Simulationszentrum Sirmed

Rettungsmedizin – Wir alle können Leben retten

In einer Notfallsituation zählt jede Sekunde. Deshalb umfasst das Ausbildungsangebot am Schweizer Institut für Rettungsmedizin in Nottwil nicht nur Schulungen für professionelle Einsatzkräfte, sondern auch ein breites Programm für Ersthelfende.

 

Text: Stefan Kaiser
Bilder: Walter Eggenberger, Beatrice Felder

 

Am Samstagmorgen kam es auf der B27 zu einem schweren Verkehrsunfall. Dabei wurde eine 45-jährige Frau lebensbedrohlich verletzt, eine weitere Person schwer. Die Feuerwehr war mit zwanzig Helfern im Einsatz. («Schaffhauser Nachrichten», Feb. 2019)

 

Es passiert rasend schnell. Von einem Augenblick auf den nächsten gerät man in eine Notfallsituation. Sei es als Betroffene oder als Helfende. «Kürzlich fuhr ich auf der Autobahn an eine Situation heran, bei der ein Mensch auf der Strasse lag», erzählt Anja Oehen. «Die anderen Wagen sind einfach vorbeigefahren.» In solchen Momenten sind viele von uns hilflos und überfordert, nicht nur die Person am Boden. Der Autofahrer auf dem Pannenstreifen hatte Glück. Anja Oehen leitet den Bereich Erste Hilfe am Schweizer Institut für Rettungsmedizin Sirmed und konnte den medizinisch harmlosen Fall rasch klären.

Die Notfall-Expertin kennt aber auch andere Situationen: «Manchmal stehen ganz viele Leute herum, und keiner traut sich zu helfen.» Die Angst, man könnte etwas falsch machen, blockiert das eigene Handeln und lähmt den gesunden Menschenverstand. In der Öffentlichkeit hat man also nicht zwingend grössere Chancen auf Erste Hilfe. Helge Regener, Geschäftsführer von Sirmed dazu: «Aus der Altruismusforschung wissen wir, dass mit der Anzahl der Beobachter die Hilfsbereitschaft des Einzelnen abnimmt: Jeder denkt, der andere kümmere sich um den Fall. Man spricht von «Verantwortungsdiffusion».» Ergreift aber jemand die Initiative, ist die ganze Gruppe wie verwandelt und organisiert die Hilfe im Nu. Die Rettungsdienste erleben häufig, dass bei ihrem Eintreffen bereits Massnahmen durch Ersthelfer stattfinden – spontan oder angeleitet durch die Notrufzentralen.

«Aber was ist, wenn es die Liebsten zu Hause trifft und man tatenlos zusehen muss?», fragt Oehen. «Diese Vorstellung ist einfach grässlich.»

Die Rettungskette im Ereignisfall

Die Rettungskette: Ersthelfer schaffen im Ereignisfall die Grundlagen für eine optimale Patientenversorgung – damit die Massnahmen der Rettungsdienste und die Behandlung im Spital Aussicht auf Erfolg haben.

Erste Hilfe ist nicht schwierig

Verkehrsunfälle dominieren unsere Schlagzeilen. Die häufigste Todesursache aber sind Herz-Kreislauf-Probleme. Rund 30 000 Menschen pro Jahr erleiden in der Schweiz einen akuten Herzinfarkt, bei 8000 kommt es zum Kreislaufstillstand. Häufig passieren die Notfälle zu Hause. «Das müsste einem doch genügend Motivation geben, sich die einfachen Handgriffe der Ersten Hilfe anzueignen», meint die Sirmed-Expertin.

Wenn die lebensrettenden Basismassnahmen bereits in den ersten drei bis fünf Minuten nach einem Kreislaufstillstand beginnen, hat ein Betroffener eine gute Überlebenschance von über fünfzig Prozent. Innerhalb dieser kritischen Zeitspanne erreichen professionelle Rettungsdienste jedoch nur selten den Einsatzort. Umso wichtiger ist es, dass anwesende Laien sofort loslegen können. Deshalb «sollte jeder seine Erste-Hilfe-Fähigkeiten regelmässig trainieren. Damit hätten wir viel erreicht», betont der Geschäftsführer von Sirmed, Helge Regener.

