinträchtigte und ihren Körper halbseitig lähmte. Aber Resignation ist für die dreifache Mutter niemals eine Option. Ein Tablet von Active Communication ermöglicht es ihr, mit ihrem Umfeld zu kommunizieren.

Mit dem rechten Zeigefinger versetzt sie sich in eine andere Welt. Sie drückt gezielt auf ihr iPad, bis sanfte, vertraute Töne erklingen. «Su di noi», singt der Italiener Pupo, «über uns», ein Lied, das von der Liebe handelt. Claudia Argentieri schliesst ihre Augen, ihre rechte Hand schwingt hin und her, in ihrem Gesicht zeichnet sich ein feines Lächeln ab. Es sind Momente, die nur ihr gehören, Momente, in denen sie auf andere Gedanken kommt und zufrieden wirkt.

Was sie wirklich denkt und fühlt, das kann sie nicht lautsprachlich ausdrücken. Die 48-Jährige erlitt 2018, kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes, eine schwere Hirnblutung. Das hat ihr Sprachvermögen fast vollständig geraubt, ihre linke Körperhälfte ist gelähmt.

«Sie beeindruckt mich mit ihrer offenen und positiven Art, mit dieser schwierigen Situation umzugehen.»

Denise Bigler, AC-Beraterin

Offen für das Kommunikationsgerät

Aber so heftig der Einschnitt ist, so sehr ist Claudia Argentieri bereit, den Kampf anzunehmen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist die Kommunikation. Seit Sommer 2024 hat sie ein Hilfsmittel, das für sie unerlässlich geworden ist: ein Tablet mit TD Snap, einer Software, die eine Auswahl an Inhalten für die Unterstützte Kommunikation bietet.

«Claudia Argentieri war von Anfang an sehr offen für das Gerät», sagt Denise Bigler, Beraterin der Active Communication, «es ist mit dieser Software geeignet für jemanden wie sie, die sich so sehr für so viele Dinge und andere Menschen interessiert.» Man könnte auch sagen: Das Tablet ist so etwas wie ihr Schlüssel zur Gesellschaft. «Sie beeindruckt mich mit ihrer offenen und positiven Art, mit dieser schwierigen Situation umzugehen», sagt Denise Bigler, «man spürt, dass sie viel investiert, um Verbesserungen hinzubekommen.»

Es ist zwar nicht so, dass sich Claudia Argentieri an einer lebhaften Diskussion beteiligen kann. Aber das Tablet gibt ihr die Sicherheit, sich bemerkbar zu machen. Und sei es nur, um beispielsweise um Hilfe zu bitten, wenn es sie am Rücken juckt. Sie kann ihre Bedürfnisse ausdrücken, hat auf dem iPad Fotos ihrer Liebsten und Freunde gespeichert – und sie erzählt Menschen, die etwas über sie erfahren wollen, ihre ganze Lebensgeschichte. Satz für Satz hat sie gespeichert, und im Nu drückt sie die Tasten, hinter denen sich Informationen über sie und ihren Werdegang verbergen, die dann eine Computerstimme wiedergibt.

Denise Bigler montiert eine Halterung am Rollstuhl von Claudia Argentieri
Claudia Argentieri kommuniziert mit einem Kommunikationsgerät

Eine Hirnblutung stoppt die Powerfrau

Ihre Geschichte in geraffter Form: Claudia Argentieri wächst als Tochter einer Schweizerin und eines Italieners in Basel auf. Sie zieht nach Zürich, absolviert eine Ausbildung zur Pflegefachfrau und spezialisiert sich in der pädiatrischen Intensivpflege. Ihr Beruf ist für sie mehr als ein Broterwerb, er ist Leidenschaft. Und Berufung.

Sie tanzt für ihr Leben gern, Salsa etwa oder Ballett, fährt Wasserski, liebt Ferien an der Sonne, ausgiebige Shoppingtouren, Mode und Schmuck – und ist eine überaus fürsorgliche Mutter. Nach zwei Buben kommt im Herbst 2018 ihre Tochter zur Welt. Das Glück ist komplett. Bis die Hirnblutung dafür sorgt, dass das Leben einer Powerfrau eine drastische Wende nimmt und die Familie auf eine schwere Probe stellt.

