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«Keiner von uns wird je eine Antwort darauf bekommen, warum es passiert ist»

Skirennfahrer Silvano Beltrametti und Eishockeyspieler Ronny Keller im Gespräch

Silvano Beltrametti war Skirennfahrer, Ronny Keller Eishockeyspieler – bis Unfälle im Wettkampf sie zu Paraplegikern machten. Die früheren Profisportler tauschen sich darüber aus, was der Sport ihnen heute gibt.

Text: Peter Birrer
Bilder: Adrian Bär

Silvano Beltrametti, Ronny Keller: Querschnittgelähmt zu sein nach einem Sturz und einem Check in die Bande, wie verarbeitet man das?

Beltrametti (B): Man muss lernen, loszulassen vom alten Leben und bereit sein für ein neues. Mir war bewusst, dass ich nie mehr würde Ski fahren können wie bis anhin, und dass die Träume von einem Weltmeistertitel und Olympiasieg zerstört sind. Wichtig ist es, neue Ziele zu haben. Aber der Prozess kann lange dauern.

Keller (K): Auch ich merkte schnell: So wie vorher wird es nie mehr. Für mich stellte sich die Frage, ob ich das annehmen will, ob ich weiterleben will oder nicht. Es gab Momente, da hatte ich das Gefühl, die Kraft nicht zu haben und gehen zu wollen. Mit meiner Frau sprach ich offen darüber. Mit etwas Abstand erschrak ich dann über diese Gedanken. Andere Menschen im Rollstuhl erzählten mir, dass es ihnen ähnlich ergangen sei.

Irgendwann sagte ich mir: Doch, das Leben bleibt lebenswert, ich will das Beste daraus machen – go for it.

War es belastend, dass eure Schicksale ein öffentliches Thema waren?

K: Mir half es, weil ich mich dem stellen und darüber sprechen musste, was passiert war. Sonst hätte ich vielleicht alles in mich hineingefressen. Nach dem Unfall drehte sich so viel um mich wie noch nie.

B: Am Anfang war es motivierend, dass die Leute hinter mir standen und mir das Gefühl gaben: Silvano, gib nicht auf. Daran dachte ich nie. Schon an der Unfallstelle kämpfte ich ums Überleben, ich wollte, dass es weitergeht. Hätte ich die Augen zugemacht... es wäre wohl kritisch geworden.

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Silvano Beltrametti (42) war Skirennfahrer. Als Junior gewann er zweimal WM-Silber und galt im Skiweltcup als grösste Schweizer Abfahrtshoffnung. Ein Sturz in Val d’Isère nach schnellster Zwischenzeit machte ihn 2001 zum Paraplegiker. Der gelernte Zimmermann führt mit seiner Frau Edwina seit 2008 das Berghotel Tgantieni in Lenzerheide GR.

Habt ihr damals geahnt, dass es euch schlimm erwischt hat?

B: Der Gedanke an Querschnittlähmung und Rollstuhl war da. Ich hatte starke Rückenschmerzen und gab den Beinen den Befehl, sich zu bewegen. Aber der Befehl kam nicht an. Zwei Stunden später bekam ich im Spital von Grenoble die Diagnose. Ich finde es wichtig, dass einem die Wahrheit ehrlich ins Gesicht gesagt wird, sonst klammert man sich an falsche Hoffnungen. Der Teamarzt sagte: «Silvano, dir hat es das Rückenmark komplett durchtrennt, du wirst den Rest deines Lebens im Rollstuhl sitzen.» Das war eine harte Ohrfeige, aber Fakt und bereits der Anfang der Neuorientierung.

K: Ich redete mir ein, dass ich das wieder hinbekomme, wenn ich mich so verhalte, wie die Ärzte es sagen.

Es war eine Erlösung, als ich hörte, dass ich nun operiert werde: Danke, jetzt kann ich schlafen – und ob ich wieder aufwache ... schauen wir mal. Drei, vier Tage später erklärten mir die Ärzte, was Sache ist. Sie sagten auch: «Herr Keller, Sie werden ein lebenswertes Leben haben, teilweise sogar schöner als vorher.» Das kam mir schräg rein.

B: Natürlich geht dir durch den Kopf: «Der kann das gut sagen.» Aber fünf, zehn Jahre später schaut man mit anderen Augen zurück. Das Leben ist trotz der Behinderung sehr lebenswert. Ich hätte nie geglaubt, noch so viel machen zu können. K: Ja. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es schöner ist, sondern anders. Ich würde es nicht vergleichen. Ich empfinde Glück anders als vorher und lebe gut.

B: Wichtig ist, dass man sich nicht versteckt und offen ist für Neues. Ob das etwas Sportliches oder Kulturelles ist, spielt keine Rolle, Hauptsache, es bereitet Freude.

«Schon an der Unfallstelle kämpfte ich ums Überleben, ich wollte, dass es weitergeht.»

Habt ihr die Verarbeitung heute abgeschlossen?

