Auch Reisen mit ÖV muss gelernt werden

Daniel reist mit Öv

Auch Reisen mit ÖV muss gelernt werden

September-Blog 2020

Autor: Daniel Rickenbacher

In der Oberstufe war mein Ziel, mit dem ÖV von Luzern nach Brunnen zu reisen. Die Ergotherapie und die Wohngruppe haben mich auf diesem Weg stark unterstützt. Sie fuhren mit mir Bus und sie haben mir gezeigt, wie ich alles machen muss. Das Gefühl, als ich zum ersten Mal von einer Betreuungsperson zur Schiffsstation begleitet wurde und ich allein nach Brunnen fahren durfte, war unbeschreiblich. Es war ein Gefühl von Freiheit, Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Mit der Zeit lernte ich auch mit den anderen Verkehrsmitteln zu reisen.

«Es war ein Gefühl von Freiheit, Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.»

Daniel Rickenbacher

Heute fahre ich viel mit dem ÖV. Es wurde schon sehr viel für die Mobilität für Menschen mit Beeinträchtigung gemacht, doch gibt es noch einiges zu tun. Wie weit sollte die Autonomität beim Ein- und Aussteigen in den ÖV gehen? In der jetzigen Situation müssen die Buschauffeure aus dem Bus steigen und die Rampe runter klappen. Das ist für die Chauffeure und für uns Menschen mit Beeinträchtigungen, aber auch für Menschen im Alter sehr mühsam. Oft beobachte ich, dass Menschen im Alter kaum einsteigen können. Wenn Sie Glück haben, hilft ihnen jemand. So ist es auch bei den S-Bahnen. Viele Menschen denken, in der S-Bahn kann jeder selbständig ein- und aussteigen. Leider ist das noch viel zu oft nicht die Realität. Bei einigen Bahnhöfen stimmt die Perronhöhe nicht. Es wurde jedoch begonnen, die Züge so umzubauen, damit ein Zugwaggon zwei verschieden hohe Türen hat.

Die InterRegio-Züge haben meistens noch ein weiteres Hindernis: Sie können die Rampen nicht rausfahren. Der Abstand zwischen dem Zug und dem Perron ist viel zu gross. Zum Glück gibt es die Bahnhofshilfe. Diese hilft Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen im Alter selbständig zu reisen. Menschen, die die Bahnhofshilfe brauchen, können sie per Telefon oder per E-Mail buchen. Bei grossen Bahnhöfen telefonisch etwa zwei Stunden im Voraus und per E-Mail eins bis zwei Tage im Voraus. Je nach Zug kommt die Bahnhofshilfe entweder mit der gelben Hebebühne oder mit einer Rampe zum Perron und hilft beim Ein- oder Aussteigen. Die Bahnhofshilfe leistet sehr gute und wertvolle Arbeit. Ich bin sehr dankbar dafür.

Das Ziel muss aber das autonome Reisen für Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen im Alter sein. Autonomes Reisen ist Gleichberechtigung, da man nichts organisieren muss. Es fördert die Selbständigkeit und die Selbstbestimmung. Längerfristig ist es auch kostensparend, da es weniger Hilfspersonal braucht.

Aktuelle Maskenpflicht im ÖV

Haben Sie schon Menschen gesehen, die aktuell im öffentlichen Verkehr keine Maske tragen und nicht aufgefordert werden eine anzuziehen? Ich bin einer davon. Als die Maskenpflicht im ÖV eingeführt wurde, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich in Zukunft reisen werde. Ich kann motorisch keine Maske anziehen. Hinzu kommt, dass ich nicht gut atmen kann. Aber ich muss geschäftlich sowie auch privat mit dem ÖV fahren können. Ich fragte mich, ob die Behörden an uns gedacht haben, wollte aber nicht warten. Mit einer Assistenzperson rief ich meinen Arzt an und fragte ihn, ob ich ein Attest haben könnte, damit ich keine Schwierigkeiten kriege. Ein paar Tage später wurde in der Tagesschau darüber berichtet, dass es eben Menschen gibt, die von der Maskenpflicht ausgenommen sind - da gehöre ich auch dazu. Trotzdem ist es gut, wenn ich mein Attest dabeihabe. So ist es klar und ich kann die Fahrt mit dem ÖV geniessen, denn der ÖV ist für mich sehr wichtig.

Im Oktober-Blog erwarten Sie spannende Berichte über meine Sommer- und Herbstferien. Bis dann!

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Über den Autor

Hallo zusammen

Mein Name ist Daniel Rickenbacher und ich bin der Autor dieses Blogs. Hier berichte ich regelmässig aus meinem nicht ganz alltäglichen Alltag. Ich wurde 1993 geboren und lebe aufgrund eines Sauerstoffmangels seit meiner Geburt mit einer Cerebral Parese (CP). Aufgewachsen in Illgau (Kanton Schwyz), wohne ich heute in meiner eigenen Wohnung in Alpnach Dorf. Die Selbstbestimmung und die Selbständigkeit sind in meinem Alltag nicht selbstverständlich. Doch dafür kämpfe ich, Tag für Tag.

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