International FES Centre - Zentrum für funktionelle Elektrostimulation

International FES Centre®

International FES Centre® - Funktionelle Elektrostimulation

2018 eröffneten wir das International FES Centre® für stationäre und ambulante Patientinnen und Patienten im Bereich der neurologischen und muskuloskeletalen Rehabilitation. 

  • Datum: 18. + 19. November 2022

    Kursleitung / Referenten:
    Dr. Ines Bersch-Porada, Leiterin International FES Centre® im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil
    Prof. i.R. DDr. Winfried Mayr, Associate Professor, Medizinische Universität Wien, Center for Medical Physics and Biomedical Engineering
    Thomas Schick MSc, Neurorehabilitation, FES-Lecturer and Book Editor

    Zielpublikum:
    - Ärzt*innen, die im Bereich Neurologie, Pneumologie, Rehabilitation und Oto-Rhino-Laryngologie tätig sind

    Physio- und Ergotherapeut*innen sowie Logopäd*innen, die in der Klinik und Praxis Patient*innen behandeln mit Störung von Atmung, Schlucken und Mimik, verursacht durch neurologische Erkrankungen oder Infekte

    Kurssprache: Englisch

    Credits: SGPMR-Credits werden beantragt

    Weitere Informationen finden Sie hier...

    Anmeldung: Bitte benützen Sie für die Anmeldung ausschliesslich die Online-Anmeldung.

    Auskünfte
    Schweizer Paraplegiker-Zentrum
    Sekretariat Rehabilitation
    Guido A. Zäch Strasse 1
    CH-6207 Nottwil

    Telefon        +41 41 939 55 76
    e-Mail           rehabilitation@paraplegie.ch

    Flyer Kurs Elektrostimulation

    Kursleitung / Referenten (v.l.n.r.):
    Prof. i.R. DDr. Winfried Mayr, Dr. Ines Bersch-Porada, Thomas Schick

Behandlung

Die Funktionelle Elektrostimulation (FES) wurde 1992 am SPZ als Behandlungsmethode eingeführt. Seitdem ist sie fester Bestandteil in der Rehabilitation von stationären als auch ambulanten Patientinnen und Patienten. Es werden alle Anforderungen, der funktionellen Elektrostimulation im muskuloskeletalen Bereich, die in den Richtlinien der internationalen Gesellschaft für Funktionelle Elektrostimulation (IFESS) aufgeführt sind, umgesetzt.

Sie umfasst die Integration aller aktuellen Technologien im Bereich der Elektrostimulation. Dies bedeutet die Anwendung der Funktionellen Elektrostimulation (FES), der Neuromuskulären Elektrostimulation (NMES) und der direkten Muskelstimulation. Zudem kommen verschiedene Robotik inkl. Exsoskelette mit integrierter FES zur Anwendung.

Die Kombinationsbehandlung von klassischen therapeutischen Behandlungstechniken mit gleichzeitiger Elektrostimulation erfolgt unter Einbindung der Standards der Internationalen Gesellschaft für Funktionelle Elektrostimulation (IFESS).

Es werden folgende Behandlungsfelder der Elektrostimulation angeboten:

Funktionelle Elektrostimulation FES

Was bedeutet „funktionelle Elektrostimulation“?

Die FES ist eine Behandlungsmethode, welche mit elektrischen Impulsen anstelle von Nervenreizen auf Muskeln einwirkt. Die Kontraktion eines oder mehrerer Muskeln ist die Folge. Die Elektrostimulation kann unterstützend wirken, um ein neues funktionelles Gleichgewicht zu erreichen, d. h. Funktionen zu unterstützen oder zu ersetzen.

Bei der Anwendung der Elektrostimulation wird mittels Elektroden, die auf die Haut gelegt werden, ein künstliches elektrisches Feld erzeugt. Unter dem Einfluss dieses elektrischen Feldes wird die Erregung von Nerven- und Muskelgewebe stimuliert, der Muskel kontrahiert sich. Bei Personen mit einer Schädigung des oberen Motoneurons werden mit Elektrostimulation unterhalb der Läsion die Nerven, bei Patienten mit einer Schädigung des unteren Motoneurons direkt die betroffenen Muskeln, stimuliert.

