Erfahrungen von der COVID-Intensivstation - Schweizer Paraplegiker-Zentrum

ERFAHRUNGEN AUS DER COVID-INTENSIVSTATION IM SPZ

Logopädin Sarah Stierli berichtet über ihren Arbeitsalltag während der Corona-Pandemie

Anfang 2020 gingen Bilder von überfüllten Intensivstationen, schwer kranken Menschen und entkräftigtem Gesundheitspersonal um die Welt. Bald darauf wurden auch auf den Intensivpflegestationen (IPS) der Schweizer Spitäler Menschen behandelt, die sich mit dem Coronavirus, infiziert hatten. Auch hierzulande stiessen manche Spitäler an ihre Kapazitätsgrenzen.  

Man mag sich fragen, wie es den Menschen auf diesen Stationen ergangen ist. Wie fühlte es sich an, als schwer kranke Patientin komplett isoliert zu sein? Wie geht das Personal damit um, sich selbst der Gefahr einer Infektion auszusetzen? Sarah Stierli, Logopädin am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil, erzählt von ihren Erfahrungen auf der Intensivstation während der COVID-19-Pandemie.

Text: Clara Häfliger
Fotos: Sarah Stierli

März 2020: Ausnahmezustand im Schweizer Paraplegiker-Zentrum

Im März 2020 bat der Kanton Luzern das SPZ um Unterstützung in der Bewältigung der Pandemie. Dies, weil das SPZ spezialisiert ist für die Entwöhnung von Beatmungsmaschinen. Neben dem Luzerner Kantonsspital, der Klinik St. Anna und der Sonnmatt wurde das SPZ zum vierten kantonalen Medical Center für die Behandlung von Corona-Erkrankten.

Im folgenden Video vom März 2020 informierte der damalige Direktor des SPZ, Hans Peter Gmünder, über das Vorgehen.

Sarah Stierli, stellvertretende Leitung Logopädie im SPZ, erläutert den damaligen Ausnahmezustand auf der IPS: «Die normale IPS im SPZ hat 16 Betten, wobei jede Patientin und jeder Patient mit einer Schiebetür vom Gang getrennt ist. Meist besteht dann eine Tröpfchen-Isolation; das bedeutet, Pflegende müssen beim Betreten des Zimmers unter anderem einen Schutzmantel anziehen sowie beim Verlassen des Zimmers den Mundschutz wechseln.» 

«Bei einer Aerosol-Isolation», fährt Stierli fort, «ist das anders, weil Aerosole kleiner sind als Tröpfchen und frei in der Luft herumfliegen. Es braucht FFP2-Masken, die uns davor schützen, die Aerosole einzuatmen. Das SPZ musste zudem bauliche Massnahmen treffen, um mit Trennwänden und Schleusen einen Teil der IPS zu isolieren – die COVID-IPS.»

«Es braucht uns jetzt einfach.» 

 Sarah Stierli

Die Situation sei in dieser Zeit ausgesprochen angespannt gewesen, beschreibt die Logopädin. «Wir wussten wenig über das Virus, wenig darüber, wie man sich am besten schützt. Das war am Anfang sehr belastend.» Dennoch, sagt sie, war für sie und das gesamte Team der Logopädie klar: «Es braucht uns jetzt einfach. Das ist unsere Kernaufgabe, Virus hin oder her.»

Schlucktraining und Sprechen trotz maschineller Beatmung – Logopädie auf der IPS

Was genau ist die Aufgabe der Logopädie? «Bei Personen, die länger als 48 Stunden beatmet waren, ist die Sensibilität im Rachen reduziert», erläutert Stierli. «Dann besteht die latente Gefahr, dass sie eine Schluckstörung entwickeln. Das heisst, dass sie den eigenen Speichel nicht gut schlucken können. Auch das Essen, Trinken und die Einnahme von Medikamenten können problematisch sein.»

Deshalb beurteilt die Logopädie bei Patientinnen und Patienten, die zuvor über den Mund beatmet waren, das Schlucken sowie den Umgang mit Speichel und Sekret. Einige können zu diesem Zeitpunkt bereits wieder selbständig atmen, andere brauchen weiterhin maschinelle Beatmung und werden aus diesem Grund tracheotomiert. Das bedeutet, dass durch einen Luftröhrenschnitt ein direkter Zugang zu den Atemwegen geschaffen und in dieses Loch eine sogenannte Trachealkanüle eingesetzt wird. 

«Neben dem Schlucken geht es in der Logopädie auf der Intensivstation auch darum, die Kommunikation sicherzustellen», erläutert Sarah Stierli. «Um das Schlucktraining und das Sprechen zu ermöglichen, richten wir den beatmeten Patienten mit einem Sprechventil die Situation so ein, dass sie sprechen können, obwohl sie beatmet sind.»

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Verantwortung und maximale Konzentration – Alltag auf der COVID-IPS

Beim Trennen der Beatmungsschläuche bläst die Maschine kontaminierte Ausatemluft des Patienten in den Raum. «Alle logopädischen Massnahmen an der Patientin und am Patienten generieren Aerosole», bestätigt Stierli. Verständlich, dass der Respekt vor dieser Aufgabe in der ersten Welle 2020 gross war. Risiken und Nutzen für die Behandlungen auf der COVID-IPS mussten gut abgewogen werden. «Die schwer betroffenen COVID-19-Erkrankten hatten jeden Tag mindestens einmal, teilweise sogar mehrmals Logopädie. Wir haben alles gemacht, das möglich war, ohne uns dabei zu sehr in Gefahr bringen zu müssen», erzählt Stierli.

