Work and Integration

Unsere Vision:
Eine Welt, in der Menschen mit einer Behinderung entsprechend ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Interessen am Arbeitsmarkt teilhaben können.

Unsere Mission:
Die Arbeitsintegration von Menschen mit einer Behinderung ist sowohl aus Sicht der Direktbetroffenen als auch aus gesellschaftspolitischer Sicht ein zentrales Anliegen, das in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist. Die Kernaufgabe beruflicher Integrationsangebote ist es, die Betroffenen in eine individuell passende und sinnstiftende Tätigkeit zu integrieren, die es ihnen erlaubt, langfristig im Arbeitsmarkt zu verbleiben, ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen davonzutragen.

Das umfassende, interdisziplinäre und anwendungsorientierte Forschungsprogramm der Gruppe Work and Integration möchte diese Kernaufgabe optimal unterstützen. Dafür verwenden wir einen Life-Course-Ansatz, Modelle aus der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie das biopsychosoziale Framework der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Durch den kombinierten Einsatz quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden wollen wir ein vertieftes Verständnis zu den Prädiktoren und Indikatoren nachhaltiger Arbeitsintegration gewinnen.

Darauf basierend entwickeln wir Instrumente, welche die berufliche Eingliederungspraxis für Menschen mit einer Rückenmarksverletzung im Besonderen und Personen mit einer Behinderung im Allgemeinen bestmöglich unterstützen. Die enge Zusammenarbeit mit Praxispartnern und Direktbetroffenen begünstigt die Anwendbarkeit und Implementierbarkeit unserer Forschung.

Lehrling arbeitet im Rollstuhl

Kontakt

Dr. Urban Schwegler

Leiter Forschungsgruppeurban.schwegler@paraplegie.ch

Forschungsprojekte

Die Schweiz liegt hinsichtlich der Erwerbsquote von Menschen mit Rückenmarksverletzungen mit 61 % zuoberst im internationalen Vergleich. Jedoch liegt diese Erwerbsquote noch immer 20 % unter jener der Allgemeinbevölkerung und ein knappes Fünftel der Betroffenen scheidet nach initialer Rückkehr in den Arbeitsmarkt vor Erreichen des Rentenalters wieder aus dem Erwerbsleben aus. Dies zeigt, dass die Nachhaltigkeit der Arbeitsintegration eine grosse Herausforderung darstellt.

In einem vom Schweizer Nationalfonds geförderten interdisziplinären Forschungsprojekt (Laufzeit 2023-2027) wollen wir die Determinanten nachhaltiger Arbeit von Menschen mit Rückenmarksverletzungen über die Lebensspanne bis hin zum Rentenalter ermitteln. Dazu verknüpfen wir Daten der Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen (SwiSCI) mit neu erhobenen Daten aus Lebensläufen von Betroffenen und biographischen Interviews mit ihnen. Diese analysieren wir mit modernsten methodischen Ansätzen aus der Life-Course-Epidemiologie.

Aus dem gewonnenen Wissen entsteht eine Guideline. Sie ermöglicht den Fachleuten der beruflichen Eingliederung, die Betroffenen nicht nur bei ihrer Rückkehr zur Arbeit bestmöglich zu unterstützen, sondern auch bei der langfristigen Aufrechterhaltung einer stabilen Arbeitssituation bis hin zum Rentenalter. Die direkte Einbindung aller Institutionen, die sich am Campus Nottwil mit beruflicher Eingliederung auseinandersetzen, sowie eines Panels bestehend aus Menschen mit Rückenmarksverletzungen, sichert die Implementierbarkeit der Guideline.

Job Matching beschreibt die Herstellung der bestmöglichen Passung zwischen den Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen einer Person mit den Anforderungen ihres Jobs. Sie bildet einen Kernindikator für die nachhaltige Arbeitsintegration von Menschen mit einer Behinderung.

In einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt (Laufzeit 2014-2018 und 2019-2022) entwickelten wir in enger Zusammenarbeit mit ParaWork am Schweizer Paraplegiker-Zentrum ein webbasiertes Job-Matching-Tool für die berufliche Integration von Menschen mit Rückenmarksverletzungen. Das Tool besteht aus standardisierten Profilen der Anforderungen aller Berufe im Schweizer Arbeitsmarkt. Es erleichtert sowohl die Wiedereingliederung beim bisherigen oder einem neuen Arbeitgeber als auch die Wahl individuell passender Berufe für eine erstmalige Ausbildung oder eine Umschulung.

Das Tool unterstützt eine individualisierte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Arbeitsintegration und begünstigt so den Langzeiterfolg beruflicher Eingliederungsangebote. Es erlaubt ein transparentes Monitoring des Eingliederungsprozesses und erleichtert damit die Kommunikation zwischen den involvierten Parteien.

