Jan Fridén Handchirurgie - Schweizer Paraplegiker Zentrum

Tetrahandchirurgie - Das Leben in der Hand

Handchirurg Jan Fridén führt weltweit einzigartige Operationen durch, damit Tetraplegiker ihre Arme und Hände wieder für einfache Aufgaben nutzen können. Die gewonnene Freiheit ist enorm.

 

Text: Stefan Kaiser
Bilder: Walter Eggenberger, Felder Beatrice

 

Die Dinge wären eigentlich zum Greifen nah. Doch für Tetraplegiker sind sie unendlich weit weg. Die Bettdecke heranziehen, sich waschen und anziehen, essen und trinken, etwas aufschreiben, jemandem die Hand geben – selbst einfache alltägliche Tätigkeiten sind nach einer Rückenmarksverletzung im Halswirbelbereich nahezu unmöglich. Die erforderliche Hand hängt kraftlos am Körper.

Zwar sind die Muskeln und Sehnen in der gelähmten Region noch intakt, aber das Signal aus dem Gehirn erreicht sie nicht. Wie wäre es, wenn mit einem chirurgischen Eingriff diese intakten Elemente so verknüpft würden, dass die gelähmte Hand wieder einfache Bewegungen ausführen kann – sich öffnen und schliessen, den Daumen krümmen, eine Drehbewegung? Genau darin besteht die Arbeit von Jan Fridén am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ).

Der Professor aus Schweden leitet seit 2015 die Handchirurgie in Nottwil, wo er weltweit einzigartige Operationen ausführt. Ein Muskel wird dabei als Motor verstanden, dessen Kraft an den richtigen Ort geführt werden muss. Fridén und sein Team transferieren Muskeln und Sehnen an jene Körperstellen, wo sie eine Handfunktion auslösen können. Und mehr noch: Die Chirurgen verbinden auch intakte Nerven mit einem funktionierenden Muskel. «Das ist, wie wenn der Motor eines Autos nicht mehr startet und man ein Überbrückungskabel benutzt», sagt Fridén. «Eine Abkürzung, die es uns erlaubt, neue Funktionen im Körper zu erschaffen.»

 

Schritte aus der Abhängigkeit

Solche Eingriffe sind hochkomplex. Sie müssen sorgfältig vorbereitet werden und fordern den Patienten eine intensive Mitarbeit ab. Doch der Zugewinn an Funktionalität ist für die Betroffenen von unschätzbarem Wert. Jede noch so kleine Handbewegung, die wieder möglich wird, bedeutet einen grossen Schritt heraus aus der Abhängigkeit von fremder Hilfe.

Wenn Jan Fridén seine Patienten nach den fünf Tätigkeiten fragt, die sie nach der Operation wieder können möchten, setzt jeder andere Prioritäten – eine Flasche öffnen, das Handy bedienen, sich selber katheterisieren –, doch all diese Wünsche haben mit Freiheit und Selbstständigkeit zu tun. Man möchte das Leben wieder in die eigene Hand nehmen.

«Dank der Operation kann ich selber zur Arbeit fahren», sagt Nils Eisele. Mobilität war ein wichtiges Motiv, als sich der neunzehnjährige Winterthurer für die Operation entschieden hat: «Nur schon den Rollstuhl besser antreiben und bremsen zu können, ist für mich eine wertvolle Hilfe im Alltag.» Fast zwei Jahre verbrachte der junge Tetraplegiker nach einem Halsdurchschuss in Nottwil. Ein Kollege wollte seinen Freunden die Pistole zeigen, die der Stiefvater zu Hause aufbewahrte. Sie war geladen.

Nach dem Unfall ist Schussopfer Eisele komplett pflegeabhängig. Einen Monat lang muss er rund um die Uhr beatmet werden, später nur noch in der Nacht. Sein Ziel während der Rehabilitation lautet stets: Selbstständigkeit. Dafür nimmt er in Kauf, dass es zunächst 45 Minuten dauert, bis er nur seine Hose angezogen hat.

«Wenn ich den Kollegen schildere, was alles operiert wurde, finden die das ziemlich spooky», sagt der Lehrling. «Ein Muskel wurde aus der Schulter genommen, eine Sehne vom Bein, alles zusammengehängt und den Arm runtergezogen.» Er erzählt vom harten Training, bis sein Gehirn gelernt hat, dass der bisherige Befehl für den Ellenbogen neu das Greifen der Hand auslöst. Viel Geduld und Disziplin waren nötig. Und engagierte Therapeuten. Eisele erhielt zudem einen Trizeps-Ersatz, damit er beim Transfer in den Rollstuhl nicht einknickt und sich verletzt. Die gewonnene Stabilität ist die Voraussetzung, dass er heute Auto fahren kann.

«Ich hatte Glück im Unglück. Dank der Handoperation in Nottwil kann ich heute selber mit dem Auto zur Arbeit fahren.»

 

Jan Fridén und sein Patient schütteln die Hände.
Mit dem Auto unterwegs ins Büro: Nils Eisele kann wieder Autofahren.

Gelungene Integration in den Alltag als Tetraplegiker

Das Pensum in der Lehre zum Hochbauzeichner beträgt hundert Prozent. Eiseles Lehrbetrieb, die Bellwald Architekten AG, setzt sich stark für den neuen Mitarbeiter ein, auch in der Berufsschule. Damit er ins Büro hochkommt, wurde im Gebäude ein Treppenlift in den zweiten Stock eingebaut. Der Tetraplegiker freut sich sehr über diese unübliche Unterstützung: «Der Chef sagte: Wenn die Invalidenversicherung den Lift nicht zahlt, übernehme ich ihn.» Ein seltener Glücksfall. Oft scheuen angefragte Unternehmen den Zusatzaufwand für junge Menschen mit Querschnittlähmung – und übersehen die Motivation, die dadurch ausgelöst wird.