B: Ganz abschliessen kann man wohl nie. Aber nach drei, vier Jahren war ich wieder zufrieden, glücklich und selbstständig; darauf hatte ich hingearbeitet. Nach der Rückkehr aus Nottwil ins Bündnerland musste ich mich beruflich neu orientieren, mich umschulen, die Freizeit neu gestalten und Sportarten wie Handbike oder Monoskibob von Grund auf lernen. Heute denke ich nicht mehr mit negativen Gefühlen an den Tag des Unfalls.

K: Zu Beginn stellte ich mir täglich die Frage nach dem Warum – erst recht, wenn ich im Alltag wieder vor einer Hürde stand. Aber irgendwann hat man viele Situationen gemeistert. Man darf nicht ständig zurückschauen. Früher war ich oft traurig, heute bin ich es vielleicht noch zweimal im Jahr.

Silvano Beltrametti, Sie sagten nach dem Sturz, es war ein Fahrfehler.

B: Ja, der kleine Fehler war da, aber dann brauchte es eine ganze Reihe unglücklicher Umstände, dass es mich derart traf. Kurz: Es war Pech. Obwohl die Auslöser für unsere Unfälle unterschiedlich sind, wird keiner von uns je eine Antwort darauf bekommen, warum es passiert ist. In diesen Momenten fehlte einfach das Glück.

Ronny Keller, Ihrem Sturz ging der Check eines Gegenspielers voraus. Konnten Sie ihm verzeihen?

K: Verzeihen ... Ich weiss nicht. Von mir gab es nie ein Wort in diese Richtung. Es ist, wie es ist. Der Gegner wollte sicher nicht, dass es so herauskam. Es lief einfach blöd. Für mich war die Angelegenheit mit einem abschliessenden SMS an ihn erledigt.

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Ronny Keller (41) war Eishockeyspieler. Er fing als 19-Jähriger bei den ZSC Lions an, mit denen er 2000 Schweizer Meister wurde. 2013 spielte er als Verteidiger für den EHC Olten, als er nach dem Check eines Gegenspielers kopfvoran in die Bande prallte. Seither ist er querschnittgelähmt. Der gelernte Kaufmann ist seit 2017 Partner eines Treuhandbüros in Uster.

Half euch in der Rehabilitation der typische Ehrgeiz eines Sportlers?

K: Extrem. Als ich mich entschieden hatte, leben zu wollen, setzte ich mir zum Ziel, die Rehabilitation optimal und möglichst schnell zu absolvieren, heimzugehen und das neue Leben anzufangen. Es war wie ein Wettkampf, ich griff auf Erfahrungen aus dem Sport zurück.

B: Auch mir half es enorm. Im Spitzensport lernst du, mit Rückschlägen umzugehen, dich aufzulehnen – mit einem neuen Rennen, einem neuen Spiel. Wer zuoberst aufs Podest will, muss knallhart trainieren, zielstrebig sein und Biss haben. Durch Sport wirst du mental stärker.

K: Diese Qualität baut man sich über Jahre hinweg auf.

War euch das Risiko bewusst?

B: Klar ist das Risiko höher als in einem Bürojob, aber als Athlet blendet man das aus. Ich fühlte mich immer sicher. Zudem fährt man eine Abfahrt wie in Kitzbühel ja nicht gleich am ersten Skitag, sondern bereitet sich gezielt darauf vor.

K: Blessuren gehören dazu, das Knie, die Schulter... was auch immer. Mit 33 Jahren war für mich klar: Bei der nächsten grösseren Verletzung höre ich auf. Dass meine Karriere auf diese Weise enden würde, hatte ich natürlich nicht im Kopf.

«Als ich mich entschieden hatte, leben zu wollen, setzte ich mir zum Ziel, die Rehabilitation optimal und möglichst schnell zu absolvieren.»

Habt ihr euch mit anderen Sportlern im Rollstuhl ausgetauscht?

K: Für mich waren vor allem die Peer Counselors in Nottwil meine Ansprechpersonen, ich löcherte sie mit Fragen.

B: In der Rehabilitation gab es einen regen Austausch, aber nicht nur mit Sportlern. Am Anfang weiss man ja nicht einmal, wie man ein T-Shirt oder eine Hose selbstständig anziehen kann. Wenn du siehst, wozu Leute wieder in der Lage sind, die schon länger im Rollstuhl sitzen, motiviert das. Und manchmal gibt es lustige Zufälle.

B: Zwei Jahre vor meinem Unfall testete ich im Kaunertal Ski und sah auf dem Parkplatz, wie behände ein Mann im Rollstuhl seinen Monoskibob im Auto verstaute. Ich war beeindruckt. Wir kamen ins Gespräch, und ich sagte ihm: «Du bist ein wilder Kerl.» Nach dem Unfall meldete er sich: «Ich bringe dir das Monoskibobfahren bei.» Solche Impulse waren ungemein wertvoll. Der Kontakt hält bis heute.

