Stefan Keller Gleitschirmfliegen im Rollstuhl

«Ich habe mich fürs Leben entschieden»

Ein Gespräch mit Stefan Keller und Stephan Lauper.

Gleitschirmpilot Stefan Keller verwirklicht einen Traum: Vom Weissenstein bei Solothurn nach Girona in Spanien – in einem sportlichen Wettkampf über 700 Kilometer Luftlinie, nur mit Gleitschirm und Rollstuhl. Ist das verrückt? Wir fragen den Piloten und den katholischen SPZ-Seelsorger.

 

Gespräch: Stefan Kaiser

 

2013 wurde Stefan Keller beim Gleitschirmfliegen von einer Turbulenz erfasst und zu Boden geworfen. Diagnose: Querschnittlähmung. Auf das Fliegen will er deswegen nicht verzichten. Mit seinem Alltagsrollstuhl, den er sowohl auf der Strasse wie in der Luft nutzen kann, stellt er sich immer wieder neuen Herausforderungen. Sein aktuelles Projekt: Ein Wettkampf vom Weissenstein nach Girona am Fuss der spanischen Pyrenäen. 700 Kilometer mit Gleitschirm und Rollstuhl.  
Der Fluglehrer und Coach sitzt in der Begegnungshalle des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ). Über ihm schwebt die Skulptur «Parikarus» von Paul Gugelmann unter dem Glasdach. Zum Gespräch kommt mit Seelsorger Stephan Lauper ein zweiter Himmelsspezialist. Schnell wird klar: Ein Rollstuhl ist nur eine andere Gangart. Alle anderen Ansprüche ans Leben bleiben gleich.

 

Stephan Lauper Seelsorger am Schweizer Paraplegiker Zentrum
Stefan Keller Schweizer Paraplegiker Zentrum

Stefan Keller, Stephan Lauper, was ist Risiko?
K: Je nach Tätigkeit gibt es kleinere oder grössere Gefahren und Hindernisse. Wenn man diese verdrängt, können damit Risiken verbunden sein. Mut heisst dann: Man hat Angst und macht es dennoch.
L: Unser ganzes Leben ist ein Risiko. Denn letztlich gibt es immer Sachen, die wir nicht im Griff haben. Die Frage ist: Wie bewusst sind wir uns dessen? Wir können nur versuchen, mit den Risiken verantwortungsvoll umzugehen. 
K: Ja! Mit dem bewussten Umgang kann man Risiken reduzieren und minimieren. Ein Teil davon bleibt.

In Ihrem Sport ist das Risiko ein Teil des Kitzels.
K: Für mich schon lange nicht mehr; das wäre auch gefährlich. Gleitschirmfliegen birgt Gefahren. Wenn man diese bewusst angeht, kann man den Sport sicher betreiben.

 

Beim Briefmarkensammeln gibt es keine Turbulenzen.
K: Wenn man sehr viel in der Luft ist, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Unfall beim Fliegen passiert. Würde ich stattdessen Briefmarken sammeln, wäre ich schon gestorben… [lacht]
L : …weil du einen Teil deines für dich richtigen Lebens verlieren würdest.
 

Stefan Keller Gleitschirmfliegen im Rollstuhl über dem Alletschgletscher

Darf man sein Leben in die Waagschale werfen?
K: Das sehe ich nicht so. Ich sehe ein erhöhtes Risiko, das ich in Kauf nehme für die grössere Fülle an Leben, die damit verbunden ist – inklusive meinem Unfall. Er hat mein Leben reicher gemacht. 
L: Ethik und die Seelsorge funktionieren nicht schwarz-weiss: Dies ist erlaubt und jenes verboten. Es muss möglich sein, dass jeder Mensch ein autonomes Leben in Fülle führen kann. Es geht um ein Abwägen von verschiedenen Werten. 

