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«Eine Hoffnung darf man nie aufgeben!»

Andrea Bastreghi stand wenige Wochen vor dem Pensionsalter, als er beim Skifahren verunfallte.

Häufig wird uns erst in Krisensituationen bewusst: Hoffnung ist ein Antrieb des Lebens. Umso wichtiger ist der Umgang mit Hoffnung bei Menschen, denen nach einem Unfall oder einer Krankheit das Leben vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Wie bei Andrea Bastreghi.

 

Text: Stefan Kaiser
Bilder: Walter Eggenberger

 

«Ich bin gleich bei Ihnen», sagt Andrea Bastreghi mit freundlicher Stimme. Der hochgelähmte Tetraplegiker zeigt sein sympathisches Lächeln, obwohl er gerade mitten in der Anpassung seiner neuen PC-Steuerung gestört wird, eine Art Maus, die er mit dem Mund bedienen kann. In zwei Wochen ist seine Erstrehabilitation am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) abgeschlossen. Die Zeit will genutzt sein. Hell funkelnde Augen unterstreichen eine Persönlichkeit mit viel Charme. Dass Andrea Bastreghis Körper unterhalb des Halses gelähmt ist, wird dabei zur Nebensache. Vor wenigen Wochen war der 65-Jährige ein scheinbar anderer Mensch. «Ich war sehr verzweifelt», sagt er im Rückblick, «und hatte viele dunkle Gedanken.» Ein halbes Jahr lang weinte Bastreghi, wenn ihn Freunde oder Familienangehörige in Nottwil besucht haben oder eine Pflegefachfrau mit ihm gesprochen hat. Heute zieht seine positive Ausstrahlung alle in den Bann. Für das SPZ steht sein Stimmungswandel als Beispiel für die Kraft, die Hoffnung einem Menschen geben kann.

 

«Wenn du verzweifelt bist, behalte es nicht für dich. Nimm die ganze Kraft an, die Menschen dir geben können!»

Tränen befreien

«Dass ein Mensch nach einem schweren Schicksalsschlag in ein seelisches Loch fällt, ist normal», sagt Nadine Salvisberg (26). Doch auch für die Bezugspflegende auf der Station C war es aussergewöhnlich, dass bei ihrem Patienten die Tränen nur so flossen. «Das sieht man selten, dass jemand seiner Trauer derart Ausdruck geben kann. In solchen Momenten ist es wichtig, dass man als Pflegende da bleibt und feinfühlig wahrnimmt, was der Patient gerade braucht.» Es habe auch Situationen gegeben, da habe sie einfach mitgeweint. Tränen befreien. Bei Andrea Bastreghi haben sie Raum geschaffen für Hoffnungen, die den Bewältigungsprozess in Gang gesetzt haben. «Hoffnung ist wie ein Motor des Lebens», erklärt Salvisberg. «In schwierigen Situationen hält sie uns über Wasser und gibt einen Antrieb, sich mit der Situation zu befassen.» Im Alltag bleibt dieser Antrieb im Hintergrund. Aber wenn ein Unfall das Lebensgefüge auseinanderreisst, rückt die Bedeutung der Hoffnung nach vorne – gerade wenn sie fehlt. Für Bastreghi ist sie sogar ein Wesensmerkmal des Menschen: «Ein Leben ohne Hoffnung ist unvorstellbar», sagt der ehemalige Ingenieur. «Sie ist es, die uns mit einem Auge auf die Zukunft blicken lässt.» Das heisst: Ein Mensch, der von Hoffnung getragen wird, geht seine Zukunft aktiv an.

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Pflegefachpersonen nehmen häufig als erste wahr, wenn ein Patient eine Krise erlebt: Nadine Salvisberg und Andrea Bastreghi.

