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«Mein erstes Ziel war nicht, wieder gehen zu können, sondern zufrieden zu leben.»

Karin Kaiser ist nach einem Velounfall inkomplett querschnittgelähmt. Die begeisterungsfähige Ostschweizerin hat wieder zurück in die Arbeitswelt gefunden – und verbreitet einen ansteckenden Lebensmut.

Text: Stefan Kaiser
Bilder: Beatrice Felder

Es ist eine Oase der Ruhe. Karin Kaiser sitzt am Teich in ihrem Garten und taucht die Füsse ins Wasser. Sie blickt Richtung Säntis, dem majestätischen Berg in der Ferne, als sie eine überraschende Aussage macht: «Es klingt vielleicht seltsam, aber die Zeit nach dem Unfall hat mir die Augen geöffnet. Ich habe Dinge erlebt, die ich nicht mehr missen möchte.»

Die 48-Jährige ist im appenzellischen Urnäsch aufgewachsen. Sie macht eine Lehre als Betriebsassistentin bei der Post, wird dreifache Mutter und lebt mit ihrer Familie in Schweizersholz, einem idyllischen Ortsteil von Bischofszell TG mit rund dreihundert Einwohnern. Als sie sich von ihrem Mann trennt, bleiben sie und die Kinder im Haus. Die Fasnächtlerin schliesst sich der Guggenmusik «Näbelhusaren» an und lernt dabei Urs Kaiser kennen. 2002 heiraten die beiden – am 11.11., dem Beginn der Fasnacht.

Im Jahr 2009 entdeckt die begeisterungsfähige Frau den Laufsport. Sie hatte bisher kaum Sport gemacht, jetzt rennt sie regelmässig und ist bald in so guter Verfassung, dass sie sich an ihren ersten Halbmarathon heranwagt.

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Karin und Urs Kaiser geniessen die Ruhe am Teich.

Auf einmal Triathletin

Im August 2017 ist sie zufällig in Hüttwilen, wo gerade ein Triathlon-Wettkampf stattfindet. Karin Kaiser faszinieren die Velos, bald weiss sie: Ich möchte selber einmal einen Triathlon absolvieren. Sie informiert sich über die Sportart, saugt alles Wissenswerte auf, kauft ein Triathlon-Rennrad. Bald absolviert sie ein Trainingslager auf Mallorca. «Halbbatziges», das kennt sie nicht.

In ihrem Beruf auf der Post ist sie für die Briefzustellung zuständig und dauernd in Bewegung. Daneben trainiert sie und kümmert sich um ihren Mann Urs, der 2014 an Leukämie erkrankt ist. Am 1. Oktober 2019 begleitet sie ihn zu einer Untersuchung ans Unispital in Zürich. Als er nach der Heimkehr erschöpft ins Bett fällt, bricht sie zu einer Trainingsrunde mit dem Rennrad auf. Die dreistündige Tour soll auf den Hemberg führen; nahrhaft und doch Routine.

«Ich hadere nicht mit dem Schicksal, sondern nehme die Situation an.»

Nach 45 Minuten erreicht sie Herisau, den Oberkörper windschlüpfrig nach vorne gelegt, die Unterarme eng zusammen auf dem Speziallenker. Als sie aufschaut, sieht sie plötzlich eine stehende Autokolonne. Um einen Aufprall zu vermeiden, will sie aufs Trottoir ausweichen. Sie reisst am Lenker, zieht nach rechts. «Das Velo macht nicht, was ich will», schiesst es ihr durch den Kopf. Das Vorderrad bleibt hängen, es ist ihre letzte Erinnerung vor dem Sturz.

Das Ziel: zufrieden leben

Autofahrer und Passantinnen leisten erste Hilfe. Karin Kaiser wird ins Kantonsspital St.Gallen gebracht und operiert. Zwei Tage später folgt der zweite Eingriff. Zwei Halswirbel sind gebrochen, dazu ein Brustwirbel, sämtliche Rippen auf der rechten Seite und das Schulterblatt. Sie hat ein Schädel-Hirn-Trauma und eine leichte Hirnblutung, eine Rippe hat die Lunge durchbohrt. Die Diagnose «inkomplette Querschnittlähmung» löst bei ihr keine besonderen Emotionen aus. Karin Kaiser hat nicht das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füssen weggezogen.

Sie hat nie gefragt, weshalb das Ausweichmanöver misslungen ist. Auch die Einstellung zum Leben hat sich seit dem Unfall nicht geändert: «Ich hadere nicht mit dem Schicksal, sondern nehme die Situation an. Mein grosses Ziel war es nicht, wieder gehen zu können, sondern trotz allem zufrieden zu leben.» Ihr Mann ergänzt: «Karin ist positiv bis zum Gehtnichtmehr.»

Als die Eltern sie im Spital besuchen, sieht sie ihren Vater zum ersten Mal weinen. «Karin, du sitzt ab jetzt im Rollstuhl», hört sie und antwortet: «Ja nu. Die Welt geht deswegen nicht unter.» Solche knappen, starken Aussagen sind typisch für diese bemerkenswerte Frau. Nie versinkt sie in Selbstmitleid, stets denkt sie: «Irgendwie schaffe ich das schon.»

