Nadja Bianda in ihrem Atelier in Sursee.

Peer Counsellor am Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Nach einem Sturz mit dem Motorrad sitzt Nadia Bianda im Rollstuhl. Manchmal hadert sie auch heute mit ihrem Schicksal, doch sie lässt sich nicht unterkriegen. Als Peer-Counsellor am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ)  möchte sie anderen Mut machen, die ähnliches durchleben. Sie ist ein Energiebündel, das keine Hindernisse kennt.

 

Text: Peter Birrer
Bilder: Beatrice Felder

 

Nadia Bianda Peer Counsellor Schweizer Paraplegiker Zentrum

Nadia Bianda ist Peer Counsellor, führt Besuchergruppen durch die Klinik und verbreitet ansteckenden Optimismus.

    • Was ist das Besondere an deiner Tätigkeit? Das Besondere an meiner Tätigkeit ist die Kommunikation mit den Peers.

    • Was sind die Herausforderungen bei deiner Tätigkeit? Die Herausforderung für mich ist, auf die Leute einzugehen.

    • Warum hat es dich heute gebraucht? Auf Italienisch sagt man «tutti hanno il diritto di avere un punto di riferimento». Im Leben brauchen wir immer einen Stützpunkt um die Orientierung nicht zu verlieren. Vor allem, weil es schwer ist, die neue physische und psychische Situation zu akzeptieren und zu lernen damit umzugehen. Mich hat es heute gebraucht, weil ich einen Stützpunkt für andere mit dem gleichen Schicksal bin.

Diese Frau macht den Eindruck, als liesse sie sich von nichts aufhalten. Manchmal quält sie die Frage, warum das Schicksal sie so hart getroffen hat, warum dieser Sturz mit dem Motorrad nicht zu vermeiden war. Aber dann sagt sie: «Wut bringt nichts. Man muss lernen, mit dem Schicksal umzugehen.» Sie heisst Nadia Bianda, aber alle nennen sie Giordi, ein 49-jähriges Energiebündel, das am Schweizer Paraplegiker Zentrum (SPZ) seit Oktober als Peer-Counsellor angestellt ist und sich vor allem um die Italienisch sprechenden Patienten kümmert. Sie hört zu und macht ihnen Mut, sie beantwortet Fragen und kennt keine Tabus, weil sie ihre eigene Erfahrung einbringen kann. «Es ist wichtig, alles anzusprechen, wir können über viele Themen auch lachen», sagt sie und nennt als Beispiel die Darm- und Blasenentleerung, die viele Querschnittgelähmte belastet: «Ich musste selber lernen, das alles in den Griff zu bekommen.» Neben ihrer Rolle als Peer übernimmt Giordi am SPZ die Besucherführungen auf Italienisch.

«Man sollte zufrieden sein mit dem, was man hat, und nicht bedauern, was man nicht hat.»

Sprache als Heimat

Nadia Bianda stammt aus Prugiasco, einem Dorf im Bleniotal. Sie wächst mit ihrer Zwillingsschwester Solidea auf, und die Eltern rufen sie bald Giordana, kurz: Giordi, weil in Prugiasco auch andere Kinder Nadia heissen. Giordi ist ein Wirbelwind, neugierig, abenteuerlustig, furchtlos. Am Tag vor dem zwanzigsten Geburtstag setzt sie sich auf den Sozius des Motorrads ihres Freundes. Beim Ausflug in die Deutschschweiz kommen sie zu Fall, Giordi erleidet schwere Verletzungen. Die Diagnose: inkomplette Paraplegie. Sie wird in St. Gallen operiert, dann in Luzern, wo Brüche im Sakralbereich festgestellt werden, im Berner Inselspital folgen weitere Eingriffe. Sie leidet. Bis sie nach drei Jahren vom SPZ erfährt. Mit 23 Jahren kommt sie nach Nottwil und fühlt sich rasch bestens betreut und aufgehoben. 1994 kehrt Giordi ins Tessin zurück, heiratet, und gebärt 2000 eine Tochter – ein Traum geht in Erfüllung. 2011 zieht sie in die Deutschschweiz, nach Geuensee. Weil sie ihre Muttersprachevermisst, fährt sie an vielen Abenden ans SPZ, um mit Patienten aus dem Tessin zu essen und zu plaudern. «Da habe ich mich daheim gefühlt», sagt sie. So entsteht die Idee, zur Ansprechperson für Patienten aus der Südschweiz zu werden.

