

Sein linker Fuss bestimmt das Tempo, seine Nase steuert das Handy: Tomor Frrokaj aus Laufen BL meistert seinen Alltag dank Unterstützung von Active Communication mit mehr Selbstbestimmung.
Schwungvoll biegt Tomor Frrokaj um die Ecke, im Gesicht trägt er ein schelmisches Grinsen. Wie von Geisterhand gelingt es ihm, das Tempo zu drosseln und mit dem Elektrorollstuhl vor seinem Arbeitsort eine Punktlandung hinzulegen. Der 33-Jährige steuert, beschleunigt und bremst sein Gefährt elegant mit dem linken Fuss – für Aussenstehende ist der Vorgang kaum erkennbar.
Mit seiner spontanen Einlage sorgt Tomor für Lacher rundherum – was zu seinem Naturell passt: Er verbreitet gerne gute Laune. Unweit der Wohnung, in der er mit seinen Eltern in Laufen BL lebt, verbringt er die Tage unter der Woche in der Eingliederungsstätte Baselland (esb-bl), einem sozialen Unternehmen für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Er erledigt Aufgaben im Kreativatelier oder hilft mit, im integrierten Laden «einfach» Secondhandkleider zu verkaufen.


«Ich kann an der Situation ja sowieso nichts ändern.»
Die Familie als starker Rückhalt
Tomor kommt 1993 ohne ersichtliche Einschränkung in der kosovarischen Hauptstadt zur Welt. Nach einem Jahr, erzählt er, habe er hohes Fieber bekommen – «und seither ist es so, wie es ist. Nur der liebe Gott weiss, wieso das passiert ist.» Die Diagnose: Cerebralparese. Doch Tomor hadert nicht: «Ich kann an der Situation ja sowieso nichts ändern.» Und: «Ich habe zum Glück eine gute Familie, sie ist mein grosser Rückhalt.»
Er muss lernen, Hürden zu überwinden, und findet Lösungen – dank seines eisernen Willens und mit Hilfe der Active Communication (AC).
Bei Tomor stellt sich die Frage, mit welchen Hilfsmitteln er den Alltag mit möglichst hoher Selbstbestimmung meistern kann. Er ist ein wacher Geist, der aber seine Arme nicht einsetzen kann. Zu Beginn seiner Zeit in der Tagesgestaltung der esb-bl ist es ihm zum Beispiel nicht möglich, allein mit dem Lift in den ersten Stock zu gelangen.
Raphael Knörr findet Lösungen
An diesem Punkt kommt Active Communication ins Spiel, als sie von den Verantwortlichen der Einrichtung in Laufen kontaktiert wird: Ist im technischen Bereich etwas machbar, um Tomor zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen?
2016 ist es, als Raphael Knörr den Auftrag übernimmt und sich eine besondere Konstellation ergibt. Vor seiner Zeit bei der AC arbeitete er als Fachmann Gesundheit im «Sonnenhof» Arlesheim BL. In dieser Einrichtung werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit kognitiven, körperlichen oder mehrfachen Behinderungen begleitet. Dort lernte Raphael Knörr unter anderen Tomor Frrokaj kennen.


Als er zu Active Communication wechselt, um künftig beeinträchtigte Menschen im Bereich von Kommunikationshilfen zu beraten und zu unterstützen, heisst sein allererster Kunde Tomor Frrokaj.
Bis dahin trug Tomor das Handy zwar immer bei sich, aber stets in der Hosentasche. Wenn er es gebrauchen wollte, kam er nicht darum herum, jemanden zu bitten, ihm das Mobiltelefon so auf den Boden zu legen, dass er mit dem Fuss darauf tippen konnte. Damit ist nun Schluss. Die Antwort auf die Frage, ob mehr Selbstständigkeit denkbar ist, lautet eindeutig: ja.
«Das ist gutes Bauchmuskeltraining»
Einfach ausgedrückt stellt Raphael Knörr raffiniert eine Verbindung zwischen dem Joystick an der linken Fussplatte des Rollstuhls und dem Handy her. Das Handy steckt nicht mehr im Hosensack, sondern ist an einer Halterung so angebracht, dass Tomor jederzeit freie Sicht darauf hat. Bedienen kann er es mit der Nase. Wer ihm zuschaut, staunt über die Leichtigkeit, mit der er das zustande bringt. Er beugt sich mit dem Oberkörper nach vorne und tippt filigran mit der Nasenspitze auf den Touchscreen. Als er es vormacht, kommentiert er mit einem Schmunzeln: «Das ist gutes Bauchmuskeltraining.»
Raphael Knörr sorgt ausserdem dafür, dass Tomor auch den Lift in der Tagesgestaltung mit seinem Handy ansteuern kann und darin problemlos allein unterwegs ist. Die Umsetzung erfolgte nach Rücksprache mit dem Lifthersteller: «Die Sicherheitsstandards müssen natürlich strikt eingehalten werden.»

«Ich bin nicht nur auf den Rollstuhl und mein Handy angewiesen, sondern auch auf Raphi.»
Der Rollstuhl ist seine Visitenkarte
Der Elektrorollstuhl ist mit verschiedenen Kabeln ausgestattet, die aufgrund der Aufrüstung notwendig sind. «Da steckt einiges an Technik dahinter», so Raphael Knörr. Sichtbar ist das allerdings kaum, was wiederum Tomor gefällt. Der Fussball- und Autofan legt Wert auf Style. Dazu gehören nicht nur die Kleidung und sein Auftreten, sondern auch ein gepflegter, aufgeräumter Rollstuhl: «Er ist meine Visitenkarte.»


Tomor, der grossen Wert auf Stil und sein Outfit legt, ist Raphael Knörr enorm dankbar. «Ich bin nicht nur auf den Rollstuhl und mein Handy angewiesen, sondern auch auf Raphi», sagt Tomor. Das Handling mit den Hilfsmitteln bereitet ihm dank seiner Affinität zur Technik keine Mühe. Stösst er trotzdem einmal an Grenzen, meldet er sich bei Raphael Knörr und bleibt hartnäckig in der Sache. «Er darf auch mal stressen», sagt der Berater mit einem Augenzwinkern und schaut zu Tomor. Die zwei verstehen sich.
Text: Peter Birrer
Fotos: Sabrina Kohler
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