

Hausarzt statt Anästhesist, Handbike statt Rennvelo, Camper statt Zelt. Nach seinem Unfall auf einer Skitour musste Marco Arduini sein Leben neu ordnen. Und einiges loslassen.
Text: Christine Zwygart
Bilder: Walter Eggenberger
Freiheit ist ein starkes Wort. Für Marco Arduini bedeutet es vor allem eines: draussen zu sein und etwas zu unternehmen. Wir sitzen am Stubentisch seiner Wohnung in Boll bei Bern, mit Blick auf die Alpen und die Hügel des Emmentals. «Früher war ich ein Morgenmensch und packte den Tag voller Energie an», erzählt er. «Sei es in meinem Beruf als Anästhesist oder in der Freizeit beim Sport.»
Heute erfordert sein Alltag eine gute Planung. Seine Arme und Hände sind teilweise gelähmt und in ihrer Funktion eingeschränkt. «Das macht alles komplizierter», sagt er. Dank einer Handoperation am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) kann der 30-Jährige wieder besser greifen und hat an Selbstständigkeit hinzugewonnen. In den Morgenstunden benötigt er dennoch sehr viel Geduld.
«Und dann ist da nichts mehr»
Im Januar 2024 unternimmt der Arzt mit zwei Freunden eine Skitour in der Region der Dents du Midi im Wallis. Bei der Abfahrt fährt er voraus. Er folgt den Spuren, die andere vor ihm in den Pulverschnee gezeichnet haben. Was er nicht sieht: Unter der frischen Schneedecke liegt eine Eisplatte. Er stürzt und schiesst über eine Felswand hinaus: «Ich kann mich noch erinnern, dass ich ausgerutscht bin, Schläge abbekam – und dann ist da nichts mehr.»

Zu Hause in Boll BE: Der Tetraplegiker hat seine Lebensfreude nicht verloren.
Die Bergrettung birgt den Verunglückten und bringt ihn ins Universitätsspital nach Lausanne. Auf der Notfallstation stellen die Ärzte fest, dass der sechste und siebte Halswirbel sowie ein Arm gebrochen sind. Seine Partnerin Lena Reich wartet zu dieser Zeit noch zu Hause auf seine Rückkehr. Dann kommt der Anruf der Freunde. «Sie berichten vor allem von einem Arm, der schlimm aussieht», erzählt die 30-Jährige. Das ganze Ausmass des Unfalls erfährt sie erst später.
Viel Hoffnung
Marco Arduinis Erinnerungen an die Woche in Lausanne besteht nur aus einzelnen Fetzen. Dann folgt die Verlegung nach Nottwil auf die Intensivstation des SPZ. Die erste Zeit besteht vor allem aus viel Hoffnung. «Die Ärzte erklärten mir, dass die Schwellungen im Bereich des Rückenmarks sich in den ersten Wochen zurückbilden und gewisse Körperfunktionen zurückkehren können», sagt er. Also hofft er. Wartet. Sucht nach Anzeichen einer Besserung. Doch es kommt nichts zurück.
«Trotz meiner medizinischen Ausbildung hatte ich keine Vorstellung davon, was eine Rückenmarkverletzung alles mit sich bringt.»
Also versucht er, möglichst viel über das Krankheitsbild der Tetraplegie zu erfahren: «Trotz meiner medizinischen Ausbildung hatte ich keine Vorstellung davon, was eine Rückenmarkverletzung alles mit sich bringt.» Dass neben den Bein- und Armfunktionen zum Beispiel auch Organe wie Darm und Blase betroffen sind. Rund zehn Monate benötigt der Patient für seine Erstrehabilitation in Nottwil.
Lena Reich bleibt diese Zeit als sehr intensiv und emotional in Erinnerung: «Das Wichtigste für mich war, dass Marco seine Lebensfreude nicht verliert.» Diese erachtet sie als notwendige Basis für eine gemeinsame Zukunft. Die beiden haben sich neun Monate vor dem Unfall über eine App kennengelernt, ein halbes Jahr später ziehen sie zusammen. Ihre Erleichterung ist gross, als während der Reha deutlich wird, dass sich die Einstellung ihres Partners nicht verändert hat.
Reise mit Hindernissen
In der Rehabilitation muss der Patient grundlegende Tätigkeiten neu lernen: essen, sich anziehen, in einer Stadt unterwegs sein, Autofahren – was einmal selbstverständlich war, wird jetzt zur Herausforderung. Wegen Komplikationen und resistenter Keime wird eine Isolation nötig. «Das war eine sehr schwierige Zeit», erzählt er. «Freunde und Familie haben mir geholfen, diese Krise zu überwinden.»
Der Weg aus der Rehabilitation zurück in den Alltag beginnt mit kleinen Etappenerfolgen, ist aber auch immer wieder von Rückschlägen gezeichnet. So beschreibt Marco Arduini seine bisherige Zeit mit der Querschnittlähmung nicht als geraden Weg, sondern als eine Reise mit Hindernissen. Mal geht es ihm gut, mal weniger.