Giordi will ein Beispiel sein

Nadia Bianda plagt oft ein brennender Schmerz. Sie entdeckt, dass er mit Malen gelindert werden kann. Aus dieser Therapieform wird ein Hobby, eine Leidenschaft und schliesslich ein Beruf. Wenn sie ihre Kreativität auslebt, bewege sie sich in einer anderen Welt, sagt sie. Sie lernt bei Fausto Corda, einem Schüler der italienischen Brera Kunstakademie. Heute gibt sie ihr Können im eigenen Atelier in Sursee an zwei Nachmittagen pro Woche weiter und ermutigt Anfänger und Fortgeschrittene, ihre Gefühle künstlerisch auszudrücken.

Ihren Optimismus hat Nadia Bianda geerbt. «Mein Vater hatte keine einfache Jugend», erzählt sie, «aber er hätte nie geklagt.» Auf einmal kullern Tränen über ihre Wangen. «Er hat mir immer gesagt: Giordi, fahr niemals Motorrad. Ich habe es trotzdem getan – und ihn enttäuscht.» Aber sie hat sich zurückgekämpft. Sie ist eine Persönlichkeit geworden, die ein Beispiel sein will für Menschen mit ähnlichem Handicap und sich mit aller Energie für Menschen mit Behinderungen einsetzt. «Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter», lautet einer ihrer Leitsprüche. Und: «Man sollte zufrieden sein mit dem, was man hat, und nicht bedauern, was man nicht hat.» Diese Haltung verleiht ihr die Kraft, Hindernisse zu überwinden – wörtlich und im übertragenen Sinn. Jetzt funkeln Giordis Augen wieder. Nein, diese Frau lässt sich nicht aufhalten.

Weitere Peer Counsellor und ihre Schwierigkeiten im Alltag

  • <p><strong>Gabriela Bühler</strong></p>

<p>Wo gibt es die grössten Missverständnisse mit Fussgängern? «Ich begrüsse Hilfe, wenn ich um Hilfe ersuche. Oder wenn man mich fragt, ob man helfen kann. Ungefragt meinen Rollstuhl zu schieben ist, als ob man mich schubsen würde und kann sogar gefährlich werden. Auf überraschendes Schieben kann ich erschrecken und im schlimmsten Fall aus dem Rollstuhl fallen.»</p>
  • <p><strong>Alexandra Burkart</strong></p>

<p>Was stört Sie am meisten im Umgang mit Ihnen als Paar? «Es stört mich immer wieder, wenn mein im Rollstuhl sitzender Mann im Restaurant einfach übergangen wird und ich gefragt werde, was ‹er› denn wohl essen wolle.»</p>
  • <p><strong>Tim Shelton</strong></p>

<p>Was ist die grösste Einschränkung in Ihrem Alltag? «Chronische Schmerzen in den empfindungslosen, gelähmten Gliedmassen stehen an erster Stelle der Einschränkungen, mit denen wir Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben. Noch vor dem nicht mehr Gehenkönnen. Die Nervenfasern zum Gehirn sind auf einer bestimmten Höhe durchtrennt und senden keine oder sich widersprechende Informationen ans Grosshirn. Dieses versucht, die fehlenden Informationen zu ergänzen, was nicht gelingt. Diesen Schmerzen ist oft schwer beizukommen.»</p>

Gabriela Bühler

Wo gibt es die grössten Missverständnisse mit Fussgängern? «Ich begrüsse Hilfe, wenn ich um Hilfe ersuche. Oder wenn man mich fragt, ob man helfen kann. Ungefragt meinen Rollstuhl zu schieben ist, als ob man mich schubsen würde und kann sogar gefährlich werden. Auf überraschendes Schieben kann ich erschrecken und im schlimmsten Fall aus dem Rollstuhl fallen.»

Alexandra Burkart

Was stört Sie am meisten im Umgang mit Ihnen als Paar? «Es stört mich immer wieder, wenn mein im Rollstuhl sitzender Mann im Restaurant einfach übergangen wird und ich gefragt werde, was ‹er› denn wohl essen wolle.»

Tim Shelton

Was ist die grösste Einschränkung in Ihrem Alltag? «Chronische Schmerzen in den empfindungslosen, gelähmten Gliedmassen stehen an erster Stelle der Einschränkungen, mit denen wir Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben. Noch vor dem nicht mehr Gehenkönnen. Die Nervenfasern zum Gehirn sind auf einer bestimmten Höhe durchtrennt und senden keine oder sich widersprechende Informationen ans Grosshirn. Dieses versucht, die fehlenden Informationen zu ergänzen, was nicht gelingt. Diesen Schmerzen ist oft schwer beizukommen.»

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