Elektrostimulation gelähmter Muskeln FES

Elektrostimulation gelähmter Muskeln

*akut/subakut 6 Monate, *chronisch 6 Monate nach Verletzung/Erkrankung
# akut/subakut ≤ 2 Jahre, # chronisch ≥ 2 Jahre nach Verletzung/Erkrankung
Quelle: Upper and Lower Motoneuron Lesions in Tetraplegia-Diagnostic and therapeutic Implications of Electrical Stimulation, ISBN 978-91-7833-408-7

Forschung

Forschungsprojekte, die die Evidenz der Methodik weiterhin verbessern und belegen, werden durchgeführt. Es handelt sich um klinisch relevante Studien, die Funktionen und Strukturen von Menschen mit Querschnittlähmungen und neurologischen Erkrankungen unter dem Einfluss der Elektrostimulation untersuchen. Das Ziel der Studien ist es die Relevanz einer Behandlungsmethode zu belegen und langfristig in den Behandlungsstandard zu integrieren. Dies dient zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Querschnittlähmung und neurologischen Erkrankungen, die eine Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit mit sich bringen.

Laufende Studien Funktionelle Elektrostimulation im SPZ

  • Für die funktionelle Verbesserung der oberen Extremitäten liegen wenige Studien vor. In der Rehabilitation von Patienten mit einer Querschnittlähmung, die eine Tetraplegie erlitten haben, ist die FES eine weit verbreitete und viel genutzte Methode, um die Funktionen der Arme und Hände zu verbessern. Die EMG ausgelöste Elektrostimulation wird z.B. zur Verbesserung des motorischen Lernens eingesetzt. Die bereits untersuchten Effekte der FES gewinnen zusätzlich an Bedeutung, wenn man eine rekonstruktive Arm und/oder Handchirurgie bei tetraplegischen Patienten in Betracht zieht. Hierbei wäre es eine Möglichkeit die Spender- und Empfängermuskeln vor und nach der Operation mittels FES zu kräftigen. Besonders nach der Operation ist der Prozess des motorischen Lernens ein Bestandteil der Behandlung. Bislang wurde noch nicht untersucht, ob der gezielte Einsatz der FES vor und nach den rekonstruktiven Operationen das Ergebnis bezüglich Kraft, motorischen Lernens und funktionellem Ergebnis zusätzlich verbessern könnte. Erste klinische Beobachtungen weisen auf einen möglichen positiven Effekt der FES hin. Im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie sollen folgende Punkte untersucht werden:

    • Ob der Einsatz der FES vor und nach der Operation die Kraft des Spender und Empfängermuskels vergrössern kann und somit das Ergebnis bezüglich Kraft und Funktionalität verbessert
    • Ob der Einsatz der FES mit einem EMG getriggerten Stimulator den Prozess des motorischen Lernens nach der OP beschleunigt
    • Wie gross die Zufriedenheit und die Durchführung vom Patienten individuell definierter Alltagsbewegungen ist
    • Ob die FES eine Volumenzunahme der stimulierten Muskeln zur Folge hat
    • Wie die Anwendbarkeit der FES im Verhältnis zum Nutzen in Vor und Nachbehandlung von Seiten des Patienten eingeschätzt wird
  • Wir wollen mit dieser Studie den Effekt von zwei verschiedenen Trainingsarten der gelähmten Beinmuskulatur mit Elektrostimulation auf die körperliche Fitness untersuchen. Dabei soll die Auswirkung eines intensiven, jedoch kurzen Trainings im Vergleich zu einem längeren, jedoch wenig intensiven Trainings der Beinmuskulatur mit Elektrostimulation verglichen werden.

  • Die Studie hat das Ziel, die Wirkung der Elektrostimulation auf das Volumen der Gesässmuskulatur und die Druckverteilung im Sitzen zu untersuchen. Weiter wird anhand eines Fragebogens der Einfluss der Elektrostimulation und der damit einhergehenden möglichen Anpassungen am Gesäss auf ihre Lebensqualität erfasst.