Anja Oehen ist immer wieder erstaunt, wie viele Menschen sagen, sie hätten ihren letzten Nothelferkurs vor vielen Jahren für die Fahrprüfung gemacht – und dabei verpasst, dass in der Zwischenzeit alles viel einfacher geworden ist. Das betrifft nicht nur die Erste Hilfe. Berührungsängste sind auch gegenüber den automatisierten externen Defibrillatoren (AED) an öffentlichen Plätzen oder in Unternehmen fehl am Platz. Diese Geräte sind so einfach zu bedienen und haben so hohe Sicherheitsschranken eingebaut, dass man kaum noch etwas falsch machen kann.

«In anderen Ländern ist Erste Hilfe bereits in der Schule ein Thema», Anja Oehen.

Von Laien bis Firmenkunden

Mit einem breiten Kursprogramm bringt Sirmed das Wissen und Können von Ersthelfern auf den neuesten Stand. So haben alle Teilnehmenden die Sicherheit, dass sie in einem Notfall von Anfang an das Richtige tun. Mit zwei, drei Schlüsseln zum Erfolg bekommen die Teilnehmenden die Zuversicht, mit hoher Wahrscheinlichkeit Gutes bewirken zu können. «Man muss ihnen aber auch den Respekt vor Dingen mitgeben, die schieflaufen könnten – etwa das Absichern einer Unfallstelle», sagt Helge Regener.

Rund siebzig Prozent der Erste-Hilfe-Kurse finden in der ganzen Schweiz statt, in verschiedenen Sprachen und Formaten. Neben Individualpersonen und Gruppen betreut Anja Oehen auch Firmenkunden. Sie entwickelt individuell zugeschnittene Angebote, damit jedes Unternehmen seiner gesetzlichen Vorschrift zur Mitarbeitersicherheit nachkommen kann. Oft finden diese Firmenkurse direkt vor Ort bei den Kunden statt. Sie sind nicht zuletzt auch eine wertvolle Teambildungsmassnahme und Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden.

Wir alle können Erste Hilfe leisten. «Nichtstun ist in vielen Fällen der grösste Fehler», sagt Oehen. Die Expertin würde es begrüssen, wenn die Politik sich stärker dafür einsetzt, dass jeder seine Kompetenz von Zeit zu Zeit auffrischt. «In anderen Ländern ist das selbstverständlich. Dort ist Erste Hilfe bereits in der Schule ein Thema.» In der Schweiz wurde dieser Punkt bei der Gestaltung des Lehrplans 21 nicht aufgenommen. Dazu kommt, dass jedes Jahr etwa 85 000 Führerausweise beantragt werden, wofür es einen Nothelferkurs braucht, und rund 60 000 Personen besuchen einen Reanimationskurs. Diese Anzahl müsste sicher steigen.

Anja Oehen, Bereichsleiterin Erste Hilfe Sirmed
Helge Regener, Geschäftsführer Sirmed

Höhere Patientensicherheit

Am Schweizer Institut für Rettungsmedizin in Nottwil ist Erste Hilfe einer von drei Geschäftsbereichen, welche die gesamte Rettungskette abdecken (vgl. Grafik). Der zweite Bereich umfasst eine höhere Fachschule für die Berufsausbildung von Transport- und Rettungssanitätern. Und der Bereich Continuous Medical Education (CME) widmet sich der Weiterbildung von Fachleuten der Notfall- und Akutmedizin. Praxisorientierte Trainings, Wissensvermittlung und Simulationstechnik stehen im Dienst eines gesteigerten Qualitätsbewusstseins im Gesundheitswesen.

Der Bereich CME schliesst eine Lücke in der medizinischen Grundausbildung. Unsere Patientenversorgung geschieht nämlich in einem System, in dem Fachleute verschiedenster Bereiche eng zusammenarbeiten müssen, doch in der Ausbildung sind Zusammenarbeit und Teamprozesse kaum ein Thema. «Jede Berufsgruppe bildet unabhängig von allen anderen aus», sagt CME Bereichsleiter Kai Kranz, «und man nimmt an, dass die Fachleute sich dann in der Praxis schon irgendwie finden werden.» Studien belegen das Gegenteil: Schlechte Teamarbeit führt zu höheren Fehlerraten und dadurch auch zu mehr Todesfällen. Dagegen machen Teams, die hinsichtlich Zusammenarbeit speziell trainiert sind, bei der Versorgung von Patienten deutlich weniger Fehler.