Nils Eiseles Integration in die Arbeitswelt ist ein schönes Beispiel, wie es mit einigen Hilfestellungen gelingt, dass Menschen mit Querschnittlähmung einen aktiven Beitrag in der Gesellschaft leisten können. Dadurch wird nicht zuletzt das Gesundheitssystem entlastet. Diese gesellschaftliche Bedeutung seiner Arbeit ist für Handchirurg Jan Fridén ein zusätzlicher Antrieb. Rund 1200 Handrekonstruktionen hat er bis heute durchgeführt und damit für das Leben von vielen Menschen ungeahnte neue Möglichkeiten geschaffen. Hände sind für ihn «etwas vom Faszinierendsten, das es gibt».

Hat sich seine Wahrnehmung nach all den Operationen verändert? Ja, sagt er, seine Patienten hätten ihm die kommunikative Dimension der Hand erschlossen: «Jemandem die Hand geben, ihn umarmen oder berühren, ist genauso wichtig, wie die reine Funktionalität des Greifens: Hände sind auch wichtige Werkzeuge der Kommunikation. Sie decken menschliche Bedürfnisse ab, die den Betroffenen helfen, sich wieder als intakte Person zu fühlen.»

Nottwil als Vorbild

Möglichst viele Menschen sollten Zugang zu dieser Operation haben, denkt man. Doch sie wird nur in wenigen Ländern und selten ausgeführt. Jan Fridén führt dies einerseits auf die fehlende Kommunikation zwischen den Spezialisten zurück. Fachbereiche, die bei diesem Verfahren eng zusammenarbeiten müssen, liegen organisatorisch oft weit auseinander. So fehlt die für die Patientensicherheit notwendige Vertrauensbasis. Am SPZ dagegen sind die Spezialisten in interprofessionellen Teams integriert: «Jeder weiss genau, was der andere jeweils macht. Das ist ein immenser Vorteil.»

Der Handchirurg hat eine Technik entwickelt, die zwei Operationen in einem einzigen Eingriff erlaubt und den Patienten mehrere Monate an Rehabilitationszeit erspart. «Der Schlüssel für solche Erfolge sind die Therapeuten», sagt er, «denn die Neuausrichtung des Gehirns ist ebenso wichtig wie die Operation selbst.» Damit das Gehirn die neuen Handfunktionen lernt, muss rasch nach dem Eingriff und unter sorgfältigster Anleitung mit der Therapie begonnen werden. Deshalb sind am SPZ die Prozesse ganz auf die Patienten hin ausgerichtet.

Als zweiten Grund, weshalb diese Operation nur selten genutzt wird, nennt Fridén die Befürchtung von Chirurgen, sie könnten die betroffenen Menschen zusätzlich schädigen. «Das wäre eine Katastrophe. Deshalb müssen alle Beteiligten wissen, was sie tun.» Nicht nur die unmittelbaren Resultate, auch die längerfristigen Wirkungen des Eingriffs werden am SPZ bei jedem Patienten systematisch erfasst. Um anderen Chirurgen und Therapeuten besser erklären zu können, wie die Handspezialisten in Nottwil vorgehen, führt Fridén seit 2008 jedes Jahr einen europäischen Tetrahand-Kurs durch. Im Sommer 2018 konnte er zudem am Tetrahand-Weltkongress in Nottwil ein Computerprogramm vorstellen, das er zusammen mit dem Innovationslabor der Paraplegiker-Gruppe entwickelt hat. Es veranschaulicht alle Operationsschritte in einem dreidimensionalen Körpermodell und zeigt für jede Höhe eines Querschnitts an, welche Muskeln und Sehnen für eine Operation genutzt werden können.

Die Applikation leistet wertvolle Dienste bei der Aufklärung von Patienten und medizinischen Fachpersonen. Sie macht die Zusammenhänge eines operativen Eingriffs verständlich und hilft, Vertrauen aufzubauen. Sie zeigt den Patienten, welche Ziele sie erreichen können, schützt sie aber auch vor übertriebenen Erwartungen. «Vertrauen ist der wichtigste Aspekt in diesem Prozess», sagt Fridén. Er operiert frühestens ein halbes Jahr nach dem Austritt aus der Erstrehabilitation. Die Betroffenen sollen vor dem Eingriff Erfahrungen im Alltag sammeln und erst dann entscheiden, welche Handfunktionen sie wiederherstellen möchten. Eine spätere Meinungsänderung wäre nicht umsetzbar.

Verbindung schaffen

Der Handchirurg wünscht sich ein Studio für das Training von Alltagssituationen, damit die Therapeuten die Übungsanlage nicht jedes Mal neu aufbauen müssen. Auch zwei «Übergangswohnungen» in der Nähe des SPZ schweben ihm vor, in denen Patienten und Angehörigen zusammen wohnen würden: «Nach der Therapie könnten sie direkt ins Familienleben zurück und dabei ein realistisches Alltagstraining absolvieren. Zudem werden Kosten eingespart und die Angehörigen sind bereits früh in die Rehabilitation miteinbezogen.» Alle sollen profitieren, so denkt er.

Der Schwede weiss um sein Charisma, fokussiert aber stets auf sein Gegenüber. «Jan ist eine Koryphäe und doch sehr menschlich geblieben», sagt Nils Eisele. «Abends auf dem Heimweg spricht er dich an, fragt wie es geht oder macht einen Spruch. Man hat das Gefühl, dass sein Job nicht nur aus Operieren besteht, sondern er auch an die Patienten denkt. Das ist cool.» Diese Beschreibung erklärt vielleicht, weshalb dem Ausnahmechirurgen die Hand so wichtig ist: Mit ihr berührt man Menschen.

 

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