Da das Tool auf standardisierten Berufsinformationen basiert, ist es für die berufliche Integration von Menschen mit unterschiedlichsten Arten von Behinderungen anwendbar. Daher ist es auch im Gespräch für eine künftige Implementierung bei den kantonalen IV-Stellen. Eine Arbeitsgruppe des Bundesamts für Sozialversicherungen benutzt es zudem für die Ausarbeitung einer neuen Methode zur Einschätzung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit und zur bedarfsgerechten Berechnung von IV-Renten. Zudem sind weitere Einsatzgebiete in den Bereichen Stellenakquise und Berufsberatung für Schulabgänger in Abklärung.

Die Wiedereingliederung in eine passende Tätigkeit ist ein Kernziel der Rehabilitation von Menschen mit neurologischen Beeinträchtigungen. Dennoch scheiden viele Betroffene, die den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben schaffen, vor ihrer offiziellen Berentung wieder aus dem Arbeitsmarkt aus. Über die Gründe dafür ist wenig bekannt.

Am Beispiel von Menschen mit Rückenmarks- und Hirnverletzungen gingen wir in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt der Frage nach, welche Faktoren förderlich oder hinderlich sind für eine dauerhafte Erwerbstätigkeit von Personen mit neurologischen Beeinträchtigungen. Dabei führten wir ein Scoping Review der Literatur, eine quantitative Längsschnittstudie sowie Interviews mit Betroffenen, Arbeitgebenden und Fachleuten der Gesundheit und beruflichen Integration durch.

Die Ergebnisse zeigen, dass personenbezogene (z. B. Bewusstsein hinsichtlich der mit der eigenen Behinderung verbundenen Einschränkungen), umweltbezogene (z. B. Einstellung des Arbeitgebers oder Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit) wie auch gesundheitsbezogene Aspekte (z. B. Unvorhersehbarkeit von sekundären Gesundheitsproblematiken) zentral sind für nachhaltiges Arbeiten. Grössere Baustellen zeigen sich bei den beruflichen Unterstützungsangeboten (Fragmentierung, Schnittstellen und fehlendes Langzeit-Case Management) und die unzureichenden Karrieremöglichkeiten für die Betroffenen im leistungsorientierten Schweizer Arbeitsmarkt.

In einem Folgeprojekt, für das wir Unterstützung beim Schweizerischen Nationalfonds beantragten, soll gemeinsam mit einem interdisziplinären Expertenteam ein Idealmodell für eine Angebotskette zur bestmöglichen Förderung nachhaltiger Integration von Menschen mit Hirnverletzungen über die Lebensspanne entwickelt werden. Inspiriert ist das Projekt vom umfassenden Eingliederungskonzept für Personen mit Rückenmarksverletzungen am Campus Nottwil.

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum bietet eine umfassende Palette an stationären, ambulanten und Coaching-Angeboten an, die Menschen mit Rückenmarksverletzungen bei der Rückkehr in den Arbeitsprozess unterstützen. Ziel der Angebote von ParaWork ist es, die Betroffenen nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren – das heisst, für sie eine individuell passende Tätigkeit zu finden, die es ihnen erlaubt, auf Dauer zufrieden und produktiv im Arbeitsprozess zu verbleiben, ohne sich dabei gesundheitlich zu überlasten. Aktuell besteht aber nur wenig Evidenz zur Wirksamkeit spezialisierter und integrierter Eingliederungsangebote für Menschen mit Rückenmarksverletzungen.

Die ParaWork-Begleitevaluation widmet sich daher der Frage, wie gut ein solches Eingliederungskonzept die nachhaltige Integration fördert – einerseits im Vergleich zu herkömmlichen Eingliederungsangeboten der IV, andererseits verglichen mit früheren Angeboten am Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Zudem untersuchen wir, für welche Personengruppen die ParaWork-Angebote besonders erfolgreich sind und welche Faktoren primär zum Erfolg beitragen. Dazu führen wir eine prospektive Längsschnittstudie durch, bei der alle ParaWork-Klient*innen bis zu drei Jahre nach Abschluss ihrer Eingliederung zu den zentralen Indikatoren nachhaltiger Integration befragt werden. Die gewonnen Informationen verknüpfen wir mit Daten aus der SwiSCI-Bevölkerungsumfrage.

Die Studie generiert nicht nur Evidenz zur Wirksamkeit der ParaWork-Angebote, sondern auch eine wissenschaftliche Basis zur kontinuierlichen Optimierung von Eingliederungsleistungen im Hinblick auf eine nachhaltige Integration von Menschen mit Rückenmarksverletzungen. Weiter können durch die Follow-up-Erhebungen nachhaltigkeitsgefährdende Situationen zeitnah erkannt werden. Als erstes Projekt, das die Nachhaltigkeit beruflicher Integrationsangebote evaluiert, hat die Studie Leuchtturmcharakter für die Eingliederungslandschaft Schweiz.

Die Gruppe Work and Integration der Schweizer Paraplegiker-Forschung

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