  • In dieser Studie wird der Effekt einer 16-wöchigen Stimulation der Bauchmuskulatur auf die Abführdauer und die Passagezeit untersucht. Dazu werden vier Wochen vor, sowie auch 4 Wochen nach der Elektrostimulationsperiode Kontrolluntersuchungen durchgeführt. Bei Anfang, nach acht Wochen und am Ende der neuromuskulären Elektrostimulationsperiode werden Untersuchungen vorgenommen. Die Probanden führen während der gesamten Studienteilnahme (24 Wochen) ein Protokoll über die Abführzeiten. Bei jedem der fünf Kontrolltermine werden der "International Standards to document remaining Autonomic Function after Spinal Cord Injury" (ISAFSCI), der "Qualiveen Short Form", der "Neurogenic Bowel Dysfunction Score" (NBDS) und der "Mais Test" erhoben. Im Abführprotokoll notieren die Teilnehmer jeweils die Abführzeiten, die Stimulationsdauer sowie die Stuhlkonsistenz gemäss Bristol Stool Form Skala.

    Die Einschlusskriterien lauten wie folgt:

    • Traumatische/nicht-traumatische Querschnittlähmung welche länger als ein Jahr zurückliegt,
    • Läsionshöhe zwischen C2-L5,
    • ASIA A/B/C/D,
    • Mindestalter von 18 Jahren und
    • Bedürfnis die Abführdauer zu reduzieren.

    Die Studienverantwortung liegt bei Dr. Ines Bersch.
    Die Studie dauert voraussichtlich bis zum 31. Dezember 2023.

Lehre

Es besteht ein Angebot aus Fort- und Weiterbildung. Einmal jährlich findet eine zertifizierte 2-tägige Weiterbildung statt. Die Weiterbildung beinhaltet Themen aus dem klinischen und therapeutischen Alltag, in denen die Elektrostimulation zur Anwendung kommt. Der international ausgeschriebene Kurs findet im November jeweils am dritten Freitag und Samstag des Monats statt. Neben dem Erlernen theoretischer Grundlagen und praktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten besteht die Möglichkeit eines internationalen und interprofessionellen Austauschs.

Zusätzlich werden dreimal jährlich 1.5 stündige Webinare, die International FESventures, durchgeführt. Sie finden am frühen Abend statt und dienen als Learningsnacks zu verschiedenen Themen in der Anwendung der FES, NMES und direkten Muskelstimulation.

Anfragen von externen Praxen und Kliniken zu Fortbildungen werden entgegengenommen.

Stationärer Betrieb

Die stationäre Betreuung der Patientinnen und Patienten, welche FES bekommen, wird durch die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten gewährleistet. Unsere Fachspezialistinnen und Therapieexperten im Bereich FES betreuen die behandelten Personen.

Eine weiterführende Behandlung im International FES Centre und die lebenslange Nachsorge sind gewährleistet.

Ambulanter Betrieb

Betreuung aller ambulanten Zuweisungen inkl. Weiterbetreuung.

Ambulante Zuweisungen können in Form von Evaluationen, die die Möglichkeiten der Funktionellen und Neuromuskulären Elektrostimulation sowie direkten Muskelstimulation beurteilen, erfolgen.

Es ist ebenso möglich ambulante physiotherapeutische Behandlungen aus allen Fachbereichen zu erhalten, die mit den verschiedenen Methoden und Technologien der Elektrostimulation kombiniert werden. Dies beinhaltet u.a. verschiedene Fusshebersysteme und Stimulationssysteme für den Arm respektive die Hand.

Die Betreuung aller nachstationären Patientinnen und Patienten mit funktioneller Elektrostimulation auf Rezeptbasis und Abonnementsystem wird angeboten.

Es besteht zusätzlich das Angebot für Personen aus dem Ausland im International FES Centre Abklärungen bezüglich Stimulationsmöglichkeiten durchführen zu lassen. Diese 3 stündige Abklärung umfasst Diagnostik, Behandlung und die Testung verschiedener Systeme der Elektrostimulation.

  • Ärztetarif

    Das Angebot der ambulanten Sprechstunde wird durch einen Arzt und eine FES-Therapeutin abgedeckt. Ziel dieser Sprechstunden ist es, im interdisziplinären Team komplexe Patientensituationen befunden und austesten zu können. Diese Leistung wird mit folgenden Tarmed Positionen abgerechnet:

    • Konsilium (bei externem Zuweiser für die Erstbefundung à Tarif höher)
    • Arztkonsultation/Verlaufskontrolle (Interner Zuweiser)
    • Ärztliche Leistung in Abwesenheit des Patienten
    • Abrechnung Arztberichte nach Vorgaben Tarmed

    Paramedizinischer Tarif

    Es wird eine Verordnung für ambulante Physiotherapie benötigt, über welche die Behandlung abgerechnet werden kann. Die Abrechnung läuft über einen Physiotherapietarif mit Zusatz Erstbehandlung bei der ersten Konsultation.

