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«Ich hatte wieder eine Aufgabe im Leben»

Es ist Samstag, der 28. April 1990. Der junge Kunstturner Daniel Galliker trainiert für seinen nächsten Wettkampf. Bei einem Doppelsalto passiert es. Der damals 18-Jährige aus Oberentfelden (AG) landet auf dem Hinterkopf und bleibt regungslos liegen. Sofort wird er mit der Rega ins Spital geflogen. Diagnose: Tetraplegie. Der junge Sportler ist vom 5. Halswirbel abwärts gelähmt. Er kommt zuerst ins Paraplegikerzentrum nach Basel. Einige Zeit später wird er als erster Patient ins neu eröffnete Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil überwiesen.

Interview: Manuela Marra
Fotos: Daniel Galliker / Viviane Speranda

Du bist heute 49 Jahre alt. Dein Unfall liegt nun über 30 Jahre zurück. Woran erinnerst du dich noch?

An den Unfall selber kann ich mich nicht mehr erinnern. Nach dem Unfall wurde ich ins Kantonsspital Basel gebracht, danach ins Paraplegikerzentrum Basel verlegt. Ab da setzen die Erinnerungen langsam wieder ein.

Was für ein Leben haben dir die Ärzte damals in Aussicht gestellt?

Sie sagten mir es sei fertig und ich werde nie mehr etwas machen können. Ich hätte Glück, wenn ich noch selber atmen könne.

Du warst zuerst im Paraplegiker-Zentrum in Basel, wurdest dann aber als erster Patient ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil verlegt. Wie kam es dazu?

Anfang September 1990 wurde in Nottwil mit einem grossen Fest für die Bevölkerung das Paraplegiker-Zentrum in Nottwil eröffnet. Ich war neugierig und wollte sehen, wie das dort aussieht.

Dein Eindruck?

Ich dachte nur "wow – da will ich hin." Basel war damals ein altes Loch. Von den Leuten und Menschen her sehr gut. Aber das Spital war alt und dunkel. Zeitweise war man zu sechst in einem Viererzimmer. Es gab eine Toilette und zwei Lavabo. Man musste sogar die Betten verschieben, damit man mit dem Rollstuhl durchfahren konnte. In Nottwil war alles anders. Neu, hell und viel mehr Platz.

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Daniel Galliker im Garten seiner Eltern, 1997.

Und wie hast du den Wechsel veranlasst?

Ich habe mit den Verantwortlichen im Paraplegikerzentrum in Basel gesprochen und gefragt, ob ich wechseln kann. Dann ging alles ganz schnell. An einem Freitag Ende September hiess es, ich könne nach Nottwil wechseln. Am Montag 1. Oktober, mit der Inbetriebnahme des Spitalbetriebs, wurde ich ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum verlegt.

Wie war es, erster Patient zu sein?

Es war schon sehr speziell. Es kamen zwar noch etwa vier weitere Patienten dazu. Aber es war einfach eine Abteilung. Die Gänge waren leer. Alles war Neuland. Auch für die Angestellten, die alle neu begonnen hatten. Aber ich habe mich sehr wohl gefühlt. Und ich war unendlich froh um die Unterstützung, die ich in Nottwil erhalten habe. Unter anderem was meine berufliche Zukunft anging. Ich habe wieder eine Perspektive erhalten.

Wie sah diese berufliche Perspektive genau aus?

Zum Unfallzeitpunkt war ich im zweiten Lehrjahr als Hochbauzeichner. Kari Emmenegger, ebenfalls querschnittgelähmt, hat damals als Peer gearbeitet und mir wieder Perspektiven gegeben. Er hat geschaut, was mit meinen eingeschränkten Fähigkeiten noch möglich ist. Er half mir, die Lehre im vorherigen Betrieb wieder aufzunehmen. Das war im Sommer 1991. 1994 habe ich die Lehre abgeschlossen.

Ein grosser Meilenstein

Ja. Es war sehr wichtig für mich zu wissen, dass ich etwas machen kann, dass ich wieder einen Tagesablauf habe. Ich hatte wieder eine Aufgabe im Leben.

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«Ich war unendlich froh um die Unterstützung, die ich in Nottwil erhalten habe.»

Als erster Patient wurdest du vom Pionier und Gründer des Paraplegiker-Zentrums, Guido A. Zäch, eng betreut. Wie hast du ihn in Erinnerung?

Als sehr höflichen, kompetenten Menschen. Er war der Übervater, die grosse graue Eminenz. Was mich immer sehr erstaunt hat, ist, dass er bei allen Patienten immer in die Knie ging um auf Augenhöhe mit uns zu sprechen. Das tut er bis heute. Und er wusste immer meinen Namen, auch als ich zehn Jahre später wegen eines Druckstellenproblems wieder im SPZ war. Das hat mich beeindruckt.

