Sport während der Jugendrehawoche 2019 am Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Jugendrehawochen: Training für ein selbständigeres Leben

Zwölf junge Menschen im Rollstuhl nehmen diesen Sommer an den Jugendrehawochen in Nottwil teil. Während drei Wochen erleben sie ein vielseitiges Programm – eine Mischung aus intensiver Therapie und Spass. Die Jugendlichen verfolgen dabei individuelle Ziele, um in ihrem Alltag selbständiger zu werden.

Text: Martin Steiner
Bilder: Beatrice Felder

 

Lena, Veronica und Runja geben in der Trainingsküche der Ergotherapie ihr Bestes. Unter Beobachtung ihrer Betreuerinnen schnippeln sie eifrig Pizzabeläge und Früchte für das Dessert. Die drei jungen Frauen bilden die heutige Kochgruppe und freuen sich auf die bevorstehende Stärkung. Italienische Spezialitäten scheinen bei ihnen ohnehin hoch im Kurs zu sein. «Mein Lieblingsessen ist Spaghetti Pesto von meinem Grossvater», sagt Runja. Die 14-jährige Bernerin nimmt bereits zum dritten Mal an den Jugendrehawochen teil und ist vom Angebot begeistert. «Es ist einfach genial hier. Ich freue mich auf alles, was noch kommen wird. Einzig das Ausdauertraining müsste nicht unbedingt sein». Die Jugendlichen arbeiten fleissig und wissen genau, dass sie nebst dem Vergnügen auch auf das tägliche Training angewiesen sind. «Hier bereitet mir sogar das Krafttraining Freude», sagt die 16-jährige Lena aus Dornach mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Lena beim Schneiden von einer Erdbeere bei der Jugendrehawoche im Schweizer Paraplegiker-Zentrum

«Daheim komme ich mit meinem Rollstuhl gar nicht richtig zum Herd.» Lena

Jugendliche am Pizza vorbereiten für das Essen bei den Jugendrehawochen im Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Die gute Stimmung in der improvisierten Küche ist greifbar. Ab und zu stockt der Arbeitsprozess, weil die aufgeweckte Runde laut kichert oder einfach über alles Mögliche plaudert. Die Abläufe müssen geübt sein, schliesslich kochen die drei Mädchen zuhause kaum. «Daheim komme ich mit meinem Rollstuhl gar nicht richtig zum Herd, da unsere Küche nicht für Rollstuhlfahrer ausgelegt ist», erzählt Lena während sie eine Scheibe Gurke vom Schneidbrett nascht. Auch die dritte Pizzabäckerin im Bunde, Veronica aus Sumiswald, geniesst es, zusammen mit ihren Kolleginnen ein feines Essen auf den Tisch zu zaubern. Auf ihren beiden Rollstuhlrädern prangt das Logo der Berner Young Boys. «Ich bin ein grosser YB-Fan und besuche wenn möglich jedes Heimspiel», berichtet Vero, wie sie hier alle nennen, mit funkelnden Augen.

Die Kochgruppe nach dem erfolgreichen Essen bei den Jugendrehawochen in Nottwil

Individuelle Ziele für alle

Die Jugendrehawochen finden dieses Jahr bereits zum 15. Mal statt. Zehn Mädchen und zwei Jungs im Rollstuhl nehmen daran teil. Die drei Wochen in Nottwil sind für sie eine besondere Erfahrung. «Der Austausch mit Gleichaltrigen ist für die Jugendlichen sehr wertvoll», sagt Romy Thalmann, Leiterin der Jugendrehawochen. Die Pflegeexpertin war Teil der Projektgruppe, welche die Jugendrehawochen vor vierzehn Jahren ins Leben gerufen hat. Sie zeigt sich seither verantwortlich für das beliebte Angebot. «Die Kids profitieren viel voneinander und entdecken Sachen, die sie vorher noch nicht kannten. Es entstehen Freundschaften, die auch nach den Wochen hier bestehen bleiben».