Der Stimmungswandel

Andrea Bastreghi stand wenige Wochen vor dem Pensionsalter, als er beim Skifahren verunfallte. Ein Leben lang war er aktiv und fit, repräsentierte grosse Unternehmen der Telekommunikationsbranche in Asien, war die letzten zehn Jahre selbstständig tätig. Mit 65 wollte er von Genf aus weiterarbeiten, ein neues Geschäft im Immobiliensektor gründen. Einerseits um seine Rentenleistung aufzubessern, andererseits weil ihn die Vorstellung schreckt, wenn Menschen nach der Pensionierung zu Hause sitzen und fernsehen. Über diese Skipiste in Megève ist er schon häufig gefahren. Beim letzten Mal übersieht er einen Hügel; es sei einfach dumm gelaufen. Am SPZ muss der Frischverletzte zunächst beatmet werden und bekommt starke Schmerzmittel. «Erst drei Monate nach dem Unfall bin ich aus einer Art Dämmerzustand aufgewacht und habe verstanden, dass ich gelähmt bin. Vorher dachte ich, ich sei einfach von der Verletzung her schwach», sagt Bastreghi. Der Tetraplegiker sieht, wie alle seine Mitpatienten Fortschritte machen. Nur bei ihm verbessert sich nichts. Monatelang leidet er unter tiefer Verzweiflung.

Was hat dann seinen Stimmungswandel ausgelöst? «Ich sagte zu mir: Du hast jetzt genug geweint. Der Moment war gekommen, um über mein zukünftiges Leben nachzudenken.» Zum Leidwesen seiner Therapeuten gibt Bastreghi die Hoffnung auf eine Verbesserung der Bein- und Handfunktion auf, weil darin «so wenig Leben» geblieben sei. «Aber ich habe viel Hoffnung und Vertrauen in mich, dass ich mir ein würdiges Leben im Rollstuhl organisieren kann. Ein Leben mit viel Freude und Liebe.» Darauf konzentriert er sich jetzt.

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Andrea Bastreghi bei der Anpassung seiner neuen PC-Steuerung. Eine Art Maus, die er mit dem Mund bedienen kann.

Nie aufgeben!

Auch starke Menschen können nicht alles alleine bewältigen. Andrea Bastreghis Zuversicht wächst durch die vielen Gespräche, die er mit Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Seelsorgern, Sozialberatern und Pflegefachleuten führt: «Allein durch das Reden ist das Problem schon zur Hälfte gelöst», sagt er heute. Sein Rat: «Wenn du verzweifelt bist, behalte es nicht für dich. Nimm die ganze Kraft an, die Menschen dir geben können!» Ihm selbst gaben seine beiden Söhne Kraft. Die Freunde, die jedes Wochenende von Genf nach Nottwil gekommen sind. Und alle Mitarbeitenden der Klinik. «Die Pflegenden behandelten mich nicht einfach, weil es ihr Job war, sondern wie einen Freund. Ich fühlte mich wie in einer Familie», sagt Bastreghi. Dafür sei er sehr dankbar.

Bezugspflegende Nadine Salvisberg fühlt mit, wenn ihre Patienten durch eine Krise gehen. Sie plant dann mehr Zeit für sie ein, ist präsent, hört zu, und versucht, die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Rehabilitation zu bestärken, indem sie das Augenmerk immer wieder auch auf kleinere Fortschritte lenkt. Die zwischenmenschliche Beziehung, die in den sechs bis neun Monaten des Aufenthalts in Nottwil entsteht, sei ebenfalls ein wichtiger Faktor: «Mit Andrea Bastreghi habe ich viel gelacht. Er hat einen unglaublichen Humor. Zu spüren, er fühlt sich aufgehoben und ist sich bewusst, wie wir alle ihm helfen wollen – das gibt auch mir viel.» Zu Hause in Genf möchte Andrea Bastreghi seine Pläne in einem Pflegeheim für Querschnittgelähmte umsetzen. Den Spezial-Rollstuhl lenkt er mit dem Kopf, seinen Computer mit Mund und Stimme. Als Erstes möchte er die Mitbewohner kennenlernen und eine Gruppe von Kunst- und Opernliebhabern zusammenstellen, um gemeinsam Kulturveranstaltungen zu besuchen. Auch das geplante Immobilienbusiness möchte er aus seinem neuen Zuhause heraus lancieren. Und auch wieder eine Liebe finden. «Weshalb nicht?», sagt er zum Abschied, «eine Hoffnung darf man nie aufgeben!»

 

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