

Mickaël Luternauer verlässt das Schweizer Paraplegiker-Zentrum 1993 als Fussgänger. Er gibt Vollgas, fokussiert auf die Arbeit und fordert seinen querschnittgelähmten Körper. Bis ihn die Realität einholt.
Text: Stefan Kaiser
Fotos: Dominik Pluess
Ich heisse Mickaël Luternauer, ich bin 52 und inkompletter Tetraplegiker.
Am 11. Juli 1992, während eines Wochenendes im Tessin, mache ich einen Kopfsprung in die kühle Maggia. Ich stosse am Grund auf, dabei bricht der vierte Halswirbel. Ich kann mich nicht mehr bewegen und nicht mehr atmen. Glücklicherweise gelingt es meinen Freunden, mich rasch aus dem Wasser zu holen. Die Rega bringt mich nach Lugano, wo ich operiert werde.
Danach werde ich zur Rehabilitation ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) nach Nottwil verlegt. Die Diagnose: Tetraplegie. Es beginnt eine schwierige und schmerzhafte Zeit. Jede neue Bewegung, wie winzig sie auch sein mag, ist für mich ein Sieg. Nach und nach erwachen meine Muskeln wieder zum Leben. Nach fünf Monaten kann ich das SPZ als Fussgänger verlassen.
Im September 1993 begegne ich Crystel, die Frau, mit der ich seither mein Leben teile. 2004 heiraten wir. Zwischen 2011 und 2019 adoptieren wir drei Kinder. Und jeden Tag verspüre ich tiefe Dankbarkeit, eine so wunderbare Familie zu haben.
«Für mich ist immer klar, dass ich zu hundert Prozent arbeiten werde.»
Das Streben nach Normalität
Trotz der Schwierigkeiten beim Gehen und bei gewissen Tätigkeiten ist es für mich immer klar, dass ich zu hundert Prozent arbeiten werde. Ich will keine IV-Rente, ich will vorankommen, strebe nach Normalität. Daran halte ich auch noch fest, als mein Körper erste Zeichen der Erschöpfung zeigt. Mein Gleichgewicht und die Koordination werden unsicherer, die Kraft schwindet. Aber ich kann mir nicht eingestehen, dass ich eine Behinderung habe. Die Arbeit ist für mich unverzichtbar.
Die linke Körperseite bereitet Probleme, dazu kommen die typischen Einschränkungen der Querschnittlähmung, die meinen Alltag verlangsamen. Der unsichere Gang ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs – ich träume davon, einmal ohne Schmerzen zu sein. Aber ich will der Realität nicht ins Auge sehen, lebe ohne Rücksicht auf mein Handicap. Oft findet mich meine Frau verletzt in der Notfallstation, wenn ich wieder einmal gestürzt bin – sei es bei der Arbeit, beim Sport oder einfach beim Gehen auf der Strasse.
Crystel lebt in ständiger Alarmbereitschaft. Ich setze mir Ziele, die für meinen Körper zu gross sind. Aber durch meinen Kämpfergeist erreiche ich auch vieles. Ich fahre Tausende von Kilometern mit dem Velo, einmal sogar vom Jura bis ins Burgund. Ich steige mit Tourenskis auf den Grossen Sankt Bernhard. Auf diese Erlebnisse bin ich sehr stolz und glücklich, dass ich sie geschafft habe.

Das Kartenhaus stürzt ein
Der letzte Sturz vom Velo passiert aus dem Stand heraus bei einem Familienausflug. Das Bein gibt nach, beim Aufprall meines Kopfes zerbricht der Helm. Seither lasse ich das Velo stehen. Der körperliche Niedergang fängt 2015 an. 2019 bricht alles wie ein Kartenhaus zusammen.
Die Ärzte stellen fest, dass verschobene Wirbel die Nervenbahnen im Rückenmark beeinträchtigen. Um eine komplette Lähmung zu verhindern, müssen in einer Operation acht Wirbel fixiert werden. Ich brauche etliche Monate, um wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ohne meine Familie hätte ich dies nicht geschafft.