Die Zeit auf dem Campus Nottwil ist für die jungen Rollstuhlfahrer nicht einfach ein Ferienlager. Sie alle haben zu Beginn individuelle Ziele definiert, die sie in ihren täglichen Therapiestunden mit viel Fleiss zu erreichen versuchen. «Die Jugendlichen müssen lernen, ihren Alltag möglichst selbständig zu meistern», erklärt Romy Thalmann. «Im Anziehtraining beispielsweise üben sie, morgens schneller in die Kleider zu kommen. Durch die vielen kleinen Erfolgserlebnisse sind sie motiviert, das Gelernte in ihren Alltag zu übertragen.»

Wochen voller Highlights

Die jungen Frauen und Männer im Alter zwischen zwölf und siebzehn Jahren geniessen ein vielseitiges Programm. Nebst den schweisstreibenden Therapien und Selbständigkeitstrainings mit der Pflege darf auch der Spass nicht fehlen. Schlafen im Stroh, Baden im See oder der Besuch im Open-Air-Kino sind nur drei von zahlreichen Highlights. «Ein wichtiger Bestandteil ist auch die Projektarbeit mit dem selbst einstudierten Theater», sagt Romy Thalmann. «Dieses Jahr haben wir uns für das Motto Weltall entschieden. Die Jugendlichen führen das Stück am Schlussabend vor ihren Eltern, dem Personal und Patienten des Schweizer Paraplegiker-Zentrums auf.» Eine Erfahrung, die den zwölf Laien-Schauspielern wohl für immer in Erinnerung bleiben wird.

Die Gruppe der Jugendrehawoche in Nottwil beim Sport

«Das war anstrengend. Ich bin völlig überhitzt.» Fabian

Austoben beim Sport

Zum Programm gehören auch regelmässige Sportaktivitäten. Die positive Gruppendynamik ist auch hier gut zu beobachten. Die Jugendlichen helfen sich gegenseitig und funktionieren als Team. Bei zwei verschiedenen Ballspielen rollen sie quirlig in der ganzen Turnhalle herum. Spielerisches und koordinatives Geschick sind gefragt. Kollisionen sind vorprogrammiert. Draussen ist es heiss, und auch in der Halle kommen die Teilnehmenden allmählich ins Schwitzen. «Das war anstrengend. Ich bin völlig überhitzt», klagt Fabian nach dem Spiel. Er mache zuhause selten so ausgiebig Sport.

Auch für das Personal sind die Jugendrehawochen etwas Besonderes. «Ich freue mich jedes Jahr auf die Arbeit mit den Jugendlichen. Sie bringen frischen Wind in unser Haus», sagt Physiotherapeutin Samantha Wildi. Es sei bewundernswert, welche grossen Fortschritte die Jungen in dieser kurzen Zeit machen. Eine andere Therapeutin schaut gerade in der Turnhalle vorbei und spielt spontan eine Runde mit. Auch sie hat sichtlich Spass bei ihrer Arbeit.

Kaum ist die Sportstunde beendet, huschen die Rollstuhlfahrer wieder davon. Bald gibt es Abendessen und danach wartet ein hoffentlich spannender Spielabend auf sie.

Ein Gruppenbild in der Sporthalle der Jugendrehawoche am Schweizer Paraplegiker-Zenrum in Nottwil

Wertvolle Trainingsplattform

Für junge Menschen im Rollstuhl ist es wichtig, Ziele wie Selbständigkeit, Selbstbestimmung, sportliche und soziale Integration zu erlangen. Je früher die Jugendlichen damit beginnen, desto besser sind ihre Aussichten auf Chancengleichheit und eine bessere Lebensqualität. Die Jugendrehawochen bieten ihnen die optimale Plattform, die nächsten Fortschritte zu erzielen.

Dieses Projekt wird in der Regel über eine Pauschale der Invalidenversicherung teilfinanziert, manchmal auch über reguläre Tagessätze der Krankenkasse. Diese Beiträge decken die Kosten jedoch nicht vollständig. Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung ist auf Spenden angewiesen, damit sie dieses Angebot auch in Zukunft aufrechterhalten kann.

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