    Es wird eine Verordnung für ambulante Ergotherapie benötigt, über welche die Behandlung abgerechnet werden kann. Die Abrechnung läuft über einen Ergotherapietarif in Anwesenheit des Patienten und Tarif 7602 in Abwesenheit des Patienten.

    FES-Geräte

    Im schweizerischen Versicherungssystem ist die Kostenübernahme für Eigen- und Leihgeräte nicht eindeutig geregelt. Auf der Mittel- und Gegenstandsliste (MiGel) sind Stimulatoren für den Bereich der funktionellen Elektrostimulation nicht aufgeführt. Kostengutsprachen beruhen auf Einzelfallentscheidungen.

    Ambulante Patienten-Dokumentation

    Aus allen Erstkonsultationen eines externen Zuweisers werden Berichte verfasst, welche Informationen über die Austestung und das geplante Prozedere beinhalten. Verlaufsberichte werden einen Monat vor Ablauf der Kostenübernahme für den Hausarzt und die Versicherer erstellt. Sie beinhalten den bisherigen Verlauf, das weiter geplante Prozedere und evtl. die Anfrage zur Verlängerung der Kostenübernahme.

Angebot / Behandlungsfelder

Die FES stellt eine vielfältige Behandlungsmethode dar, die bestenfalls mit einer ergo- und/oder physiotherapeutischen Behandlung kombiniert wird. Die Auswahl der Stimulationsprogramme mit deren Parametern sollte jedoch immer individuell erfolgen. In aller Regel können keine Standardprogramme erfolgsversprechend eingesetzt werden.

  • Motorisches Lernen ist eine andauernde Veränderung in der Beherrschung einer Fertigkeit, die auf Übung oder Bewegungserfahrung zurückgeht.  Das „Motorische Lernen“ beinhaltet das Lernen oder Wiedererlernen von Bewegungen und Funktionen, die durch eine Schädigung des zentralen und peripheren Nervensystems, wie z.B. eine Rückenmarksverletzung oder einen Schlaganfall beeinträchtigt wurden. Oftmals kann nicht alles wiedererlernt werden, da zu stark geschädigte Bereiche von diesem Prozess ausgeschlossen werden. Es kommt jedoch zu einer Aktivierung von Bereichen der motorischen Grosshirnrinde, die durch den “erlernten Nichtgebrauch” betroffen sind. Als Grundlage dient das Lernmodell von Fitts und Posner, wobei das motorische Lernen in 3 Phasen unterteilt wird.

    Grafik Motorisches Lernen FES

    Übungen unter dem Aspekt des motorischen Lernens kombiniert mit der Funktionellen Elektrostimulation oder direkten Muskelstimulation erhöhen den Reiz auf das zentrale und periphere Nervensystem.

  • Das FES Cycling (Radfahren) wird im Sinne der Prävention als Herz-Kreislauf-Training empfohlen. Hierbei werden die Beinmuskeln (M. quadriceps, Mm. ischiocrurales, M. glutaeus maximus, M. tibialis anterior, M. gastrocnemius) während der Radfahrbewegung stimuliert. Das bedeutet, dass man das Rad mit der Bewegung der stimulierten Beine antreibt. Effekte wie eine grössere Sauerstoffaufnahme während des Trainings und eine gesteigerte Fettverbrennung durch das Training sind untersucht und belegt worden. Einen weiteren Effekt stellt die Verbesserung der körperlichen Fitness dar.
    Perret et al 2010, Gorgey et al 2016, Hasnan et al 2013.

    Als Alternative zum FES Cycling kann auch das Arm Cranking (Hand-/Arm Fahrrad) oder das Rudern mit FES eingesetzt werden.