Grafik Nichtberufsunfälle in der Schweiz

Zusammenarbeit muss man lernen

«Die Verantwortlichen müssen erkennen, dass man die interprofessionelle Zusammenarbeit als eigenes Thema lernen muss», sagt Kranz. Sein oberstes Ziel ist eine höhere Patientensicherheit. Um die Teamarbeit noch besser zu schulen, hat Sirmed im Herbst 2018 in Nottwil ein Simulationszentrum in Betrieb genommen, in dem ein breites Spektrum an Szenarien durchgespielt werden kann.

Das neueste CME-Angebot erinnert nicht zufällig an die Simulatoren, mit der in der Luftfahrt die Qualität der Arbeit im Cockpit verbessert wird: Hochleistungssysteme benötigen eine sehr hohe Zuverlässigkeit: «Zwischen Erfolg und Katastrophe hat es nicht viel Platz», sagt Kranz. «Deshalb fördern wir die Denkweise, dass die Arbeit im Spital als Hochzuverlässigkeits-Job angesehen wird. Für ein ‹Wird-schon-gut-gehen› hat es da keinen Platz.» Ein klassisches Schulbeispiel sind die Hierarchien, die im Gesundheitswesen noch immer sehr ausgeprägt sind. Welcher junge Assistent korrigiert schon den erfahrenen Operateur, wenn dieser im OP eine falsche Einschätzung trifft? Hierarchien können Hemmungen auslösen, die für die Patienten negative Folgen haben. Im Spitalbetrieb finden sich solche Konstellationen querbeet. Auf allen Stufen, in allen Bereichen.

Kai Kranz, Bereichsleiter CME Sirmed
Continuous Medical Education - Weiterbildung Sirmed

«Zwischen Erfolg und Katastrophe hat es nicht viel Platz», Kai Kranz.

Keine Zufälle

In einer Hochzuverlässigkeitsbranche darf die Sicherheit nicht dem Zufall überlassen werden, sagt Bereichsleiter Kranz: «Wir wollen eine Strategie implementieren, die das Risiko eines schlimmen Fehlers möglichst klein hält.» Ein Team kann zufällig gut oder zufällig weniger gut funktionieren. Um das Gute zu wiederholen und aus Fehlern zu lernen, muss es festhalten, weshalb ein Einsatz auf eine bestimmte Weise abgelaufen ist. Daher verknüpfen die CME-Trainings die fachliche Weiterbildung mit teamrelevanten Aspekten und «human factors», persönlichen Limitierungen der Teilnehmenden.

«Viele Probleme wären schon gelöst, wenn man sich als Team die Frage stellt: Mit welchen der verfügbaren Ressourcen können wir dem Patienten Gutes tun?», sagt Kai Kranz. Steht der Patientennutzen auf diese Weise im Zentrum, stehen die beteiligten Personen mit ihren Egos automatisch im Hintergrund. Und damit spielen auch Beziehungen und Hierarchien im Team keine störende Rolle mehr. Über 80000 Personen haben bereits Bildungsangebote von Sirmed wahrgenommen. Sie alle wissen: Eine Notfallsituation kann jeden treffen. Und jeder kann sich darauf vorbereiten.

Der Fokus von Sirmed liegt auf Ereignissen, bei denen die Prävention versagt hat. «In unseren Kursen und Veranstaltungen bekommen die beeinflussbaren Risikofaktoren dennoch Platz: Wir zeigen den Teilnehmenden, dass vieles, das vorhersehbar ist, auch vermeidbar wäre», so Helge Regener. Der Geschäftsführer von Sirmed sagt mit guten Gewissens: «Unsere Aufgabe besteht darin, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wir tragen einen kleinen Teil zu den grossen Zielen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und der Rega bei. Das steht auch in unserer Vision: Dass jeder Mensch in einer Notfallsituation die bestmögliche Versorgung bekommt. Wenn wir das in der Schweiz nicht hinbekommen, wo dann?».

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