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Sarah Stierli in Schutzkleidung bei der Arbeit auf der COVID-IPS: Wenn der Beatmungsschlauch kurzzeitig vom Patienten getrennt wird, muss es schnell gehen.

Komfortabel sei die Arbeit nicht gewesen. «Ich trank wenig, um die Maske nicht ausziehen zu müssen, aber auch, weil der Gang auf die Toilette mit all der Kleidung umständlich war. Pausen habe ich auch meist keine gemacht, nur am Mittag», erzählt Stierli. Gegessen wurde in einem separaten Raum auf der COVID-IPS. Dort konnte man sich kurzzeitig von den Schutzkleidern befreien.

«Die ständige Frage: Wann fasse ich was an? – Das ist schon eine immense Belastung für den Kopf.» 

Sarah Stierli.

Jeder einzelne Handgriff auf der COVID-IPS sei maximal überlegt gewesen. Stierli betont: «Die ständige Frage: Wann fasse ich was an? – Das ist schon eine immense Belastung für den Kopf». Es brauche natürlich auch grosses Vertrauen in die Handlung der anderen. «In der COVID-IPS sind alle im gleichen Boot», erläutert sie, «da trägt man auch die Verantwortung für die anderen Personen».

Angst und Dankbarkeit – Emotionen auf der COVID-IPS

Nebst dem Respekt vor dem Virus habe sie am meisten die Einsamkeit ihrer Patientinnen und Patienten auf der COVID-IPS beschäftigt, die monatelang keinen Besuch haben durften. «Man wusste nicht einmal, ob sie ihre Liebsten überhaupt noch sehen würden», sagt Stierli. Das habe alle Fachpersonen auf der COVID-IPS stark mitgenommen.

«Du bist plötzlich Ersatz für Bezugspersonen, für eine Frau oder ein Kind, Ersatz für alles», erläutert sie. In der Therapie ging es deshalb oft darum, am Sprechventil die Kommunikation mit Angehörigen sicherzustellen. Oft habe sie FaceTime-Anrufe ermöglicht und sei dabei eng mit Angehörigen in Kontakt gewesen. Dazu sagt sie: «Das ist emotional stark belastend, aber auch bereichernd, weil du merkst, wie sehr du gebrauchst wird.»

Ob sie aus der schwierigen Situation auch etwas Positives mitnehmen konnte? Stierli erwähnt den noch stärkeren Zusammenhalt im eigenen Team und unter allen Mitarbeitenden im SPZ. Sie habe fachlich viel dazugelernt. Das inoffizielle Motto des SPZ «Geht nicht, gibt’s nicht» sei noch intensiver gelebt worden.

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Wissenschaftliche Arbeit statt Erholung

Nach der ersten Welle hätte sie sich im Sommer 2020 eigentlich erholen müssen, sagt Stierli. Doch dann ergab sich die Möglichkeit, die gewonnen Erfahrungen auf der COVID-IPS in einer wissenschaftlichen Arbeit festzuhalten. Aus diesem Grund habe sie ihre Überstunden kaum abbauen und sich nicht so gut erholen können, wie sie dies eigentlich gebraucht hätte, sagt sie.

«Es war nur noch arbeiten, essen, schlafen.» 

Sarah Stierli.

Und dann sei die zweite Welle im Herbst 2020 viel schneller gekommen, als sie erwartet hatte. «Da dachte ich schon kurz, dass es jetzt einfach nicht mehr geht. Und es hat uns ja dann wirklich über den ganzen Winter noch einmal massiv belastet und an der Kraft gezehrt. Ich war müde, erschöpft und konnte mich kaum erholen. Es war nur noch arbeiten, essen, schlafen», sagt sie.

  • In der ersten Pandemiewelle in der Schweiz wurden von April bis Juni 2020 auf der COVID-IPS im SPZ insgesamt 17 Patient/-innen im Alter von 33-75 Jahren behandelt. Durchschnittlich verbrachten diese rund 20 Tage auf der Isolierstation. Dort wurden 6-10 COVID-19-Patient/-innen gleichzeitig von der maschinellen Beatmung entwöhnt.

    Während der zweiten Welle zwischen November und Dezember 2020 wurde die COVID-IPS des SPZ erneut aufgebaut und mit der gleichen Bettenzahl betrieben wie im Frühling. Ende Dezember 2020 wurde die Station wieder abgebaut. 

    Da sich die Lage Ende 2021 wieder zugespitzt hatte, wurde die COVID-IPS auch in diesem Winter wieder in Betrieb genommen. Wann sie wieder abgebaut wird, ist abhängig vom Verlauf der Pandemie.  

Erleben Sie die Geschichte einer betroffenen Person

In einem weiteren Blog kommt der SPZ-Patient Zeljko Raduljevic zu Wort. Seit einem schweren Verlauf von COVID-19 ist er vom Hals abwärts gelähmt. Raduljevic wird seit Februar 2021 im SPZ rehabilitiert. Er berichtet offen darüber, wie er die Zeit erlebt hat, wie er mit der Situation umgeht – und über ein «kleines Wunder».

Mehr über Zeljko Raduljevic erfahren

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