  • Patienten mit einer Tetraplegie und Paraplegie (TH2 –TH5) fehlt lähmungsbedingt die willkürliche Aktivität der Bauchmuskulatur. Diese wiederum ist wesentlich an der forcierten Ausatmung beteiligt. Die forcierte Ausatmung ist notwendig für eine gute Belüftung der Lunge, das Husten und laute kraftvolle Sprechen. Normalerweise benötigt ein Tetraplegiker eine Hilfsperson, die beim Abhusten eine manuelle Unterstützung gibt. Eine Alternative stellt die FES der Bauchmuskulatur dar. Sie verstärkt die Ausatmung und den Hustenstoss. Das Husten kann somit autonom den ganzen Tag über angewandt werden. Die Elektroden werden morgens auf der Bauchmuskulatur befestigt. Der Stimulator mit einem dementsprechenden Schalter am Rollstuhl befestigt. Wird das Husten benötigt wird der Schalter betätigt, die Bauchmuskulatur zieht sich zusammen und das Husten kann erfolgen.
    McCaughey et al 2019

  • Die FES kann Teilfunktionen von Muskelgruppen oder einzelne Muskeln in ihrer Funktion unterstützen oder sogar ersetzen. Das am häufigsten angewendete System unterstützt Muskeln in den unteren Extremitäten beim Gehen, wie z. B. die Fussheber- und/oder die Gesässmuskulatur. Es können jedoch auch Muskeln im Rumpf, in der Fortbewegung sowie in den oberen Extremitäten beim Greifen von Gegenständen unterstützt oder ersetzt werden. Es bedarf einer individuellen Abklärung, um einen effektiven und effizienten Funktionsersatz zu erstellen.

    Die Abgabe eines solchen funktionsverbesserndem System erfolgt unter Begleitung einer Fachperson des International FES Centre®. Die zu stimulierende Muskulatur muss systematisch trainiert werden, um funktionsverbessernde Systeme im Alltag dauerhaft einsetzen zu können. Testphasen mit regelmässigen Kontrollen, in denen die Stimulationsparameter angepasst werden, gehören zur Abgabe und dauerhaften Nachsorge dazu.

    FES Patientenpfad
  • Mit der FES kann verhindert werden, dass es zur Muskelatrophie, aufgrund von Nichtgebrauch oder Denervation (Gordon et al 1994) kommt. Die Kraft der Muskulatur (Crameri et al 2004), die Leistung (Haapala et al 2008) und die Ausdauer (Sabatier et al 2005) können verbessert werden. Es kommt zu einer Zunahme der Querschnittfläche der Muskeln (Martin et al 1992, Scremin et al 1999) sowie zu einer Zunahme von Muskelmasse (Scremin et al 1999). Es können einzelne Muskeln oder Muskelgruppen in ihrer Funktion gekräftigt werden.

  • Der Einsatz der FES hat eine Tonus, d.h. Spastik- und Spasmenregulierende Wirkung. Diese Wirkung setzt kurz anhaltend, bereits nach der ersten Behandlung ein. Eine länger anhaltende Wirkung wird jedoch erst nach einigen Wochen bis Monaten erzielt. Eine gute Methodik zur Tonusregulation bieten das FES-Cycling, Arm-Cranking mit FES und das FES Rudern. Bei allen drei Methoden wird eine Bewegung durchgeführt, die durch die stimulierte Muskulatur unterstützt durchgeführt wird.

Struktur

  • Die Gefahr einer Fehlstellung des Oberarmkopfes zum Schulterdach zu bekommen, trifft Menschen mit einer Tetraplegie, bei denen die schulterumgebene Muskulatur, aufgrund der Lähmung nicht ausreichend vorhanden ist. Folgen einer Subluxationsstellung im Schultergelenk können Schmerzen und Bewegungseinschränkungen sein. Die FES stellt eine Behandlungsmethode dar, die dem entgegenwirken kann. Optimal ist die Kombination zwischen einer gezielten physiotherapeutischen Behandlung und der FES.

  • Strukturelle Veränderungen im Bereich der Rumpfmuskulatur haben Konsequenzen auf die Statik im Stehen und im Sitzen. Die Folge können skoliotische Fehlhaltungen, lähmungsbedingte Skoliosen und Asymmetrien im Rumpf sein. Neuronale Tonus-veränderungen wie z.B Spastik oder eine asymmetrische Innervation im Rumpf sind ebenfalls Ursachen für statische Abweichungen im Bereich der Wirbelsäule. Bei Kindern und Jugendlichen ohne neurologische Vorerkrankung ist es die idiopathische Skoliose. Die FES in Kombination mit einer gezielten physiotherapeutischen Behandlung der Haltung, sowie einer gleichzeitigen Anpassung des Rollstuhls stellt eine Behandlungsmethode dar. Bei Kindern und Jugendlichen mit idiopathischer Skoliose sind Behandlungsmethoden wie Lehnert-Schrot und Gocht-Gessner sehr gut mit der FES zu kombinieren.