«Vor allem die Wochenenden und Feiertage mochte ich zunächst gar nicht», erinnert er sich. «Alle um mich herum konnten die Freizeit geniessen, unterwegs sein, feiern. Ich dagegen habe nie frei.» Er deutet auf seinen Rollstuhl, sucht nach Worten. Das Unausgesprochene ist in diesem Moment stärker. Nach einer Pause fügt er an: «Manchmal hätte ich gerne wieder meine Sorgen von früher.»
Für mehr Mobilität sorgen heute ein elektrisches Zuggerät für den Rollstuhl und das von Orthotec umgebaute Auto, bei dem sich Gas und Bremse mit der Hand bedienen lassen. Auch beruflich musste sich Marco Arduini neu orientieren. In einem Operationssaal zu arbeiten, ist mit seiner Tetraplegie nicht mehr möglich. Deshalb hat er sich zum Hausarzt umgebildet und ist in einer Praxis in Bern tätig. Sein 50-Prozent-Pensum hat er auf vier Tage verteilt, das Pendeln bewältigt er mit dem öffentlichen Verkehr.
«Manchmal hätte ich gerne wieder meine Sorgen von früher.»
«Eine Arbeit, die mir Sinn gibt»
Manchmal fragen ihn seine Patientinnen und Patienten nach dem Grund, weshalb er im Rollstuhl sitzt. Doch für die meisten ist das kein Thema. Auch für sein Team nicht. «Ich schätze Marcos Meinung und seine Expertise sehr», sagt Arbeitskollege Joeri Vercauteren. Lunge und Herz abhören, zuhören, eine Anamnese erheben – das geht mit seiner Tetraplegie problemlos. Natürlich ist seine heutige Tätigkeit nicht mit den früheren Einsätzen im Operationssaal vergleichbar, sagt er: «Aber es ist eine Arbeit, die mir einen Sinn gibt.»
Marco Arduini arbeitet als Hausarzt in Bern.
Manchmal unternehmen er und Joeri Vercauteren einen gemeinsamen Bikeausflug, manchmal kommt Lena Reich mit. Auch mit seinen Einschränkungen möchte Marco Arduini aktiv bleiben. Während der Rehabilitation testet er diverse Sportarten und findet am Handbike Gefallen. Letzten Winter mietet er einen Langlauf-Schlitten und lernt, durch die Loipen zu gleiten. «Das kostet zwar viel Kraft», sagt er. «Aber ich bin enorm glücklich, wieder einen Wintersport gefunden zu haben.»
Täglich etwas mehr Freiheit
Das Reisen ist eine Leidenschaft geblieben. Inspiriert durch Beiträge von anderen Betroffenen in den sozialen Medien hat sich Marco Arduini diesen Sommer einen Kastenwagen zum Camper umbauen lassen. «Ich mag es, planlos loszufahren und unabhängig zu sein», sagt er. Seine Partnerin lässt sich auf das ungewohnte Abenteuer ein – obwohl sie die Vorzüge eines Hotels durchaus zu schätzen weiss. «So sind wir deutlich flexibler», sagt sie. Im Camper gibt es ein Bett und eine Dusche, eine kleine Küche sowie einen Lift, der ihn samt Rollstuhl ins Fahrzeug hochhebt.
«Ich mag es, planlos loszufahren und unabhängig zu sein.»
«Ich möchte so frei wie nur möglich leben», sagt der Tetraplegiker mit Blick auf seine nächsten Ziele. Mit jedem Tag wächst seine Erfahrung, mit jedem Transfer ins Auto, mit jedem Handgriff wird der Ablauf etwas leichter.

Neues entdecken: Marco Arduini unterwegs mit dem Handbike.
Freiheit, das heisst zunächst: Selbstständigkeit. «Ich wünsche mir, dass Marco weiterhin Sachen ausprobiert und noch weniger auf mich angewiesen ist», sagt seine Partnerin. Eigentlich sei er nicht der Typ, der gerne fremde Hilfe annimmt. «Abends kann ich mittlerweile allein zu Bett gehen», ergänzt der Tetraplegiker. «Das gibt auch Lena wieder mehr Freiheit, ein Wochenende wegzugehen oder beruflich im Aussendienst länger unterwegs zu sein.» Der Unfall hat die beiden zusammengeschweisst. Wenn sie heute das Wort Freiheit verwenden, bedeutet es vor allem: immer wieder Neues zu entdecken.
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