Seid ihr auch Vorbilder?

B: Das müssen andere beurteilen. Ich glaube, dass wir Menschen im Rollstuhl aufzeigen können: Es funktioniert.

Wenn sich die Chance ergibt, dass wir dank unseren Namen für Querschnittgelähmte etwas tun können, nutzen wir sie. Ronny und ich werden vermutlich eher gehört, wenn wir darauf hinweisen, dass irgendwo bauliche Massnahmen notwendig sind.

K: Diese Verantwortung übernehmen wir. Ich werde oft von Schulklassen für Vorträge angefragt. Da bin ich gerne dabei.

Nottwil bietet eine breite Auswahl an Sportarten. Habt ihr das genutzt?

K: Das Angebot ist super. Ich habe Verschiedenes ausprobiert und wollte etwas finden, das mich körperlich fordert. Jetzt spiele ich vor allem Tennis, aber der Wettkampf steht nicht mehr im Vordergrund. Ich bin ehrgeizig auf tiefem Niveau. B: Ich nahm die Gelegenheit für den Wiederaufbau der körperlichen Fitness wahr. Wenn ich einen Skitag verbringe, möchte ich schöne Schwünge zeigen und elegant über eine Welle fahren; eine gewisse Qualität soll das Ganze haben. Aber ich will mich nicht mehr mit anderen duellieren.

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«Ganz abschliessen kann man wohl nie. Aber nach drei, vier Jahren war ich wieder zufrieden, glücklich und selbstständig; darauf hatte ich hingearbeitet.»

Wie habt ihr euch bei den ersten Sporteinheiten im Rollstuhl gefühlt?

K: Behindert. [schmunzelt] Einige Dinge frustrierten, weil sie nicht sofort klappten. Oder die erste Lektion, um mich samt Rollstuhl ins Auto zu transferieren: Wie lange das dauerte ... Heute gehts im Nu.

B: Ich zweifelte nicht, weil genügend Beispiele zeigten, dass es machbar ist. Aber die Anfänge waren hart. Athletisch war ich mit 22 Jahren topfit, die Rumpfmuskulatur war stark, ich hatte ein Sixpack. Auf einmal ist das alles weg, man schafft es kaum, sich aufzurichten oder eine fünf Zentimeter hohe Schwelle zu überwinden.

Was gibt euch der Sport?

B: Wahnsinnig viel. Biken zum Beispiel: Sich fordern und dabei die Natur geniessen – das erfüllt mich mit Glück. Es ist Lebensqualität. Man entflieht dem Stress, kann den Kopf lüften, und ich eigne mir eine Fitness an, die positiven Einfluss auf meinen beruflichen Alltag hat.

K: Das trifft es exakt. Es erleichtert vieles, wenn man fit ist. Sport bedeutet auch Spass und ermöglicht soziale Kontakte.

Mit welchen Augen schaut ihr heute Skirennen und Eishockeyspiele an?

B: Als Fan, der mitfiebert und sich in die Athleten hineinversetzen kann. Ich weiss, was in ihnen vor dem Start eines WM-Rennens vorgeht. Oder du, Ronny, du weisst, was in der Kabine abgeht, wenn eine Mannschaft im Play-off in Rücklage geraten ist.

K: Definitiv. Ich schaute schon auf der Intensivstation wieder Hockeyspiele. Das tat zwar weh, aber ich liebe diesen Sport und wollte einfach zuschauen.

B: Es gab Anlässe, da konnte ich vor dem Fernseher nicht zusehen. Olympia 2002 in Salt Lake City war für mich das grosse Ziel, dafür vergoss ich viel Schweiss im Training. Dann kam der Unfall. Ich hätte es nicht geschafft, zuzuschauen. Aber man kriegt relativ schnell Distanz. Ein Jahr danach konnte ich wieder Rennen verfolgen.

«Zwischendurch vermisse ich die Einfachheit, die Fussgängerinnen und Fussgänger haben.»

Was für Zukunftspläne habt ihr?

B: Ich möchte den Familienbetrieb weiterentwickeln und so positionieren, dass wir erfolgreich bleiben. Und mit meinen Freunden möchte ich ganz viel im Sportbereich erleben, zum Beispiel eine Skitour. Mein Leben ist ziemlich ausgefüllt.

K: Ich habe eigentlich keine «Bucket List». Ich möchte mit meinen zwei Geschäftspartnern unsere Treundhandfirma weiter voranbringen.

Was vermisst ihr?

K: Ohne Tabu gesprochen: die Sexualität von früher.

B: Die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Das Joggen an einem Strand zum Beispiel, das Eintauchen ins Meer. Mit solchen Limiten muss man umgehen.

K: Es macht aber nicht mehr traurig, oder?

B: Nein, aber zwischendurch vermisse ich die Einfachheit, die Fussgängerinnen und Fussgänger haben.

Jeden zweiten Tag wird ein Mensch in der Schweiz querschnittgelähmt.

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