  • Die FES kann zur Vermeidung und Behandlung von Gelenkseinschränkungen, sofern sie muskulär bedingt sind, eingesetzt werden. Dies kann an der oberen als auch an der unteren Extremität eingesetzt werden. Im Bereich der Hand- und Fingergelenke können muskuläre Verkürzungen behandelt werden, die z. B. durch ein Ungleichgewicht zwischen den Hand- und Fingerbeugern und Streckern entsteht. In der unteren Extremität kann der Spitzfuss mit FES behandelt werden. Hier bietet sich nach ärztlicher Abklärung eine Kombinationsbehandlung nach Injektion Botulinumtoxin und anschliessender FES an.

  • Die Ziele für den Einsatz der FES in der Prävention von Hautverletzungen unterschiedlicher Genese sind die Reduzierung und Verhinderung von der Nichtgebrauchs-Atrophie und/oder Denervationsatrophie. Ebenso soll die Ernährung und die Durchblutung der Haut verbessert werden.  

    Bei der Anwendung von FES bei Patienten mit Querschnittlähmung müssen zwei Gruppen unterschieden werden, solche mit einer Läsion des oberen Motoneurons (UMN) und solche mit einer Läsion des unteren Motoneurons (LMN). Die Stimulationsparameter unterscheiden sich bei beiden Arten von Läsionen. Bei einer Schädigung des UMN wird via Nerv mit Pulsbreiten im μs Bereich, bei einer Schädigung des LMN via Muskel direkt mit Pulsbreiten im ms Bereich stimuliert. In beiden Fällen ist das Ziel eine Hypertrophie der Gesässmuskulatur zu erreichen, um einen ausreichenden Polstereffekt auf der Sitzfläche zu bekommen.

    Die Anwendung kann im klinischen und häuslichen Umfeld durchgeführt werden. Darüber hinaus stellt diese Präventivbehandlung eine Möglichkeit dar Hospitalisierungen zu vermeiden oder verkürzen und die Kosten für die Gesundheitsversorgung zu reduzieren.

  • Ist das periphere Nervensystem geschädigt müssen die Stimulationsparameter angepasst werden, damit es zu einer effektiven Stimulation kommt. In aller Regel werden lange Impulse verwendet, da Muskelfasern langsamer erregbar sind als Nervenfasern. Da mehr Ladung durch die Haut gebracht werden muss erfolgt die Stimulation mit Schwammelektroden oder Sicherheitselektroden mit salzfreiem Gel.

    Unter diesen Voraussetzungen ist die Stimulation sehr effektiv und kann im Sinn des motorischen Lernens, der Strukturveränderung und des Krafttrainings eingesetzt werden.

    Ein weiteres Einsatzgebiet besteht vor und nach Nerventransfers zur Funktionsverbesserung in der oberen Extremität. Hier kann der Zielmuskel, falls denerviert in seiner Muskelstruktur erhalten werden. In der Nachbehandlung, in der Zeit, in der der Nerv einwächst und seine Funktion aufnimmt hilft die direkte Muskelstimulation den Zielmuskel kontraktil zu halten.
    Bersch et al 2020.

Links

Literatur

  • Bücher

    Ines Bersch:  Therapeutic Applications of Electrical Stimulation in Spinal Cord Injury. Kapitel 11. S. 253-279 In: Gernot Müller-Putz, Rüdiger Rupp: Neuroprosthetics and Brain-Computer Interfaces in Spinal Cord Injury.  Springer-Verlag, 2021

    Jan Friden, Ines Bersch, Fabrizio Fiumedinisi , Silvia Schibli, Sabrina Koch-Borner.Surgical rehabilitation across countries: A model for planning in telerehabilitation. Kapitel 25,
    In: Elsevier Verlag. 2021

    Ines Bersch. Upper and Lower Motoneuron Lesions in Tetraplegia – Diagnostic and Therapeutic Implications of Electrical Stimulation. 2019. University of Gothenburg, Schweden.

