Entdeckungsreise auf Augenhöhe

Anfang März 2018 war Baustart für das multimediale Besucherzentrum der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Es ermöglicht vielfältige Begegnungen und sensibilisiert für die Herausforderungen von Querschnittgelähmten, damit sie noch besser in die Gesellschaft integriert werden. Eröffnung ist im Herbst 2019.

Visualisierung Besucherzentrum

Hemmy Fayet Architekten.

Und wieder fahren die Bagger auf: Anfang Februar 2018 wurde mit dem Aushub für den Neubau des Besucherzentrums auf dem Campus Nottwil begonnen. Dessen Kernstück ist eine 400 Quadratmeter grosse Ausstellung, die Einblicke in den Alltag von Betroffenen und den aufwändigen Rehabilitationsprozess gibt. Ebenso greift sie weitergehende Fragen rund um das Thema Querschnittlähmung auf, zum Beispiel den Umgang von Freunden und Angehörigen mit der veränderten Lebenssituation. Auch medizinische Informationen kommen nicht zu kurz. Einfach erklärt, greifbar vermittelt. Rund dreissig Fachthemen aus dem Leistungsnetz der ganzheitlichen Rehabilitation präsentiert die Ausstellung – eingeflochten in vier Lebensgeschichten. Inhalt und Vermittlung orientieren sich an den veränderten Erwartungen der heutigen Ausstellungsbesucher. Die Präsentationen sind interaktiv und multimedial und berücksichtigen den aktuellen Stand der Szenografie. Ein hoher Anspruch.

Vielen Besuchern wird klar, dass ihr Mitgliederbeitrag oder ihre Spende am richtigen Ort eingesetzt wird.

Begegnungen, um besser zu verstehen

Schon seit Längerem stossen die populären Unternehmensbesichtigungen  auf dem Campus an ihre Kapazitätsgrenzen. Das neue Besucherzentrum wird diese Situation entschärfen und gleichzeitig neue Zugänge eröffnen. Zum Beispiel werden etliche Möglichkeiten für Selbsterfahrungen bereitstehen. Ein zentrales Element in Guido A. Zächs ganzheitlicher Rehabilitation ist die Begegnung. Die 1990 vom heutigen Ehrenpräsidenten der Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) zusammen mit dem Klinikgebäude eröffnete lichtdurchflutete Begegnungshalle zeugt von seinem hohen Anspruch in diesem Bereich. Es geht um bewusst geförderte Begegnungen von Querschnittgelähmten und ihren Angehörigen mit nicht Querschnittgelähmten, Rollstuhlsportlern, Gesundheitsfachleuten oder Spendern. Hemmschwellen sollen abgebaut und Verständnis für die Herausforderungen der Betroffenen geschaffen werden. Denn solche Begegnungen fördern die Integration, und zuallererst im SPZ.

11 000 Gäste nehmen jährlich an einem Klinikrundgang teil.

Wissen fördert die Chancengleichheit

Die Sensibilisierung der Bevölkerung ist eng mit dem Stiftungsauftrag verbunden, die Lebensqualität von querschnittgelähmten Menschen nachhaltig zu verbessern. Denn querschnittgelähmt sein heisst mehr, als nicht mehr laufen können. Es geht der SPS darum, aufzuklären, was es heisst, von einer Sekunde zur anderen in eine völlig  neue Lebenssituation hineinkatapultiert zu werden. Damit umgehen zu lernen und sich auf das Noch-Mögliche zu konzentrieren. Diese Wissensvermittlung trägt letztlich dazu bei, dass die Chancengleichheit von Querschnittgelähmten in die Realität umgesetzt werden kann.

Das Verständnis in der Bevölkerung durch Wissen zu fördern, ist eines der Ziele der beliebten Klinikführungen in Nottwil. Rund 160 Mitarbeitende aus allen Bereichen der Schweizer Paraplegiker-Gruppe sind stolz darauf, als Gästebegleiter 11 000 Besuchern jährlich auf einem Rundgang durch das SPZ von ihrem beruflichen Engagement für die Betroffenen zu erzählen. Sie informieren über die ganzheitliche Rehabilitation und sensibilisieren die Besuchergruppen für die Probleme und Anliegen von Rollstuhlfahrern und inkomplett Querschnittgelähmten. Solche Klinikführungen sind immer auch mit Emotionen verbunden.

Viele Besucher fragen sich: Was, wenn das mir passieren würde? Sich monatelang auf ein völlig anderes Leben vorbereiten, lohnt sich der Kraftakt? Dieser Kampf zurück? Die Gästeführer vermitteln eindrücklich, mit welch einem immensen persönlichen und therapeutischen Einsatz die Patienten auf ihrem langen Weg zurück in einen selbstständigen und selbstbestimmten Alltag begleitet werden. Und dann wird vielen Gästen klar, dass ihr Mitgliederbeitrag oder ihre Spende am richtigen Ort eingesetzt wird.

«Mit dem Besucherzentrum können wir noch besser zeigen, worum es im Alltag von Querschnittgelähmten geht. Ich unterstütze dieses Projekt von ganzem Herzen.»