«Um eine komplette Lähmung zu verhindern, müssen in einer Operation acht Wirbel fixiert werden.»
Auch der Schweizer Paraplegiker-Gruppe bin ich dankbar. Um mein Leben neu auszurichten, hilft mir die Sozialberatung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung durch den Dschungel der Versicherungen. Sie beraten mich nicht nur, sondern übernehmen auch komplexe administrative Aufgaben. Der Austausch mit diesen Fachpersonen und ihr wertvoller Blick von aussen unterstützen mich beim Akzeptieren meiner Situation.
Bei der Neuausrichtung meiner Arbeitsumgebung begleitet mich fast ein Jahr lang die Abteilung ParaWork des SPZ. Auch die Schweizer Paraplegiker-Stiftung unterstützt mich mit einem finanziellen Beitrag, damit wir das Erdgeschoss unseres Hauses barrierefrei umbauen können.
«Das Akzeptieren des Rollstuhls ist für mich wie eine Wiedergeburt.»
Der Rollstuhl: ein Freund
Ich hätte früher auf meine Frau hören und den Rollstuhl akzeptieren sollen. Den Ausschlag gibt schliesslich die Ankunft unserer kleinen Tochter. Ohne Rollstuhl kann ich mich nicht um das Baby kümmern, ich bin zu unsicher auf den Beinen. Mir wird klar, dass ich so nicht weitermachen kann, die Situation ist für alle zu gefährlich. Ich brauche immer länger, um eine Strecke zu Fuss zu bewältigen, und entferne mich immer weiter vom sozialen Leben.
Das Akzeptieren des Rollstuhls ist für mich wie eine Wiedergeburt. Er ist für mein Leben unverzichtbar geworden und ich fühle mich wohl darin. Früher zog ich Blicke auf mich, weil ich hinkte. Jetzt ist meine Behinderung offensichtlich.
Der Rollstuhl, einst ein Feind, ist nun mein Weggefährte. Er vereinfacht meinen Alltag und lässt mich schöne Dinge erleben. Ich kann meine Kinder fast überallhin begleiten. Ich spaziere an der Seite meiner Frau.
Mein Arbeitgeber, das Holzunternehmen Corbat-Gruppe, organisiert 2020 zusammen mit ParaWork und der Invalidenversicherung die gesamte berufliche Wiedereingliederung. Auch baut er eine Rampe, damit ich mit dem Rollstuhl in mein Büro komme.
«Ich heisse Mickaël Luternauer. Ich bin 52 Jahre alt, inkompletter Tetraplegiker und mein Leben ist schön.»
Das Leben balancieren
Im November 2025 werde ich erneut operiert, ich erhalte eine Schulterprothese aufgrund einer langwierigen Arthrose. Meine Behinderung ist anstrengend. Aber das hindert mich nicht daran, ein ausgeglichenes Leben zu führen und glücklich zu sein. Ich versuche, nach vorne zu schauen. Ich habe weiterhin Träume. Aber sie sind vernünftiger geworden. Mein Antrieb ist meine Familie. Sie sorgt dafür, dass es mir gut geht.
Ich heisse Mickaël Luternauer. Ich bin 52 Jahre alt, inkompletter Tetraplegiker und mein Leben ist schön.
Jeden zweiten Tag wird ein Mensch in der Schweiz querschnittgelähmt.
Eine Querschnittlähmung führt zu hohen Folgekosten, z.B. für den Umbau der Wohnung oder des Autos. Werden Sie deshalb Mitglied der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, um im Ernstfall 250 000 Franken zu erhalten.
Ihre Mitgliedschaft – Ihre Vorteile – unser Tun
Anmeldung Newsletter<br>
Weitere Beiträge
Weitere Beiträge
Werden Sie jetzt Mitglied und erhalten Sie im Ernstfall 250 000 Franken.
Spenden Sie jetzt und unterstützen Sie unsere Projekte zugunsten von Querschnittgelähmten.