    Thomas Schick (Hrsg.). Funktionelle Elektrostimulation in der Neurorehabilitation. Synergieeffekte von Therapie und Technologie. 2021. Springer-Verlag Berlin Heidelberg.

    Veröffentlichungen

    1. Bersch I, Fridén J. Long-term effect of task-oriented functional electrical stimulation in chronic Guillain Barré syndrome-a single-subject study. Spinal Cord Ser Cases. 2021 Jun 28;7(1):53.  doi: 10.1038/s41394-021-00419-0.
    2. Bersch I. Einsatz der Funktionellen Elektrostimulation (FES) in der Neurorehabilitation – ein Überblick. Orthopädietechnik. Verlag Orthopädie Technik. Dortmund. 72. Jahrgang. 10/ 2021. S. 28—35.
    3. Bersch I, Friden J. Electrical stimulation alters muscle morphological properties in denervated upper limb muscles. EBioMedicine, published by LANCET. 2021 Dec 9;74:103737. doi: 10.1016/j.ebiom.2021.103737
    4. Chandrasekaran S, Davis J, Bersch I, Goldberg G, Gorgey AS. Electricalstimulation and denervated muscles after spinal cord injury. Neural Regen Res. 2020 Aug;15(8):1397-1407.
    5. Bersch I, Fridén J. Upper and lower motor neuron lesions in tetraplegia: implications for surgical nerve transfer to restore hand function. J Appl Physiol (1985). 2020 Nov 1;129(5):1214-1219.
    6. Bersch I, Koch-Borner S, Fridén J. Motor Point Topography of Fundamental Grip Actuators in Tetraplegia: Implications in Nerve Transfer Surgery. J Neurotrauma. 2020 Feb 1;37(3):441-447.
    7. Bersch I, Koch-Borner S, Fridén J.(2018). Electrical stimulation-a mapping system for hand dysfunction in tetraplegia, Spinal Cord 56(5):516-522.
    8. Lampart P, Gemperli A, Baumberger M, Bersch I, Prodinger B, Schmitt K, Scheel-Sailer A. Administration of assessment instruments during the first rehabilitation of patients with spinal cord injury: a retrospective chart analysis. Spinal Cord. 2018 Apr;56(4):322-331.
    9. Laubacher M, Aksöz EA, Bersch I, Hunt KJ. (2017)  The road to Cybathlon 2016- Functional electrical stimulation cycling Team IRPT/SPZ Eur J Transl Myol. 6;27(4).
    10. Bersch I, Fridén J. (2016). Role of Functional Electrical Stimulation in Tetraplegia Hand Surgery, Arch Phys Med Rehabil. 97(6 Suppl):S 154-9.
    11. Bersch I, Tesini S, Bersch U, Frotzler A. (2015). Functional Electrical Stimulation in Spinal Cord Injury: Clinical Evidence versus Daily Practice, Artif. Organs 39(10):849-54.
    12. Mueller G, Bersch-Porada I, Koch-Borner S, Raab AM, Jonker M, Baumberger M, Michel F. (2014). Laboratory evaluation of four different devices for secretion mobilization: Acapella choice, green and blue versus water bottle. Respir Care. 59(5):673-7.
    13. Tesini S, Frotzler A, Bersch I, Tobón A. (2013). Prevention of Orthostatic Hypotension with Electric Stimulation in Persons with Acute Spinal Cord Injury, Biomed Tech(Berl).58.
    14. Bersch I, Frotzler A, Baumberger M. Functional Electrical Stimulation in Spinal Cord Injury: Clinical Evidence versus Daily Practice. Biomed Tech (Berl). 2013 Aug;58 Suppl 1.

Unsere Fachpersonen

  • Ines Bersch-Porada

    Dr. Ines Bersch-Porada

    Leiterin International FES Centre® und Physiotherapeutin
  • Michael Baumberger

    Dr. med. Michael Baumberger

    Chefarzt Paraplegiologie und Rehabilitationsmedizin / Medizinische Verantwortung International FES Centre®
  • Ursula Gföller

    Ursula Gföller

    Physiotherapeutin
  • Susanne Opel

    Susanne Opel

    Physiotherapeutin und FES-Expertin
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    Marie Alberty

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    Kathrin Dopke

    Studienkoordinatorin
  • Ulf Bersch FES Centre

    Dr. med. Ulf Bersch

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