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«Kommunikation ist mehr als Sprechen»

Ein Praxisbeispiel anhand von Nike

Mithilfe von Unterstützter Kommunikation (UK) können Menschen, die sich aufgrund einer Beeinträchtigung nicht oder nur eingeschränkt mit ihrem Umfeld verständigen können, ihre Kommunikation erheblich verbessern. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, wie sich der Prozess der Hilfsmittelversorgung gestaltet und wie involvierte Personen zusammenarbeiten.

Autoren: Ana Holenstein-Wyrsch (Logopädin) und Rahel Wälti (Beraterin AC)

Beitrag erschienen: Exma INFO, Fachzeitschrift für Hilfsmittel 2/2019

Manche Menschen haben angeborene oder erworbene Beeinträchtigungen und sind in der Kommunikation eingeschränkt. Sind sie im Sinne der Invalidenversicherung (IV) «sprech- und schreibbehindert», haben sie in der Schweiz Anrecht auf eine Unterstützung durch assistierende Technologien. Dies sind Kommunikationshilfsmittel wie zum Beispiel elektronische Kommunikationshilfen und -bücher, iPads und Tablets mit Kommunikationsapps oder Sprechtasten.

Die Active Communication AG (AC) berät Kunden und versorgt sie mit elektronischen Hilfsmitteln. Ziel der Beratung ist es, ein individuelles, multimodales und zukunftsgerichtetes Kommunikationssystem zu finden, durch das eine Person mit anderen kommunizieren kann.

Nike, ein Praxisbeispiel

Nike wurde 2013 geboren und leidet am Cohen-Syndrom, einer seltenen genetischen Entwicklungsstörung. Mit ihren Eltern lebt Nike in Bern und besucht dort die Heilpädagogische Schule. Ihre Logopädin hat das Mädchen kurz nach dem Schuleintritt bei der Invalidenversicherung (IV) für eine Abklärung für ein Hilfsmittel zur Unterstützten Kommunikation angemeldet.

Mit ausgewählten Hilfsmitteln schon von klein auf fördern

Nachdem die IV den Abklärungsauftrag erteilte, evaluierte AC Nikes aktuelle kommunikative und persönliche Situation umfassend vor Ort. Schon während der Beratung hat das Mädchen motivierende Interaktionsspiele mit verschiedenen Kommunikationsapps ausprobiert. Es zeichnete sich schnell ab, dass Nike mit einer Kommunikationshilfe mehr Spass und Kompetenz beim Kommunizieren zeigt. Danach haben Familie und Fachpersonen ein passendes Kommunikationssystem ausgewählt und Ziele formuliert. Nach der positiven Verfügung durch die IV hat AC das Hilfsmittel bestellt und an Nikes Bedürfnisse angepasst.

Nike erhielt ein iPad mit den Kommunikationsapps MetaTalk, GoTalkNow und NikiDiary; eine Beraterin von AC führte nach der Auslieferung das  Gebrauchstraining (technische und didaktische Schulung) mit ihr und ihrem Umfeld durch. Ihre Bezugspersonen haben den Wortschatz der App zuerst kennengelernt und Nike gezeigt, wie sie damit kommuniziert. Die Beraterin schulte zudem alle Bezugspersonen im Programmieren des Hilfsmittels.

Spass ist wichtig für erfolgreiches Kommunizieren

Nike steht noch ganz am Anfang, doch sie übt fleissig, auf dem iPad das Wischen durch Tippen zu ersetzen. In ihrem Alltag bieten sich viele Übungssituationen an. So hat sie bereits gelernt, mit der App GoTalkNow nach mehr Essen zu verlangen. Im Kindergarten und in der Logopädie beteiligt sie sich aufmerksam und motiviert an Interaktionsspielen. Sie tippt zum Beispiel auf «kitzle mich» und wird gekitzelt, was sie super findet. Ein Highlight für Nike sind die Videos aus dem Kindergartenalltag in ihrem NikiDiary. Sie kann damit aus ihrem Alltag berichten. Sehr wichtig ist das Modelling. Das heisst, die Bezugspersonen kommentieren mit der Kommunikationshilfe den Alltag oder erzählen kleine Sequenzen. Das Modelling geschieht ohne Erwartungen. So hat Nike Spass und lernt ganz  nebenbei, dass sie dank dem Hilfsmittel kommunizieren kann und verstanden wird.

Am Anfang braucht es viel Zeit, den Wortschatz an die individuellen  Bedürfnisse der nutzenden Personen anzupassen. Einige können bereits nach der Probephase ihre Geräte selbst bedienen, andere muss man sehr lange unterstützen. Nach erfolgreich ausgeführter Hilfsmittelabgabe erstellt die Fachperson von AC einen Schlussbericht zuhanden der IV. Danach überträgt die IV-Stelle das Hilfsmittel leihweise der versicherten Person.

Ein gutes Zeichen: Nike ist interessiert am Kommunizieren

Nikes Eltern und ihre Logopädin sind froh, dass das Mädchen so positiv auf das iPad reagiert. Nach einem Jahr Förderung kann Nike einige Kommunikationssteuernde wichtige Aussagen selbstständig machen: «fertig», «helfen», «ich möchte spielen, essen» usw. Ebenso beteiligt sie sich aktiv am Kommentieren und Erzählen durch Tippen auf entsprechende Wörter. Für die Zukunft erhoffen sich alle, dass Nike lernt, mit dem iPad eigene Wünsche, Ideen und Gefühle auszudrücken und langfristig selbstständig zu kommunizieren.

Eine UK-Hilfsmittelversorgung ist in der Regel ein langer, fortlaufender Prozess. Erst ein funktionierendes Teamwork ermöglicht eine gelingende Kommunikation. Nur wenn das ganze Umfeld überzeugt mitarbeitet und unterstützt, wird Nike weitere Fortschritte machen und das Ziel erreichen, selbstständig frei zu kommunizieren.

Hilfsmittelversorgung für assistive Technologien

Active Communication ist ein Unternehmen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und spezialisiert auf Hilfsmittelversorgung für assistive Technologien. Bereits seit 20 Jahren verhilft AC Menschen mit einer motorischen oder kognitiven Beeinträchtigung oder neurologischen Erkrankung zu einer Stimme, Computerzugang, mehr Selbstständigkeit und Teilhabe.

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