Claudia Argentieri verbringt nach der Notoperation viele Monate in der Rehabilitationsklinik, bevor sie im Wohnhuus Oberrieden einen Platz bekommt. Dort erleidet sie einen weiteren gesundheitlichen Rückschlag. Als sie eine Zigarette raucht, fängt ihr Foulard plötzlich Feuer, das erhebliche Verbrennungen an Gesicht, Hals und Oberkörper verursacht. Mehrere Operationen sind notwendig und hinterlassen erhebliche Spuren.

Die Freundin, die alles für sie tut

Ihr Glück ist es, dass sich in jener Zeit eine Frau meldet, mit der sie einst am Kinderspital Zürich zusammenarbeitete. Claudia Schryber bewunderte Claudia Argentieri damals, weil sie in ihrem Beruf enorm viel Empathie aufgebracht und doch immer eine klare Linie verfolgte. «Sie war mein Vorbild», sagt Claudia Schryber, «mit jeder Situation ist sie souverän umgegangen.»

Seit dem Wiedersehen hat sich zwischen den zwei Claudias eine beeindruckende Freundschaft entwickelt und Claudia Schryber ist zu einer wichtigen Bezugsperson geworden. Sie war es auch, die das Tablet für Claudias Bedürfnisse programmiert und personalisiert und an den Instruktionen von Denise Bigler teilgenommen hat. Sie chauffiert sie in eine Therapie nach Altdorf und singt mit ihr unterwegs bei lauter italienischer Musik im Auto; sie ist da, wenn das Betreuungspersonal im Pigna an Anliegen hat oder wenn es um Finanzierungsfragen für Therapien geht; und praktisch jeden Abend sehen sich die zwei bei einem Videoanruf, plaudern nochmals kurz zusammen und lassen den Tag revue passieren.

Claudia Schryber spricht immer wieder Mut zu. Und im Herbst möchten die beiden ein Projekt verwirklichen: nach Brindisi fliegen, Verwandte von Claudia Argentieri besuchen – und im Meer baden. Wenn die dreifache Mutter davon hört, leuchten ihre Augen.

Denise Bigler installiert das Kommunikationsgerät von Claudia Argentieri

«Wir geben nie auf, gell?»

Claudia Schryber, Freundin

Resignation? Niemals!

Oft schaut Claudia Argentieri vom Balkon des Wohnheims den Flugzeugen zu, die in die Welt hinaus starten. Dann packt sie das Fernweh, die Lust auf das Abenteuer, das sie so sehr vermisst. Mit der rechten Hand macht sie eine Bewegung, die nicht missverstanden werden kann: Den Rollstuhl möchte sie weghaben und auf ihren eigenen Beinen stehen und gehen können. «Und sie wünscht sich nichts mehr, als ihr altes Leben zurückzuhaben, wieder gebraucht zu werden und anderen Menschen helfen zu können», so Claudia Schryber.

Resignation ist für Claudia Argentieri keine Option, auch wenn es viele Momente gibt, in denen sie hadert. «Wir kämpfen immer weiter und wollen gemeinsam noch ganz viel erreichen. Aber ohne dein Commitment geht gar nichts», sagt Claudia Schryber und hält ihr die Hand. «Wir geben nie auf, gell?», sagt sie und erntet als Antwort eine eindeutige Bewegung mit dem Kopf: natürlich nicht.

In ihrem Zimmer im Wohnheim Pigna hängen viele Bilder von ihrer Familie, die sie jeden Tag motivieren, weiterzumachen. Wenn sie ihre drei Kinder sieht, ihren Partner, die Eltern – dann gibt ihr das Energie. Und dank dem Tablet schafft sie nun auch, sich mit ihnen wieder besser zu verständigen.

Text: Peter Birrer
Fotos: Adrian Baer

Claudia Argentieri im Wohnheim Pigna

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