Heinz Frei, Präsident der Gönner-Vereinigung der SchweizerParaplegiker-Stiftung

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Vier berührende Lebensgeschichten

Die loftähnlich inszenierte Ausstellungsfläche des neuen Besucherzentrums stellt eine fiktive  Wohngemeinschaft dar. Hier leben zwei Paraplegiker und zwei Tetraplegiker mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Sie erzählen von ihrem Unfall oder ihrer Erkrankung, von der Rehabilitation, von Freundschaft und Liebe, von beruflicher Wiedereingliederung.

Da ist zum Beispiel Sarah (32). Durch einen unverschuldeten Auffahrunfall vor fünf Jahren wurde sie zur Paraplegikerin. Wie gehen sie und ihr Partner mit der Lebenskrise um? Gemeinsame Familienpläne, das eingespielte Zusammenleben, die klar verteilten Rollen, das Liebesleben – vieles wurde infrage gestellt.

WG-Mitbewohner Stefan (45) ist seit zwanzig Jahren Tetraplegiker nach einem anfänglich banal aussehenden Velounfall. Sein Tagesablauf ist geprägt von Therapien und Schmerzen.

Christine (68) ist durch eine schwere Krankheit am Rückenmark von den Schultern an gelähmt und hat gerade die Erstrehabilitation hinter sich. Zwölf Monate wurde sie am SPZ behandelt und kann nach unzähligen Therapien wieder selbstständig die Gabel zum Mund führen.

Matteo (17) ist der Jüngste in der Wohngemeinschaft. Acht Monate zuvor stürzte er beim Downhill-Biken schwer und wurde zum Paraplegiker.

Digital Natives abholen

Bei vielen Lehrpersonen und Schulklassen gehört ein Besuch des Schweizer Paraplegiker-Zentrums zum festen Programm. Anhand der Querschnittlähmung lässt sich ein breites Feld an Fragen rund um die gesellschaftliche Integration aufzeigen. Rund 3000 Jugendliche nehmen jährlich an den Klinikführungen teil. Auch dieser anspruchsvollen Zielgruppe möchte das neue Besucherzentrum auf dem Campus zeitgemässe Zugänge zum Thema bieten. Die multimedial konzipierte Ausstellung vermittelt ihnen starke Erlebnisse mit Selbsterfahrungsaktivitäten. Damit leistet die Schweizer Paraplegiker-Stiftung einen auf die Zukunft ausgerichteten Beitrag zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Anliegen und die Chancengleichheit von Menschen mit Querschnittlähmung. Denn der Bedarf an Solidarität mit den Betroffenen ist und bleibt hoch.

«Der Besuch des SPZ ist jedes Mal bereichernd, aber auch herausfordernd. Die Schüler gehen mit prägenden Eindrücken nach Hause. Die authentischen Erlebnisberichte der Betroffenen lassen sie nicht so schnell los.»

Liselotte Neeser, Klassenlehrperson, Schule Zofingen

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400 Quadratmeter sind für die multimediale Ausstellung vorgesehen Interaktiv und multimedial sollen Ausstellungen heute sein. Da in unserer Gesellschaft ein Überangebot an Freizeitbeschäftigungen besteht, ist ein Kampf um Aufmerksamkeit entstanden. Wie stark eine Botschaft wahrgenommen wird, entscheidet sich am attraktiven Zugang. Dabei geht der Trend zur Inhaltsvermittlung in Form von Erlebnissen ungebrochen weiter. Denn die Bevölkerungsgruppe der Digital Natives, die in einer digitalisierten Umgebung aufgewachsen ist, wird von Jahr zu Jahr grösser. Ständig neue Medienformen gehören ebenso selbstverständlich zu ihrem Alltag, wie sie schon von Kindsbeinen an Handy, Tablet und Computer genutzt haben. Wissen erwerben sie über diverse Medien und Kanäle; gleichzeitig und spielerisch.

Finanzierung

Für das neue Besucherzentrum auf dem Campus Nottwil sind Kosten von 8,65 Millionen Franken veranschlagt. Neben der multimedialen, interaktiven Ausstellung umfasst dieser Betrag die gesamte Planung, den Neubau des zweistöckigen Gebäudes, die Infrastruktur, Einrichtungen für Empfang, Büros, Archivräumlichkeiten sowie zwei Vortrags- und Konferenzräume.

Für dieses neue Zentrum durfte die Schweizer Paraplegiker-Stiftung schon eine grosszügige Privatspende entgegennehmen. Der Kanton Luzern hat ebenfalls einen Beitrag aus dem Lotteriefonds gesprochen. Weitere Kantone sind angefragt. Einen Drittel der Kosten versucht die Paraplegiker-Stiftung nun mit zusätzlichen privaten Spenden zu decken.  Das neue Besucherzentrum unterstützt den ganzheitlichen Einsatz für Querschnittgelähmte auf dem Campus Nottwil. Damit Betroffene in Familie, Beruf und Gesellschaft besser integriert sind. Damit sie Chancengleichheit im Alltag erfahren. Damit immer mehr Menschen um sie herum wissen, dass querschnittgelähmt sein nicht einfach Nicht-mehr-gehen-können heisst.

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