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Einige Schritte – mit hohem Aufwand

Von St.Gallen wird sie nach Nottwil ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum verlegt. Die Patientin macht schnell Fortschritte. Nach knapp sechs Monaten kann Karin Kaiser Nottwil verlassen. Sie sehnt sich danach, wieder an der Seite ihres gesundheitlich angeschlagenen Mannes zu sein, der als Corona-Risikopatient gilt und sich mit Beginn des Lockdowns in der Schweiz erst recht abschottet. Gemeinsam überwinden sie Wochen, in denen die Welt wegen des Virus aus den Fugen gerät. Eine starke Stütze sind auch ihre drei Kinder aus der ersten Ehe. Nur einmal kommt bei Karin Kaiser Krisenstimmung auf – beim ersten Versuch, ihren Garten vom Unkraut zu befreien.

Nach zehn Minuten gibt sie auf, sie kann diese Arbeit nicht ausführen und denkt sich: «Mein Gott, jetzt verwildert alles.» Rückblickend lacht sie herzhaft über diesen Moment. Ihr Zustand verbessert sich zusehends. Im Herbst kann sie bereits ohne Rollstuhl und Gehhilfe ein paar Meter gehen, später meistert sie sogar einige Treppenstufen. Heute sagt sie: «Ich hoffe, dass es noch etwas besser wird. Aber ich glaube nicht, dass ich je wieder wandern werde. Ich muss einen sehr hohen Aufwand betreiben, damit ich nur schon die derzeitige Form aufrechterhalten kann.»

«Die Zeit nach dem Unfall hat mir die Augen geöffnet. Ich habe Dinge erlebt, die ich nicht mehr missen möchte.»

«Mach dir keine Sorgen …»

Emotional wird es für die Rollstuhlfahrerin, als sie Anfang Juni wieder die Arbeit bei der Post aufnimmt. Ihre Kolleginnen und Kollegen empfangen sie mit Blumen und Applaus. «Das war sehr eindrücklich», erzählt Stefan Zürcher, der stellvertretende Leiter der Briefzustellregion St.Gallen und Appenzell. «Für uns war es ein bewegender Moment, Karin wieder bei uns zu haben. Bereits nach zwei Tagen fühlte es sich an, als wäre sie nie weg gewesen.» Das ist es, was Karin Kaiser meint, wenn sie von Dingen redet, die sie nicht mehr missen möchte – das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden; die Freude, dass so viele Menschen ihr zu verstehen gaben, für sie da zu sein.

Die emotionale Rückkehr von Karin an ihren Arbeitsplatz

Ihren früheren Aufgaben in der Briefzustellung kann Karin Kaiser nicht mehr nachgehen, sie erledigt stattdessen Administratives im Büro und steigert langsam ihr Pensum. Im Oktober wechselt sie dann ins Case Management der Post in Winterthur, wo eine Integrationsstelle geschaffen worden ist, für die sie bald einmal als Favoritin feststand. Nach dem Aufbautraining strebt sie eine Umschulung zur Case Managerin an. Als Schnittstelle zwischen Sozialversicherung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer möchte sie betroffenen Menschen bei der Wiedereingliederung in die Arbeitswelt helfen.

    1. Pensum anpassen
      Wie sehen die Möglichkeiten des Mitarbeitenden aus? Oft bedeutet ein Vollzeitpensum eine zu hohe Belastung und sollte entsprechend angepasst werden.
    2. Ressourcenorientiert denken
      Priorität haben die Kompetenzen des Mitarbeitenden. Der Fokus soll auf die Stärken ausgelegt sein, nicht auf Schwächen. Bei vielen administrativen Aufgaben spielt zum Beispiel die Mobilität keine Rolle.
    3. Ressourcen schonen am Arbeitsplatz
      Der Arbeitsplatz muss ohne Hindernisse erreicht werden können. Idealerweise steht den Mitarbeitenden ein gedeckter Parkplatz zur Verfügung. Und eine barrierefreie Toilette ist ein Muss.
    4. Gegenstände und Arbeitsmittel gut erreichbar platzieren
      Oft ist beispielsweise ein Werkzeug so platziert, dass nur Fussgänger es erreichen können. Es gilt, Gegenstände und Arbeitsmittel so zu positionieren, dass auch Menschen im Rollstuhl Zugriff haben. Und manchmal reicht schon ein unkompliziertes «Kann ich dir helfen?» einer Arbeitskollegin, eines Arbeitskollegen.
    5. Liegemöglichkeiten bieten
      Idealerweise können sich die Mitarbeitenden während einer Pause zur Entlastung von Gesäss und Rücken in einem Raum kurz hinlegen.
    6. Coaching hilft!
      Während der Einarbeitungsphase hat sich die Begleitung durch eine Fachperson bewährt. Oft übernimmt die Invalidenversicherung (IV) die Kosten für ein solches Coaching. Die Abteilung ParaWork im SPZ bietet diese Unterstützung landesweit an.

Kein Grund zum Klagen

Der Tatendrang – er ist Karin Kaiser nie abhandengekommen. Heute fährt sie gerne mit dem Dreirad-EBike aus. Dass sie nicht mehr ausgiebige Velotouren machen kann, nimmt sie gelassen hin. Aber wenn sie eine Gruppe auf dem Rennrad sieht, beobachtet sie diese immer noch so fasziniert wie damals die Triathleten in Hüttwilen.

Ihr Unfallvelo hat sie nicht entsorgt, es steht auf einer Rolle im oberen Stock des Einfamilienhauses. Aber dass sie sich daraufsetzt, das kommt kaum vor. Lieber kümmert sie sich um ihren prächtigen Garten oder liest ein Buch, während ihr die Katzen Sinto und Filou Gesellschaft leisten. Karin Kaiser findet, dass sie keinen Grund hat, sich zu beklagen: «Mir geht es gut.»

 

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