 

Die Paraplegiker-Stiftung bekommt manchmal empörte Zuschriften, weil jemand nach einem Gleitschirmunfall weiterfliegt. 
K: Rein versicherungstechnisch belasten Fussballer das Solidarsystem viel stärker als Gleitschirmflieger. Und weltweit die häufigste Ursache für Querschnittlähmungen sind Schussverletzungen. Über dieses Thema wird interessanterweise weniger empört diskutiert.
L: Die meisten verunfallten Autofahrer fragen auch nicht, ob sie wieder in ein Auto steigen dürfen. Ich sehe keinen Unterschied, ob jemand etwas zum ersten oder zum zweiten Mal macht. Weshalb soll Gleitschirmfliegen nach einem Unfall problematischer sein als beim allerersten Start? Es irritiert mich, dass viele Risiken gesellschaftlich anerkannt sind – etwa Alkohol, Rauchen, Motorrad- oder Skifahren. Wenn schon, müsste man also das Gleitschirmfliegen ganz verbieten. Doch welche Instanz könnte das? 
 

Ein Verbot tangiert die Autonomie des Menschen. 
L: Genau! Es geht um unser christliches Menschenbild: Dass wir jedem einzelnen zutrauen – und zumuten! –, seine Autonomie und sein Menschsein bestmöglich zu leben. Das zu verbieten wäre unethisch.
K: Wenn ich mit dem Rollstuhl weiterfliege, bin ich ein Mahnmal. Im Schweizerischen Hängegleiter-Verband ist mein Engagement für die Sicherheit glaubwürdiger, als wenn ich in der Versenkung verschwunden wäre. Dann wäre ich vergebens vom Himmel gefallen…

 

Worin besteht der Reiz, als Rollstuhlfahrer zu fliegen?
K: Das ist ganz einfach: Sobald ich in der Luft bin, habe ich kein Handicap mehr. Ich kann die Natur frei geniessen und grosse Distanzen zurücklegen. 

 

Setzen sich die Patienten am SPZ nachträglich mit dem Risiko auseinander, das zu ihrem Unfall geführt hat?
L: Ich höre selten: «Hätte ich doch nicht…» Zur Überlebensstrategie gehört, dass man vorwärts schaut, das Hadern mit der Vergangenheit hilft da wenig. Ich staune immer wieder, wieviel Lebenskraft bei den Patienten vorhanden ist. Als Seelsorger versuche ich, sie darin zu unterstützen. Wenn jemand wieder das gleiche machen will, das zu seinem Unfall geführt hat, ist es seine persönliche Entscheidung und der individuelle Versuch, in seinem Leben Erfüllung zu finden. 
 

«Ich war schon vorher sehr sicherheits- und risikobewusst, daran änderte sich nichts», Stefan Keller.

Seit der Vertreibung aus dem Paradies müssen wir zwischen Gut und Böse entscheiden.
L: Gut und Böse ist zu einfach, das Leben ist vielschichtiger. Als Seelsorger masse ich mir nicht an, einen Patienten irgendwie zu beeinflussen. Ich begleite ihn auf seinem Weg, so viel wie möglich wieder vom Leben lieben zu können; ich versuche, neue Perspektiven zu öffnen und Hoffnungsprozesse zu unterstützen. Und ich traue jedem Menschen zu, für sich selbst einen Weg zu finden. 
K: Beim Fliegen setze ich mich der Schwerkraft aus, was tödlich enden kann. Aber ist die Schwerkraft der Teufel? Nein, sie ist einer der wichtigsten Lebensfaktoren. Ohne sie gäbe es kein Wetter, kein Klima und keinen Lebensraum für uns Menschen. Stellt man sie ab, würden wir ins Weltall geschleudert. 