Herr Zäch hat schon 15 Jahre vor der Eröffnung des Paraplegiker-Zentrums, die Schweizer Paraplegiker-Stiftung gegründet. Er setzte sich schon damals für querschnittgelähmte Menschen ein. War dir sein Name vor dem Unfall ein Begriff?

Nein. Mit 17 Jahren ist man unsterblich. Das änderte sich schnell. Ohne ihn wären wir nicht da wo wir heute sind. Dank der Stiftung und all ihren Mitgliedern wurde so vieles möglich gemacht für uns. Und was ganz wichtig war: Herr Zäch hat alles ganzheitlich betrachtet. Es ging nicht nur um den Spitalaufenthalt und die Reha in Nottwil, sondern weit darüber hinaus.

Wofür hat sich Guido A. Zäch konkret eingesetzt?

Dass man wieder in das Berufsleben zurück kann, die Wohnung oder das Haus unterdessen rollstuhlgängig umgebaut wird, dass man auch mit Rollstuhl Sport machen kann und so weiter. Er hat dafür gesorgt, dass es für alles eine Anlaufstelle gab, was ein Querschnittgelähmter braucht.

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Lass uns 1990 und die Folgejahre mit heute vergleichen. Was hat sich verändert?

Vieles. Ich sehe zum Beispiel viel mehr Rollstuhlfahrer als früher, weil wir Rollstuhlfahrer uns heute viel selbstständiger fortbewegen können. Es gibt praktisch nirgends mehr nur eine Treppe, wo man von anderen Leuten hoch- oder runtergetragen werden muss. Es hat überall Lifte. Zudem ist der ÖV heute grösstenteils rollstuhlgängig

Du bist mit einem elektrischen Rollstuhl unterwegs. Das war nicht immer möglich.

Das gab es früher nicht. Ich musste mich in einem normalen Rollstuhl stossen lassen, war also abhängiger von anderen. Überhaupt war vieles anders. Auch das Autofahren. Ich glaube, das erste rollstuhlgängige Auto war ein Renault Express, mit einer Rampe, wo man mich hinten ins Auto reingestossen hat. Aber die Fenster waren so weit oben, dass ich nicht einmal raus sah. Heute kann ich als Beifahrer vorne mitfahren und mich mit dem Fahrer auch unterhalten.  

Es hat sich also vieles positiv verändert. Trotzdem gibt es sicherlich auch noch Handlungsbedarf?

Es gibt nach wie vor sehr wenige Restaurants mit rollstuhlgängigen Toiletten. Damit sich ein Rollstuhlfahrer darin drehen kann, muss eine solche Toilette mindestens 180 x 160cm gross sein. Es ist also schwierig ein Restaurant zu finden, das nicht nur einen rollstuhlgängigen Eingang hat, sondern auch rollstuhlgängige Toiletten auf der selben Etage – oder ein Lift. Oder rauch die Trottoirrampen. Sie sind zum Teil noch sehr steil, sodass man sich kaum traut, da runter zu fahren. Aber im Grossen und Ganzen haben es Rollstuhlfahrer gut in der Schweiz.

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Wie ist es mit den Blicken der Fussgänger, früher und heute?

Nach 30 Jahren im Rollstuhl bemerke ich die Blicke generell nicht mehr so – oder ich achte mich einfach auch nicht mehr. Aber es hat sich auch verbessert. Wir sind heute viel mehr Teil der Gesellschaft. Früher wurden wir oft für blöd oder dumm gehalten.

Hast du ein Beispiel?

Ich erinnere mich an einen Restaurantbesuch mit meiner Mutter. Die Serviertochter fragte meine Mutter vor mir, was er – also ich – trinken wolle. Meine Mutter meinte dann nur «er kann selber reden.» Solche Situationen erlebe ich heute eigentlich nicht mehr.

Zusammenfassend kann man aber sagen, dass sich in den vergangenen 30 Jahren sehr vieles getan hat. Querschnittgelähmte sind viel besser integriert und haben ein selbstständigeres Leben als früher. Wie leben Sie heute?

Ich wohne in meinem eigenen Haus in meinem Heimatort Oberentfelden, arbeite zu 50 Prozent als Hochbauzeichner in der selben Firma, in der ich die Lehre beenden durfte und treffe mich oft mit meinen Freunden zum Jassen.

Hast du zum Abschluss eine Botschaft an die Bevölkerung?

Ich wünsche mir, dass Querschnittgelähmte noch mehr behandelt werden wie Fussgänger. Damit meine ich, dass wir im Alltag ernst und für voll genommen werde.

 

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