

Etwas in der Therapie lernen – und dann zu Hause anwenden: Das Angebot der ambulanten Rehabilitation schliesst auch eine wichtige Lücke im Behandlungsspektrum des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ).
Text: Christine Zwygart
Bilder: Sabrina Kohler
Was von aussen locker aussieht, ist für ihn ein Kraftakt: Tom Hug geht in den Vierfüsslerstand, verteilt sein Gewicht auf die Hände und Knie. «Unzählige Male habe ich diese Übung bereits gemacht», sagt er. Abwechslungsweise streckt er den linken und den rechten Arm nach vorne und balanciert den Körper aus. «Noch etwas weiter nach oben mit dem Arm», motiviert ihn Physiotherapeutin Sibille Bühlmann und stützt sein Becken. Die Übung kräftigt Rumpf, Schultern und Hüften. Und sie verbessert die Stabilität.

Tom Hug bei einer Übung mit Physiotherapeutin Sibille Bühlmann.
Tom Hugs Tetraplegie ist inkomplett. Er hat zwar Lähmungen, kann aber stehen und gehen. Im November 2024 stürzte er auf dem Heimweg von der Sporthalle kopfüber in ein Bachbett. Nach einer sechsmonatigen stationären Erstrehabilitation am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) konnte er bereits zurück nach Hause. «Ich hatte Zeit, mich einzugewöhnen und in meinem neuen Leben anzukommen», sagt der 51-Jährige aus Malters LU. Zwei Wochen später startete er in Nottwil mit einer ambulanten Rehabilitation und dem Ziel, die Funktionen seiner Hände und das Gehen zu verbessern.

Behandlungslücke geschlossen
Tom Hug war der erste Patient, der im Mai 2025 von der ambulanten Rehabilitation in Nottwil profitierte. In diesem neuen Angebot des SPZ arbeiten Personen mit einer Para- oder Tetraplegie auf persönlich definierte Ziele hin. «Um die Betroffenen optimal zu unterstützen, erstellen wir einen individuellen Therapieplan, der regelmässig überprüft und angepasst wird», sagt Physiotherapeutin Sibille Bühlmann. Während zwanzig Therapietagen steht das ambulante Angebot des SPZ zur Verfügung, darunter Physio-, Ergo- und Sporttherapie, die Abteilung ParaWork zur Wiedereingliederung ins Berufsleben, der Sozialdienst, die psychologische Betreuung sowie ärztliche Leistungen.
Zum Projektteam gehören medizinische und therapeutische Fachpersonen. Weitere Expertinnen und Experten werden je nach Bedarf hinzugezogen. «Im ersten Jahr haben wir den notwendigen Rahmen geschaffen und getestet, wie und mit welchen Fachgebieten die ambulante Rehabilitation am besten ausgestaltet wird», sagt Sibille Bühlmann. «Jetzt bauen wir die ambulante Rehabilitation weiter aus.
Entstanden ist das neue Angebot aus mehreren Gründen, sagt Pirmin Oberson, Co-Leiter Therapien am SPZ: «Einerseits besteht ein klarer politischer Wille, ambulante Behandlungen auszubauen. Andererseits haben wir immer wieder festgestellt, dass nach der Erstrehabilitation mit ihrer sehr intensiven Betreuung in der Klinik das Ankommen zu Hause für die Betroffenen schwierig sein kann.» Das Angebot der ambulanten Rehabilitation schliesst also eine wichtige Lücke im Behandlungsspektrum einer Querschnittlähmung.
Erfolge machen Mut
Im Gegensatz zur Erstrehabilitation kommen die Patientinnen und Patienten bereits mit Erfahrungen aus ihrem neuen Alltag in die ambulante Rehabilitation. «Der Vorteil dabei ist, dass wir gezielt an jenen Fähigkeiten arbeiten können, die sie mitbringen und weiter optimieren möchten», sagt Ergotherapeutin Martina Müller. Das gilt auch für Personen, die bereits länger im Rollstuhl sitzen: «Vielleicht verändern sich die Lebensumstände oder ihre Gesundheit, wodurch neue Herausforderungen entstehen.»
Für grössere Strecken oder wenn er lange sitzen muss, benötigt Tom Hug weiterhin seinen Rollstuhl. Um ihn anzutreiben sind kräftige Schultern und Arme wichtig. In der Therapiestunde mit Martina Müller sitzt er deshalb heute am Therapieroboter Diego, der die Beweglichkeit und Kraft der Arme und Schultern trainiert.

«Meine Arme fühlen sich leichter an»
Die Arme des Patienten sind am Roboter befestigt und werden entlastet. «Meine Arme fühlen sich leichter an und ich kann sie besser bewegen», sagt er. Auf dem Bildschirm vor ihm erscheint ein Computerspiel mit einer dreispurigen Strasse. Je nach Stellung der Arme kann er seine Fahrspur wechseln und den Fahrzeugen ausweichen – und das Computerspiel macht die notwendigen häufigen Wiederholungen im Rahmen der Therapiestunde angenehm kurzweilig.
Seine rechte Hand zeigte zu Beginn der ambulanten Rehabilitation noch deutliche Einschränkungen. «Jetzt kann ich die Handflächen zusammenpressen, die Feinmotorik ist besser und die Spannung in den Fingern hat nachgelassen», sagt Tom Hug. Er ist auch stabiler auf den Beinen und muss beim Gehen nicht mehr hoch konzentriert auf den nächsten Schritt achten. «Ich kann mich sogar wieder mit jemandem unterhalten», freut er sich. Der Zuwachs an Funktionsfähigkeit bedeutet für die betroffenen Menschen mehr Unabhängigkeit und Teilhabe.
Das Projekt soll wachsen
Mit rund einem Dutzend Patientinnen und Patienten im ersten Jahr haben sich die Abläufe in Nottwil gut eingespielt. Manchmal ist der Schritt zur ambulanten Rehabilitation bereits während der Erstrehabilitation absehbar. In anderen Fällen kann diese auch erst Monate oder Jahre nach dem Eintritt der Querschnittlähmung angezeigt sein.
«Jetzt kann ich die Handflächen zusammenpressen, die Feinmotorik ist besser und die Spannung in den Fingern hat nachgelassen.»
Für Patientinnen und Patienten, deren Anreiseweg für eine mehrtägige ambulante Rehabilitation zu lang ist, stehen Zimmer im Hotel Sempachersee auf dem Campus Nottwil zur Verfügung. Je nach Bedarf kann die notwendige Pflege dazugebucht werden, die vom SPZ-Team übernommen wird. Zurzeit tragen Unfall-, Militär- oder Invalidenversicherung (bis zum Alter von 20 Jahren) die Kosten für das ambulante Rehabilitationsangebot. Die Krankenkassen vergüten sie noch nicht vollständig, hier wird die Entwicklung von weiteren Abrechnungsmodellen notwendig.
Das Ziel für 2026 sei es, das Angebot bekannter zu machen, sagt Sibille Bühlmann: «Es wäre schön, wenn jede Woche eine neue Patientin oder ein neuer Patient in das Programm aufgenommen werden könnte.» – Damit wirklich alle Betroffenen vom neuen Angebot in Nottwil profitieren.
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