 

Sie sprechen von bewussten Entscheidungen. Wir sind aber oft getrieben – von Hormonen, Marketing-Versprechungen oder dem Druck zur sozial-medialen Selbstinszenierung. 
L: Wie ein Mensch mit diesem Druck umgeht, ist seine Entscheidung. Nur weil die Werbung behauptet, dass mir Flügel verliehen werden, muss ich noch lange nicht das entsprechende Getränk konsumieren und meine Willensfreiheit preisgeben. Autonomie, Würde und Menschlichkeit liegen darin, dass man nach seinem innersten Gewissen eine Entscheidung trifft, bewusst oder unbewusst.
K: Ich kam ohne Beeinflussung zum Fliegen. Schon als Kind sprang ich mit einem Schirm von der Küchenbank und spielte mit der Schwerkraft.
L: Und wenn man dir den Schirm weggenommen hätte…?
K: … hätte man mir einen wesentlichen Teil des Lebens weggenommen. Meine Entscheidung lautet nicht: weiterfliegen oder aufhören? Sondern ich entscheide bei jedem Start von Neuem: Ist es das Wert, bei diesen Bedingungen zu fliegen? Diese Risikobeurteilung trainiere ich ganz bewusst. Daher stellte ich mir keine Minute die Frage, ob ich weiterfliege. Ich habe mich fürs Leben entschieden.
 

Geht man das Fliegen nach einem Unfall bewusster an?
K: Ich war schon vorher sehr sicherheits- und risikobewusst, daran änderte sich nichts. Aber wenn ich heute Sicherheitsthemen anspreche, hat das im Verband mehr Gewicht. So kann ich einen Beitrag für die Sicherheit aller Piloten leisten.
L: Es gibt viele, die das Risiko verdrängen. Es ist wie beim Rauchen: Man weiss, das Risiko ist zwar da – aber nicht für einen selbst. Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von «optimism bias». 
K: Zwischen Gut und Böse gibt es keine Punktzahlen. Hat Adam den ganzen Apfel gegessen oder nur ein bisschen? Vor dem Flug beobachte ich tagelang das Wetter. Beim Start muss jemand meinen Stuhl auf der schiefen Ebene loslassen. Ich sage: «Los!» Ich treffe die Entscheidung und darauf bereite ich mich minutiös vor. Ein Entscheid ist ein durchaus aggressiver Vorgang. Man zieht das Schwert aus der Scheide und macht einen Schnitt. 
L: Entscheiden heisst, die Verantwortung voll und ganz auf sich zu nehmen. Auch mit dem Risiko, dass es mich treffen kann.
 

Stefan Keller Gleitschirmfliegen im Rollstuhl
Stephan Lauper Seelsorger am Schweizer Paraplegiker Zentrum

Sport dient dem Freizeitvergnügen. Aus Sicht der Solidargemeinschaft ist das eher ein Luxus.
L: Im Prozess der Rehabilitation ist dieser «Luxus» eminent wichtig – etwas, das eine Perspektive gibt. Etwas, wofür es sich lohnt, sich abzurackern, die Schmerzen auszuhalten und zu hoffen. Das Freizeitvergnügen ist also keine Nebensächlichkeit.
K: Das kann ich nur bestätigen. Das Fliegen war für mich ein zentrales Ziel in der Reha, das mir bei vielen Komplikationen und Unsicherheiten einen Halt gab. 

 

Sie machen immer wieder «verrückte» Challenges. Derzeit den Wettkampf vom Weissenstein nach Girona.
K: Diese Sachen sind insofern «verrückt», weil ich mich selber ver-rücke, also nachher nicht mehr am gleichen Ort stehe, sondern weitergekommen bin. 
L: Es geht darum, ob man etwas Verrücktes tut, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Nur lustbetont und verantwortungslos. Bei Stefan habe ich ein anderes Gefühl.
K: Jeder Unfall passiert dumm, auch bei mir. Eine Sekunde vorher und später wäre nichts passiert. Warum geschehen Unfälle? Der Un-Fall ist das Gegenteil eines Falls. Er ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. 
 

 

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